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11.08.2014

04:28 Uhr

Kampf um Donezk

Separatisten warnen vor neuem „Stalingrad“

Die prorussischen Rebellen wollen Donezk um jeden Preis verteidigen. Sollte die ukrainische Armee in die Stadt einmarschieren, werde man „um jeden Meter“ kämpfen. Gleichzeitig fordern die Separatisten eine Waffenruhe.

Ukraine-Krise

Chaos in Donezk

Ukraine-Krise: Chaos in Donezk

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Die ostukrainische Stadt Donezk ist nach Angaben der örtlichen Separatisten komplett von den Regierungstruppen belagert. Donezk sei „eingekesselt“ und drohe, ein neues „Stalingrad“ zu werden, erklärte der Regierungschef der selbsterklärten Volksrepublik Donezk, Alexander Sacharschenko, am Samstag. Er warnte vor einer humanitären Katastrophe in der Millionenstadt und forderte einen Waffenstillstand. Russland wies den Vorwurf einer als Hilfsmission getarnten Invasion in der Ostukraine zurück.

„Wir sind zu einem Waffenstillstand bereit, um die zunehmende humanitäre Katastrophe abzuwenden“, erklärte Sachartschenko auf der Rebellen-Webseite. Zugleich betonte er, dass die Aufständischen bereit seien, die Stadt unter Einsatz ihres Lebens zu verteidigen, wenn die ukrainische Armee dort einmarschiere. „Der Kampf wird um jede Straße, um jedes Haus, um jeden Meter unseres Lands geführt“, warnte Sachartschenko, der erst seit Donnerstag die Separatisten von Donezk anführt.

Waffenruhe ist „Aussage ohne Taten“

Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) sprach angesichts rasant steigender Opferzahlen und einer zerstörten Infrastruktur von einer schwierigen humanitären Lage in den Separatistenhochburgen Donezk und Lugansk. Falls allerdings Russland wie beabsichtigt Hilfsgüter in das Konfliktgebiet schicken wolle, dürfe dies nur mit ausdrücklicher Zustimmung der Ukraine geschehen, betonte er.

Die ukrainische Armee lehnte eine Feuerpause ab. Die erklärte Bereitschaft der Separatisten zu einer Waffenruhe sei lediglich eine „Aussage ohne Taten“, teilte der nationale Sicherheitsrat in Kiew am Sonntag mit. „Das Hissen der weißen Fahne oder die Abgabe der Waffen: Das sind konkrete Handlungen“, sagte Sprecher Andrej Lyssenko. Aber die Aufständischen in der umkämpften Großstadt Donezk würden keine praktischen Schritte unternehmen. Separatistensprecher Sergej Kawtaradse forderte die Armee zu Gesprächen auf. „Wir wollen über einen Fluchtkorridor für Zivilisten verhandeln“, sagte er.

Sanktionen – Putin schlägt zurück

Warum greift Putin zu so drastischen Mitteln?

Es ist Putins Retourkutsche auf die westliche Sanktionen. Um Moskau zum Einlenken in der Ukraine-Krise zu zwingen, hatte die EU in der vergangenen Woche erstmals harte Strafmaßnahmen bei Rüstungsgeschäften, Energie und Finanzen beschlossen.

Welche westlichen Produkte sind betroffen?

Regierungschef Dmitri Medwedew präsentierte am Donnerstag in Moskau die mit Spannung erwartete Boykottliste. Die 28 EU-Staaten, die USA, Australien, Kanada und Norwegen dürfen ab sofort kein Fleisch, keine Milchprodukte mehr einführen. Das Verbot gilt für ein Jahr und betrifft auch Obst, Gemüse und Fisch. Schweinefleisch aus Europa stand aber schon seit Ende Januar auf dem Index.

Trifft Putins Bann auch deutsche Markenhersteller?

Ja. Sprudel, Schokolade, Joghurt oder Fertigprodukte „Made in Germany“ werden ebenfalls aus russischen Supermarkt-Regalen genommen.

Wie wichtig ist der russische Markt für die deutsche Agrarindustrie?

Dreiviertel aller deutschen Agrarexporte gehen in die Europäische Union (EU). Russland ist dabei neben der Schweiz und den USA eines der wichtigsten Ausfuhrländer außerhalb der EU - jedoch mit fallender Tendenz. 2013 wurden Agrargüter für rund 1,6 Milliarden Euro dorthin verkauft - rund 14 Prozent weniger als noch 2012.

Was wird nach Russland geliefert?

