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18.09.2016

13:36 Uhr

Kampf gegen den IS

US-Truppen greifen versehentlich syrische Armee an

Nach einem missglückten Luftangriff der USA verliert die syrische Armee wichtige Stellungen an den IS. Später kann sie Teile davon zurückerobern. Für Moskau und Washington stellt sich eine neue Zerreißprobe.

Angriff auf syrische Regierungstruppen

Spannungen zwischen USA und Russland verschärfen sich

Angriff auf syrische Regierungstruppen: Spannungen zwischen USA und Russland verschärfen sich

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BeirutKampfjets haben nach Angaben aus der syrischen Opposition erstmals seit Beginn des Waffenstillstands vor knapp einer Woche wieder die Großstadt Aleppo angegriffen. Mehrere Stadtbezirke seien getroffen worden, offenbar habe es Verletzte gegeben, teilte die in London ansässige Syrische Beobachtergruppe für Menschenrechte am Sonntagnachmittag mit.

Unmittelbar zuvor hatte das russische Außenministerium erklärt, die Spannungen in Aleppo hätten zugenommen und die Rebellen würden einen groß angelegten Angriff auf syrische Regierungstruppen vorbereiten.

Die Waffenruhe steht mehr denn je auf der Kippe, seit US-geführte Kampfjets am Samstag Dutzende syrische Soldaten bei einem Luftangriff getötet hatten. Bei dem Angriff im Osten des Landes wurden am Samstag nach russischen Angaben 62 syrische Soldaten getötet und hundert weitere verletzt. Der UN-Sicherheitsrat kam auf Antrag Moskaus zu einer Dringlichkeitssitzung zusammen, bei der US-Botschafterin Samantha Power den Vorfall bedauerte.

Wer kämpft gegen wen in Syrien?

Regime

Anhänger von Präsident Baschar al-Assad kontrollieren weiter die meisten großen Städte wie Damaskus, Homs, Teile Aleppos sowie den Küstenstreifen am Mittelmeer. Syriens Armee hat allerdings viele Soldaten verloren und wird vor allem durch russische Kampfjets, iranische Kämpfer und die Schiitenmiliz Hisbollah unterstützt. Auch Verbände aus Afghanistan und dem Irak sollen aufseiten des Regimes kämpfen.

Islamischer Staat (IS)

Die Terrormiliz hat in den vergangenen Monaten große Teile ihres Gebietes verloren, herrscht aber immer noch in vielen Städten entlang des Euphrats und in Zentralsyrien.

Rebellen

Unzählige Rebellengruppen kämpfen in Syrien - von moderaten Gruppen, die vom Westen unterstützt werden, bis zu radikalen Islamisten, wie der früheren Nusra-Front. Immer wieder gehen die verschiedenen Truppen zeitweise Zweckbündnisse ein.

Kurden

Kurdische Streitkräfte beherrschen mittlerweile den größten Teil der Grenze zur Türkei. Sie sind ein wichtiger Partner des Westens im Kampf gegen den IS. Sie kämpfen teilweise mit Rebellen zusammen, kooperieren aber auch mit dem Regime in Damaskus.

Die USA und der Westen

Washington führt den Kampf gegen den IS an der Spitze einer internationalen Koalition. Kampfjets fliegen täglich Angriffe. Beteiligt sind unter anderem Frankreich und Großbritannien. Deutschland stellt unter anderem sechs Tornados für Aufklärungsflüge.

Russland

Seit einem Jahr fliegt Russlands Luftwaffe Angriffe in Syrien und steht an der Seite von Machthaber Assad. Russland bekämpft offiziell den IS, greift aber den Angaben zufolge immer wieder auch moderate Rebellengruppen an, die Seite an Seite mit Dschihadisten kämpfen.

Iran

Teheran ist der treueste Unterstützer des Assad-Regimes. Nach Angaben Teherans sind Mitglieder der iranischen Revolutionsgarden als militärische Berater der syrischen Armee im Einsatz.

Saudi-Arabien und die Türkei

Riad und Ankara sind wichtige Unterstützer von Rebellen. Sie fordern den Sturz Assads. Saudi-Arabien geht es darum, den iranischen Einfluss zurückzudrängen. Der Iran ist der saudische Erzrivale im Nahen Osten. Die Türkei will eine größere Selbstbestimmung der Kurden in Nordsyrien verhindern.

Nach russischen Angaben drangen zwei F-16- und zwei A-10-Kampfflugzeuge der US-geführten Koalition vom Irak aus in den syrischen Luftraum ein. Die Jets hätten vier Angriffe gegen von der Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) umzingelte Stellungen der Regierungstruppen nahe dem Flughafen von Deir Essor geflogen.

Die Zahl der getöteten syrischen Soldaten nach einem US-Luftangriff ist nach Angaben von Aktivisten auf 90 gestiegen. Wie die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte am Sonntag weiter berichtete, hat der Angriff nahe der ostsyrischen Stadt Dair as-Saur rund 40 Minuten lang gedauert. Dabei seien verschiedene Positionen der Regierungstruppen in der Nähe eines Militärflughafens getroffen worden.

Die syrische staatliche Nachrichtenagentur Sana hatte zunächst mit Verweis auf das örtliche Militärkommando von mindestens 60 getöteten Soldaten und mehr als 100 Verletzten gesprochen.

Nach Angaben der syrischen Armee mussten sich ihre Soldaten nach den Luftangriffen zurückziehen und zwei strategisch wichtige Hügel in der Nähe des Flughafens dem IS überlassen. Am Sonntag hätten die Truppen aber eine neue Gegenoffensive gestartet „und einigen Boden zurückgewonnen“, hieß es aus Armeekreisen. Dabei seien die Soldaten durch Luftangriffe Russlands unterstützt worden.

Die Hügel nahe des Flughafens sind von strategischer Bedeutung: Sollte der IS die Kontrolle behalten, könnten die Dschihadisten alle startenden und landenden Flugzeuge von dort aus unter Beschuss nehmen. Die Stadt Deir Essor und der Flughafen sind unter Regierungskontrolle, sie werden aber seit 2012 vom IS belagert und sind auf Versorgung durch die Luft angewiesen.

Nach Angaben des Pentagons gingen die Koalitionstruppen bei den Luftangriffen davon aus, dass sie IS-Stellungen attackierten. Die Koalition habe die Luftangriffe „sofort eingestellt“, als sie von russischer Seite darüber informiert worden sei, dass sie möglicherweise auf syrisches Militär ziele. US-Botschafterin Power sagte bei der UNO in New York, es sei „nicht die Absicht“ gewesen, syrisches Militär zu treffen. Die USA bedauerten „den Verlust von Menschenleben“ und würden den Vorfall untersuchen.

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