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07.05.2015

21:19 Uhr

Kampf gegen den Terror

Wie stark ist der Islamische Staat?

VonMartin Gehlen

Selbst wo der IS geschlagen ist, bleibt der Horror: In Kobane etwa sind die Häuser vermint und voller Leichen. Landgewinne macht die Miliz nun nicht mehr, hält aber ihr Territorium. Ihre Macht ist längst nicht gebrochen.

Ein IS-Kämpfer in Raqqa: Die Macht des Islamischen Staats ist noch lange nicht gebrochen. Reuters

Islamischer Staat

Ein IS-Kämpfer in Raqqa: Die Macht des Islamischen Staats ist noch lange nicht gebrochen.

Die Verteidiger kämpften bis zum letzten Schuss. Fünf Tage lang flehten sie um Verstärkung. Als dem irakischen Bataillon am frühen Morgen die Munition ausging, war ihr Schicksal besiegelt. Die Kämpfer des Islamischen Staates hatten leichtes Spiel, eroberten das Tharthar-Militärbasis 70 Kilometer nördlich der Provinzhauptstadt Ramadi und nahmen brutale Rache.

Der Kommandeur, ein Dutzend Offiziere sowie 120 Soldaten wurden nach Berichten irakischer Medien am Wochenende hingerichtet, das größte Massaker des IS an irakischen Streitkräften seit der Massenerschießung von 1700 Rekruten im letzten Juni nach der Eroberung von Tikrit.

So viel kostet ein Terroranschlag

Die exakten Kosten...

... ... für Anschläge von Terrororganisationen sind schwierig zu bestimmen, wurden jedoch gerade als Folge von 9/11 von den Ermittlungsbehörden taxiert.

500.000 US-Dollar...

... haben demnach die Anschläge vom 11. September gekostet. Es ist die höchste Summe, die soweit bekannt, jemals für einen Terrorangriff ausgegeben wurde. Bereitgestellt wurde das Geld durch Überweisungen.

Die Kosten-Nutzen-Rechnung...

... aus Sicht der Islamisten ist dabei gerade nach 9/11 perfekt aufgegangen. Den 500.000 investierten Dollars stehen direkte Kosten des Sachschadens 15,5 Milliarden US-Dollar gegenüber plus weitere Milliarden Belastungen der Haushalte durch den „Kampf gegen den Terror“ und gesamtwirtschaftliche Kosten, etwa für Fluglinien und Versicherungen.

Die Bombenanschläge auf Bali...

... mit mehr als 200 Todesopfern im Oktober 2002 kosteten die Terroristen deutlich weniger. So wird die Summe, die dafür aufgewendet wurde, mit 50.000 Dollar taxiert.

Die Anschläge von Madrid...

... vom 11. März 2004 auf Nahverkehrszüge, bei denen 192 Menschen starben, werden mit maximal 15.000 Dollar angegeben.

Extrem niedrige Kosten...

... für die Islamisten verursachten die Anschläge auf die U-Bahn in London im Juli 2005 mit mehr als 30 Toten zur Rushhour am 7. Juli 2005. Die vier Bomben, vier Rucksäcke, Handys und Zugtickets kosteten die Terroristen höchstens 2000 Dollar.

Diese Mikrofinanzierung...

... des Terrors macht es so schwierig, die Finanzströme mit den üblichen Kontrollen aufzudecken und zu stoppen. Das zentrale Mittel dieser Organisationen sind die selbstmordbereiten Attentäter, für deren individuellen und kollektiven Deradikalisierung aus Sicht von Experten zu wenig getan wird.

Quelle

German Institute of Global and Area Studies/Konrad-Adenauer-Stiftung/eigene Recherche

Seit Wochen toben die heftigen Gefechte in der westirakischen Provinz Anbar, wieder sind über 100.000 Menschen auf der Flucht. Ein Video zeigt Kämpfer der Terrormiliz auf dem Staudamm des Tharthar-Sees, mit dem der Wasserfluss des Tigris durch Bagdad reguliert wird.

Auf dem Funkturm der Schleusenverwaltung wehte ihre schwarze Flagge des IS. Am selben Tag rasten drei Attentäter, ein Franzose, ein Belgier und ein Senegalese, mit Autobomben in den Hauptgrenzübergang Trebil zwischen Jordanien und Irak. Mindestens vier irakischen Soldaten starben, als der Terminal und die Unterkünfte der Wachmannschaften in Flammen aufgingen.

Die Macht des „Islamischen Kalifates“ ist keineswegs gebrochen, auch wenn die Terrormiliz nach ihrer raschen Expansion im Sommer 2014 in Kobane oder Tikrit erste schwere Niederlagen einstecken musste. Insgesamt jedoch hat sie ihr syrisch-irakisches Kern-Kerritorium, auf dem acht bis zehn Millionen Menschen leben, trotz 3200 alliierter Luftangriffe weitgehend halten können.

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Nach dem Verlust von Ölfeldern sollen die Einnahmen des Islamischen Staats um 75 Prozent zurückgegangen sein. Noch ist es aber zu früh, die Miliz abzuschreiben.

Und wenn es gelingt, die Extremisten auch mithilfe iranischer Militärs, zurückzuschlagen oder zu vertreiben, versinken die umkämpften Städte in Schutt und Asche. Kobane ist nach fünf Monaten Krieg so zerstört, dass jetzt ein Teil als Ruinenmuseum abgesteckt und an anderer Stelle neu aufgebaut werden soll.

Viele der 4000 Häuser sind tückisch vermint und immer noch voller Leichen getöteter IS-Krieger. In Tikrit sind die Verwüstungen genauso gewaltig wie der politische Flurschaden durch die Racheaktionen der schiitischen Milizen an den sunnitischen Bewohnern. Die Zwei-Millionen-Stadt Mossul haben die IS-Extremisten jetzt fast ein Jahr lang fest im Griff.

Nachts ist die Stadt vom Flugzeug aus hell erleuchtet zu sehen. In den Nordirak Entronnene berichten, dass beträchtliche Teile der sunnitischen Bewohner mit den Extremisten gemeinsame Sache machen. Denn Mossul war immer eine Hochburg des sunnitisch-arabischen Nationalismus und wichtige Machtbasis von Saddam Hussein. Und so sind die meisten im Irak und in Syrien eingesetzten IS-Statthalter ehemalige Kader der Baath-Partei.

Kommentare (1)

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Herr Joly Joker

08.05.2015, 13:04 Uhr

Die Frage ist falsch gestellt. Sie müsste heißen: Wie schwach ist die westliche Welt.
Solange wir uns wie den sattsam bekannten Bären am Nasenring durch die Manege führen lassen, sind wir wohl kaum in der Lage den IS mal richtig eins zu verpassen. [...]
Warum unterstützen wir nicht alle Kurden - mit Waffen und Geld? Warum befürworten wir nicht einen kurdischen Staat. Natürlich erst nach der IS Episode. [...]

Beitrag von der Redaktion editiert. Bitte bleiben Sie sachlich. 

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