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09.10.2014

14:51 Uhr

Kampf gegen Inflation

Russland will Preise einfrieren

Sanktionen, ein sinkender Rubel und die Beschränkung von Einfuhren: In Russland steigt die Inflation dramatisch. Die Regierung arbeitet an Maßnahmen, die den Preisanstieg stoppen sollen, gerade bei Lebensmitteln.

In Russland steigen die Lebensmittelpreise gemeinsam mit der Inflation drastisch an. Die Regierung überlegt nun Maßnahmen vor allem um die weitere Verteuerung von Lebensmitteln zu verhindern. dpa

In Russland steigen die Lebensmittelpreise gemeinsam mit der Inflation drastisch an. Die Regierung überlegt nun Maßnahmen vor allem um die weitere Verteuerung von Lebensmitteln zu verhindern.

MoskauDie russische Regierung erwägt Notmaßnahmen gegen die hohe Inflation. Sollte diese weiter anziehen, könnten etwa bestimmte Preise vorübergehend eingefroren werden, sagte Handelsminister Denis Manturow der staatlichen Zeitung „Rossiiskaya Gazeta“ (Donnerstagausgabe). Dies sei möglich bei 40 „lebenswichtigen“ Produkten für einen Zeitraum von 90 Tagen. Voraussetzung seien dramatische Preisveränderungen, etwa ein Anstieg um mehr als 30 Prozent.

Die Teuerungsrate wird derzeit von mehreren Faktoren hochgetrieben. Dazu zählen der sinkende Rubel-Kurs, die Sanktionen gegen Russland wegen der Ukraine-Krise und das Verbot von Lebensmittelimporten aus einigen westlichen Ländern. Die Zentralbank erwartet für dieses Jahr eine Inflation von mehr als acht Prozent.

Wen die Russland-Sanktionen treffen

Ukraine

Das politisch wie wirtschaftlich größte Problem bei Russland-Sanktionen ist, dass auch die Ukraine unter den Folgen leiden wird. In einer Umfragen des Ostausschusses der deutschen Wirtschaft nannten im Juni 21 Prozent der befragten Unternehmen die Ukraine als das Land, das nach Russland (37 Prozent) und Deutschland (33 Prozent) am stärksten unter Sanktionen zu leiden haben wird. Der Grund ist zum einen die enge wirtschaftliche Verflechtung der ehemaligen Sowjetrepublik mit Russland, die jeden Konjunktureinbruch dort auch für das Nachbarland zum Problem macht. Zum anderen bestraft Russland den Westkurs der Ukraine wie auch den Moldawiens mit Gegensanktionen wie einem Embargo gegen Milch und Fleisch. Bei einer Eskalation könnte auch der Gashahn zugedreht werden.

Balkan

„Auch die ganze Balkan-Region wird unter einem neuen Wirtschaftskrieg leiden“, meint der Balkan-Experte Duan Reljic von der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP). Verantwortlich macht er hierfür die traditionell engen Beziehungen von Ländern wie Serbien mit Russland, vor allem aber das starke Interesse der ganzen Region an russischem Gas. Interessiert ist man auch am Bau der von Russland vorangetriebenen South-Stream-Pipeline durch die Region, die die EU-Kommission nun im Zuge der Abkühlung der EU-Russland-Beziehungen rechtlich überprüfen lässt. „Fast jedes Land der Region hat sich Hoffnung auf einen dreistelligen Millionenbetrag an Durchleitungsgebühren pro Jahr gemacht - die drohen nun wegzufallen“, meint Reljic. Finanzexperten weisen zudem darauf hin, dass öffentliche EU-Banken auch mit Töchtern russischer Institute in der Region keine Geschäfte mehr machen können, wenn deren Chefs auf einer Sanktionsliste der USA und der EU stehen - die ständig ausgeweitet werden.

EU-Mitglieder Bulgarien und Zypern

Innerhalb der EU gelten die Länder als anfällig, die teilweise zu 100 Prozent von russischem Gas abhängig sind und einen Lieferboykott befürchten müssen. Besonders betroffen sind zudem die stark nach Russland ausgerichteten EU-Staaten Zypern und Bulgarien. Am Finanzplatz Zypern etwa ist so viel russisches Geld angelegt, dass der Inselstaat von einem Abzug des Kapitals in Folge von EU-Finanzsanktionen stark getroffen werden könnte.

Zentralasien

Mit sehr gemischten Gefühlen schauen die Länder in Zentralasien auf die Entwicklung in der Ukraine. „Die kasachischen Banken würden wegen der engen Beziehungen sofort in Schieflage geraten, wenn ihre russischen Partner wackeln“, meint Beate Eschment, Redakteurin bei den Zentralasien-Analysen in Berlin. „In der Hauptstadt Astana ist man derzeit zudem ausgesprochen nervös, weil die Ukraine zeigt, was passieren kann, wenn man sich russischen Wünschen widersetzt.“ Eschment verweist darauf, dass auch im Norden der öl- und gasreichen ehemaligen sowjetischen Republik viele Russen leben und Russland nach wie vor Militärbasen in dem Land unterhält. Seit 2010 ist Kasachstan Mitglied in der Zollunion mit Russland. Anfang 2015 soll das bereits unterzeichnete Abkommen für eine eurasische Union in Kraft treten, das beide Länder noch enger aneinander schweißt - für gute wie schlechte Zeiten.

