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14.12.2016

16:00 Uhr

Kampf gegen den IS

Nach Aleppo geht's nicht mehr ohne Assad

Nach dem Sieg Assads in Aleppo muss der Westen seine Strategie im Kampf gegen den IS in Syrien überdenken. Der Herrscher hat sich einen entscheidenden Vorteil verschafft und kann auf den künftigen US-Präsidenten hoffen.

Präsident Baschar al-Assad hat fast alle großen Städte des Landes unter seine Kontrolle gebracht. AP

Kämpfe in Aleppo

Präsident Baschar al-Assad hat fast alle großen Städte des Landes unter seine Kontrolle gebracht.

BeirutDer bevorstehende Triumph der Regierungstruppen in Aleppo ist ein entscheidender Augenblick im syrischen Bürgerkrieg. Mit seiner erbarmungslosen Kriegführung hat Präsident Baschar al-Assad fast alle großen Städte des Landes unter seine Kontrolle gebracht und seinen Machtanspruch gefestigt. Im Kampf gegen die Terrormiliz Islamischer Staat dürfte jetzt kaum noch ein Weg an ihm vorbeiführen. Die Hochburgen der bisweilen auch als ISIS bezeichneten Terrortruppe, liegen vor allem im Nordosten Syriens.

Eine Zusammenarbeit mit Assad gegen den Islamischen Staat galt lange als undenkbar. Wegen seines brutalen Vorgehens gegen Oppositionelle und Rebellen wurde Assad nicht nur im Westen geächtet, sondern auch von zahlreichen Staaten der Region. Dem seit fast sechs Jahren tobenden Bürgerkrieg fielen Hunderttausende zum Opfer. Etwa die Hälfte der Bevölkerung wurde aus ihren Häusern vertrieben, Millionen flohen ins Ausland, einige bis nach Europa.

Warum Aleppo im Krieg so wichtig ist

Symbolwirkung

Aleppo hat sich zum Symbol für den verheerenden Konflikt entwickelt. Die Stadt war nahezu seit Beginn der Kämpfe zwischen Regime und Rebellengruppen geteilt und ist das am schwersten umkämpfte Schlachtfeld in dem Krieg. Wer hier siegt, hat auch einen immensen psychologischen Vorteil.

Letzte Hoffnung für Rebellen

Aleppo ist die letzte Großstadt, in der Aufständische noch Gebiete kontrollieren. Damaskus und Homs sind fest in der Hand der Truppen von Syriens Präsident Baschar al-Assad. Den Rebellen blieben ohne die ehemals größte Stadt des Landes nur noch einige eher ländliche Gebiete wie die Provinz Idlib.

Strategisch wichtig

Nicht zu unterschätzen ist der militärische Spielraum, den die syrische Armee bei einer Eroberung gewinnen würde. Die Schlacht um die ehemalige Handelsmetropole bindet viele Kräfte. Diese könnten sich dann auf andere Rebellengebiete des Landes konzentrieren und das Ende des Bürgerkrieges erzwingen.

Einfluss Russlands

An der Entwicklung in der nordsyrischen Stadt lässt sich der Einfluss Russlands seit seinem Kriegseintritt vor mehr als einem Jahr sowie der des Irans ablesen. Ohne diese beiden Verbündeten wäre das geschwächte Regime nicht in der Lage gewesen, die Rebellen so in die Defensive zu drängen.

Verfehlte Politik des Westens

An Aleppo zeigt sich die Schwäche und die verfehlte Politik des Westens, allen voran der USA und seiner Verbündeten. Sie ließen ein Machtvakuum im Bürgerkrieg entstehen, in das Moskau zugunsten der syrischen Regierung vorstieß - und gucken nun ohnmächtig der zivilen Katastrophe zu.

Verhandlungsbasis

Die Eroberung Aleppos würde dem Regime eine starke Verhandlungsbasis für künftige Friedensgespräche geben – falls Assad diese angesichts seines Siegeszuges überhaupt für nötig halten sollte.

Die Großmächte waren jedoch nicht bereit, direkt einzugreifen - bis Russland im Frühherbst 2015 dem taumelnden Assad mit großangelegten Luftangriffen zur Seite sprang und seine Position entscheidend stärkte. Nach der Rückeroberung Aleppos sind die gemäßigten Rebellen jetzt auf einige im Land verstreute Gebiete zusammengedrängt und scheinen kaum noch in der Lage, größere Aktionen zu starten.

Dazu kommt ein gewählter US-Präsident, der keine Berührungsängste gegenüber Assad erkennen lässt. „Ich mag Assad überhaupt nicht“, bekannte Donald Trump im Oktober. „Aber Assad tötet ISIS. Russland tötet ISIS.“ Trump könnte also nach dem Motto verfahren: „Der Feind meines Feindes ist mein Partner“. Die Nominierung des Russlandfreundes Rex Tillerson zum US-Außenminister passt in dieses Bild.

Als der IS 2014 riesige Gebiete Syriens und des Iraks besetzte, dort eine Schreckensherrschaft mit Massenmorden und Sklaverei errichtete und Anschläge in aller Welt verübte, zimmerten die USA eine Koalition aus westlichen Verbündeten, Regionalmächten und lokalen Milizen. Diese stoppte den IS und drängt ihn im Irak mittlerweile deutlich zurück.

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In Syrien dagegen erwies sich Assads Paria-Status als ernstes Problem. Da der scheidende Präsident Barack Obama keine regulären Bodentruppen einsetzen wollte, verbündete er sich mit allerlei Milizen, die unter dem Begriff gemäßigte Opposition zusammengefasst wurden und sowohl gegen den IS als auch gegen Assad kämpfen. Die USA beschränken sich auf Waffenlieferungen, Luftangriffe und ein paar Kommandoaktionen mit Spezialkräften. Das brachte zwar einige Erfolge, dürfte aber nicht mehr lange funktionieren, falls sich ein Sturz Assads als unmöglich erweist.

Genau an diesem Punkt ist Assad mit der Vertreibung der Rebellen aus Aleppo einen entscheidenden Schritt weiter gekommen. Die größte Stadt Syriens war einst das wirtschaftliche Zentrum des Landes. Außerdem ist sie strategisch wichtig und hat einen hohen Symbolwert. Darüber hinaus kontrolliert Assad Damaskus, die Großstädte Homs und Hama, die Mittelmeerküste sowie große Teile der Grenze zum Libanon. Dabei will er es nicht belassen. „Auch wenn wir in Aleppo fertig sind, werden wir den Krieg fortsetzen“, sagte er vergangene Woche.

Die bislang in Aleppo eingesetzten Truppen und die mit ihnen verbündeten Milizen kann Assad nun in andere Rebellengebiete schicken, etwa in die Gegend um Damaskus, an die jordanische Grenze oder in die Provinz Idlib im Norden, wo der syrische Ableger des Terrornetzwerks Al-Kaida sitzt.

Kommentare (1)

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14.12.2016, 17:25 Uhr

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