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10.07.2017

14:31 Uhr

Kampf gegen IS

Mossul ist noch nicht das Ende

Nach dem Kampf um die irakische Stadt Mossul steht der um eine weitere IS-Bastion bevor: Es geht um das syrische Al-Rakka, die De-facto-Hauptstadt des Kalifats der Extremisten. Zehntausende Zivilisten sitzen dort fest.

Inmitten von improvisierten Sprengsätzen und unter Beschuss versucht die Anti-IS-Koalition die nordsyrische Stadt einzunehmen – in der sich 2000 IS-Kämpfer unter zehntausenden Zivilisten verschanzen. dpa

Al-Rakka

Inmitten von improvisierten Sprengsätzen und unter Beschuss versucht die Anti-IS-Koalition die nordsyrische Stadt einzunehmen – in der sich 2000 IS-Kämpfer unter zehntausenden Zivilisten verschanzen.

BeirutSeit einem Monat toben die Kämpfe um das nordsyrische Al-Rakka – inzwischen konnten syrische Kämpfer die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) mit Unterstützung der USA einkesseln, ihre Befestigungsanlagen durchbrechen und Richtung Altstadt vorrücken. Doch die Schlacht um die De-facto-Hauptstadt des IS-Kalifats hat gerade erst begonnen. Und im dicht besiedelten Zentrum sind mehr als 2000 IS-Kämpfer mit ihren Familien und Zehntausende Zivilisten eingeschlossen.

Zwar ist Al-Rakka viel kleiner als die irakische IS-Hochburg Mossul, doch könnte der Kampf um die Stadt im komplexen syrischen Bürgerkrieg mit seinen vielen verschiedenen Fronten ähnlich mörderisch werden. So wurde die syrische Kurdenmiliz, wichtigster US-Verbündeter gegen den IS, bereits durch die türkische Mobilisierung auf der anderen Seite des Landes geschwächt: Die Türkei droht mit einer Offensive gegen eine kurdische Enklave im Westen Syriens. Nahe der Grenze wurden türkische Truppen mobilisiert, neulich starben durch türkischen Beschuss kurdischer Dörfer in Nordsyrien mindestens drei Zivilisten. Kurdische Vertreter warnten bereits, der Vorstoß Ankaras gefährde die Rückeroberung Al-Rakkas, weil er die kurdische Miliz zwinge, sich zum Schutz der Enklave neu aufzustellen.

Syrien-Beobachter befürchten zudem, dass die von den USA unterstützten Demokratischen Kräfte Syriens (SDF) nicht so schlagkräftig und gut ausgebildet sind wie die irakischen Truppen, die in Mossul und der umliegenden Provinz Ninive seit August gegen IS-Milizen kämpften. „Mossul ist eine einjährige Kampagne“, sagte der US-Sonderbeauftragte Brett McGurk dem Fernsehsender Al-Aan während eines Frontbesuchs in Al-Rakka im Juni. „Al-Rakka wird wohl nicht so lange dauern, aber es wird trotzdem Zeit brauchen.“

Der Kampf um Mossul

Mossul

Drei Jahre nach der Einnahme Mossuls durch die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) hat die irakische Armee die Metropole offensichtlich zurückerobert. Ein Rückblick.

Juni 2014

Der IS nimmt die zweitgrößte irakische Stadt mit einem Überraschungsangriff ein und errichtet in weiten Teilen des Landes ein Terrorregime.

Juli 2014

Der Anführer der Terrorgruppe, Abu Bakr al-Bagdadi, zeigt sich erstmals in der Öffentlichkeit. Er ist in einem Video bei der Freitagspredigt in der Großen Moschee in Mossul zu sehen.

August 2014

Kurdische Soldaten vertreiben mit Unterstützung der US-Luftwaffe den IS vom strategisch bedeutenden Mossul-Staudamm.

Oktober 2016

Armee, kurdische Kämpfer und verbündete Truppen starten eine Großoffensive zur Rückeroberung der letzten IS-Bastion im Irak. Die militanten Islamisten hatten in den Monaten zuvor schon wichtige Gebiete verloren.

Januar 2017

Regierungskräfte erobern den Osten der durch den Fluss Tigris geteilten Stadt im Norden des Iraks zurück.

Februar 2017

Der Sturm auf den Westen der Stadt beginnt.

Juni 2017

Die Schlacht um Mossul geht in die entscheidende Phase. IS-Kämpfer sprengen nach Angaben der irakischen Führung und der USA die Jahrhunderte alte Große Moschee.

9. Juli 2017

Die Armee bricht in den letzten Zufluchtsort des IS im Westteil Mossuls ein und feiert den Sieg über die Dschihadisten.

Ein weiteres Problem ist die Verwaltung Al-Rakkas, wenn die Dschihadisten erst einmal vertrieben sind. Die arabische Bevölkerung der Region wird jegliche Kontrolle durch die Kurden ablehnen, die die SDF dominieren. Nach Vorstellung der US-geführten Anti-IS-Allianz soll ein von der SDF gebildeter Rat die Stadt regieren. Doch auch Syriens Regierung meldete bereits Ansprüche an, ihre Truppen könnten Verschiebungen bei den Machtverhältnissen für eine Intervention nutzen.

Nach Einschätzung der internationalen Koalition sind noch rund 2500 Extremisten in Al-Rakka, vor allem syrische Kämpfer und taktische Kommandeure, während hochrangige Kämpfer und Ausländer vermutlich die Stadt verlassen haben. Ähnlich wie in Mossul sind sie gut organisiert und diszipliniert, begegnen vorrückenden Truppen mit Selbstmordanschlägen, bewaffneten Drohnen und nächtlichen Straßenkämpfen. In von den SDF kontrollierten Gebieten schlagen sie mit überraschenden Gegenangriffen zurück.

„Diese Verteidigungsstrategie ist dazu da, den Kampf in die Länge zu ziehen und die Verluste für die Koalition und die örtliche Bevölkerung hochzutreiben“, sagt Jennifer Cafarella, Syrien-Expertin beim Washingtoner Institute for the Study of War. Die Schlacht um das nordsyrische Manbidsch etwa dauerte mehr als zwei Monate und endete damit, dass die Dschihadisten beim Rückzug Hunderte Zivilisten als Geiseln mitnahmen. Die Stadt ist nur halb so groß wie Al-Rakka, galt jedoch als wichtige Drehscheibe für den IS.

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