Allerdings hält man in der deutschen Wirtschaft durchaus auch einen umgekehrten Effekt für möglich: Als Mitglied der Zollunion könnte das Land sogar von harten Sanktionen gegen Russland profitieren - weil dann Geschäfte für den russischen Markt über Kasachstan abgewickelt werden müssten.

Afghanistan

Russlands Präsident Wladimir Putin sagte am Wochenende drohend, die EU demonstriere mit Sanktionen, dass sie offenbar kein Interesse mehr an einer Sicherheitspartnerschaft mit Russland habe. Diese beinhaltet aber etwa die Versorgung der Nato-Soldaten in Afghanistan über den russischen Luftraum und die russische Eisenbahn. Auch der geplante schrittweise Abzug der Truppen läuft über Russland und nicht das wesentlich gefährlichere Pakistan. Das könnte sich ändern - mit unklaren Auswirkungen auf das ohnehin instabile Krisenland Afghanistan.

China

China, darin sind sich alle Experten einig, gehört dagegen zu den Gewinnern einer Eskalation zwischen dem Westen und Russland. Die deutsche Industrie warnt, dass ihnen nun chinesische Konkurrenten in Russland die Aufträge wegschnappen. Und Russlands mühsame Suche nach neuen Partnern beschert China günstige Preise für die kommenden Gaslieferungen vom Nachbarn. „China profitiert von der Isolation Russlands und kann gegen ein geschwächtes Russland die eigenen Interessen besser durchsetzen“, meint der China-Experte des Mercators Institutes for China Studies (Merics), Moritz Rudolph.

Nach Daten des Statistikamts war der Preisauftrieb zuletzt besonders stark bei Butter (plus 22,5 Prozent) und bei Milchprodukten (17,7).

Von

rtr

Kommentare (3)

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Herr Norbert Wolter

09.10.2014, 16:13 Uhr

Die russische Wirtschaft erinnert mich an die literarische Figur des Scheinriesen Herr Tur Tur. Dieses Land ist einfach zu abhängig vom Öl- und Gasexport. Schlittert Europa nun in eine Rezession, wird weniger Gas abgenommen. Sollte man den Gashahn noch zusätzlich zudrehen, können die gleich den Laden dicht machen. Hinzu kommt, die Saudis haben die Öl-Produktion angehoben um konkurrenzfähig zu bleiben, denn die Amis fracken was das Zeug hält. Mich erinnert dieses ungemein an die 80er Jahre, als der von mir sehr geschätzte Präsident Reagan mit seinem Kunpel Fahd beschloss, die Ölproduktion explodieren zu lassen, weil man erkannte, dass Sowjetrussland einen Mindestpreis bei Öl und Gas benötigte, um die Wirtschaft am laufen zu halten. Ergebnis ist bekannt: Sowjetrussland war pleite und Geschichte. Russland deckt heute noch immer 4/5 seiner Staatseinnahmen aus dem Energiesektor. Angesichts des fallenden Ölpreises ein beunruhigender Umstand für Russland. Das Ergebnis ist ein fallender Rubel, der weiter fallen wird. Putin ging bisher von einem Preislevel von 100 Dollar/Barrel für die nächsten Jahre aus, was er sich abschminken kann, denn die Amis werden weiter fracken. Die Regale in den Supermärkten Russlands leeren sich, Schlange stehen wird bald wieder en vogue sein. Die Preise werden in Russland angesichts des Rubelverfalls weiter steigen und die Devisenreserven werden wie das Eis in der Sonne schmelzen. Das Einfrieren von Preisen wird angesichts der Notwendigkeit, Waren aus dem Ausland importieren zu müssen, nicht viel bringen. Bin mal gespannt, wie lange die russischen, luxusverwöhnten Oligarchen Putin die Treue halten. Bin mal gespannt, wann die ersten Fußballprofis Russland den Rücken kehren. Bin mal gespannt, ob die WM 2018 überhaupt finanziell gestemmt werden kann.

Jakob Herzberger

09.10.2014, 16:33 Uhr

Ich glaub mich tritt ein Pferd! Hugo Chaves hat nicht umsonst gelebt. Rationierungsmarken sind bestimmt das nächste...

Die arme Russen können mir nur leid tun, aber wie man sich bettet, so liegt man.

Diese ganze Geschichte sollte das Interesse an der Demokratie ganz neu entfachen in Russland. Dann käme doch noch was ganz vernünftiges heraus aus diesem Trauerspiel.

Wenn ich Putin richtig durchschaut habe, hat er aber noch ein Ass im Ärmel oder zwei. Die Brotpreise kann man niedrig halten, wenn man die ukrainischen Weizenfelder unter seine Kontrolle bringt.

Obst und Schinken gibt es in Polen.

G. Nampf

09.10.2014, 16:40 Uhr

@Norbert Wolter

Für den Moment stimmt Ihre Analyse. Leider sind die Erträge der ergiebigsten Fracking-Quellen in Amiland schon rückläufig. Der Fracking-Boom wird also nicht ewig andauern.

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