Gefragt sind Schweinefleisch, Backwaren, Käse und Kakaoprodukte. Schon länger bestehende Einfuhrverbote haben aber tiefe Spuren in der Bilanz hinterlassen. So brach der deutsche Schweinefleisch-Export in den ersten fünf Monaten 2014 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum von 83 000 Tonnen auf 9000 Tonnen ein, bei Käse halbierte sich die Ausfuhr, so der Bauernverband.

Was passiert mit den europäischen Lebensmitteln nach dem Einfuhrstopp?

Allein griechische Bauern fürchten, auf Erdbeeren, Pfirsichen und Gemüse im Warenwert von 600 Millionen Euro sitzenzubleiben - und fordern Entschädigung aus EU-Töpfen. Auch die Niederlande, Belgien und Frankreich liefern viel Obst und Gemüse nach Russland, das nun auf den europäischen Markt drängt und den Preis drücken könnte, glaubt der Rheinische Bauernverband. Abzuwarten bleibt, ob der Lebensmittel-Einzelhandel das beim Endpreis an die Verbraucher weitergeben würde.

Schneidet sich Russland nicht ins eigene Fleisch?

Moskau wird auf andere Lieferländer ausweichen, etwa mehr Rindfleisch und Geflügel in Lateinamerika einkaufen. Auch dürfte der Kreml auf den Nebeneffekt setzen, die eigene, oft ineffiziente Agrarwirtschaft auf Vordermann zu bringen. Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) hat da seine Zweifel: „Das schafft man nicht mit einem Fingerschnippen.“ Jens Nagel vom Exportverband BGA meint, die russischen Verbraucher werden die Leidtragenden sein: „Sie werden die Zeche in Form höherer Preise, schlechterer Qualität und geringerer Vielfalt bezahlen müssen.“ Teure westliche Lebensmittel konnten sich Normalverdiener aber sowieso kaum leisten.

Gefährdet die Sanktionsspirale den Aufschwung?

Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) hält daran fest, dass die deutsche Wirtschaft trotz der Krisen in der Ukraine und Nahost 2014 um 1,8 Prozent zulegen kann. Viele Ökonomen erwarten aber einen Dämpfer. Russland ist ein lukrativer Markt, der an den Gesamtexporten von über einer Billion Euro aber nur einen Anteil von 3,3 Prozent hat. Wegen der Ukraine-Krise büßten deutsche Unternehmen von Januar bis Mai in Russland rund 2,2 Milliarden Euro Umsatz ein.

Die Regierungstruppen sind nach eigenen Angaben bereit, in die Industriestadt einzumarschieren. Vor den Kämpfen lebten dort eine Million Menschen, inzwischen sind viele geflohen. Die Regierungstruppen haben die Stadt am Sonntagmorgen unter heftigen Artilleriebeschuss genommen. Eine AFP-Reporterin hörte vom Stadtzentrum aus mehr als 20 Explosionen. Nach Angaben des Bürgermeisteramtes wurde ein Privathaus von einem Geschoss zerstört, auch ein Krankenhaus wurde demnach schwer beschädigt. In der Nähe sei eine Frau verletzt worden. Die Streitkräfte teilten am Sonntag mit, sie hätten ihre Offensive fortgesetzt, um die prorussischen Separatisten in die Enge zu treiben. Die Angriffe seien auf Stützpunkte der Aufständischen gerichtet gewesen.

Die Armee versucht auch, andere Rebellenhochburgen, darunter die Großstadt Lugansk, zurückzuerorbern. Erbitterte Gefechte liefern sich Aufständische und Regierungskräfte um die strategisch wichtige Stadt Krasny Lutsch. Der Sicherheitsrat in Kiew widersprach Berichten, wonach der Ort bereits in den Händen der Armee sei. „Die Kämpfe dauern unvermindert an“, sagte Sprecher Andrej Lyssenko am Sonntag. Die prorussischen Kräfte berichteten von Gebietsgewinnen in den Vororten. Krasny Lutsch liegt zwischen den Separatistenhochburgen Donezk und Lugansk. Wer die Stadt beherrscht, kontrolliert auch eine wichtige Straße zur russischen Grenze.

Kommentare (1)

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Herr Teito Klein

11.08.2014, 19:50 Uhr

Chaostage in Donezk
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Donezk ist von den Regierungstruppen umzingelt. Sie raten den Einwohnern, die Stadt zu verlassen.

Die Paramilitärs (Separatisten) fordern eine "Waffenruhe" aber keinen "Waffenstillstand".

Die Nato stuft die Wahrscheinlichkeit einer russischen Invasion in der Ostukraine nach Worten von Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen als sehr hoch ein.
Rasmussen sagte, russische Äußerungen deuteten darauf hin, dass ein Einmarsch unter dem Vorwand einer Hilfsaktion stattfinden könnte.

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