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10.10.2014

16:45 Uhr

Kampf um Kobane eskaliert

IS nimmt Hauptquartier der Kurden ein

Die Miliz Islamischer Staat erobert in Kobane die Kommandozentrale der Kurden, die Stadt scheint von der Außenwelt abgeschnitten. Während die Welt auf Syrien blickt, rückt IS auch im Irak in einer wichtigen Provinz vor.

Den meisten Bewohnern Kobanes bleibt seit Tagen nichts, als die eskalierende Situation in ihrer Heimatstadt von türkischem Boden aus zu beobachten. Reuters

Den meisten Bewohnern Kobanes bleibt seit Tagen nichts, als die eskalierende Situation in ihrer Heimatstadt von türkischem Boden aus zu beobachten.

Washington/ AnkaraBeim Kampf um die nordsyrische Grenzstadt Kobane hat die Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) laut Aktivisten das Hauptquartier der kurdischen Streitkräfte erobert. Die Islamisten hätten die Kommandozentrale eingenommen, berichtete die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte. Nach Angaben der Aktivsten hatte die Terrormiliz am Freitag zuvor mit massiven Angriffen auf eine wichtige Verbindungsstraße zur türkischen Grenze begonnen, um die letzte Kurdenbastion in der Region gänzlich von der Außenwelt abzuschneiden.

Die Dschihadisten haben die Stadt demnach zusätzlich zur strategischen Einnahme von drei Seiten umstellt, der IS soll mit Motorrädern Waffennachschub zu seinen Kämpfern bringen. Damit scheint die Schlinge um die von Kurden bewohnte Stadt, in der laut der syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte seit Montag über 200 Kurden umgekommen sind, zugezogen: Ohne Erlaubnis des IS könnte Kobane niemand mehr betreten oder verlassen. Der Grenzübergang zur Türkei ist der einzige Weg aus der Region.

Somit scheinen auch die zwei Luftangriffe, welche die US-geführte Militärallianz hat am Freitag auf IS-Stellungen geflogen hat, weiter wirkungslos zu bleiben. Über der Kurdenhochburg, die nach Angaben der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte inzwischen zu 40 Prozent von Kämpfern der Dschihadistengruppe Islamischer Staat (IS) kontrolliert wird, stiegen weiße Rauchwolken in den Himmel. Unmittelbar zuvor war das Zentrum Kobanes von einer heftigen Explosion erschüttert worden: Laut der Beobachtungsstelle zündeten die Islamisten in 200 Meter Entfernung von den kurdischen Stellungen eine Autobombe. Über mögliche Opfer war zunächst nichts bekannt.

Die Grenzstadt Kobane

Warum ist Kobane für Kurden so wichtig?

Die syrischen Kurden haben den Bürgerkrieg im Land zum Aufbau eigener regionaler Machtstrukturen in den mehrheitlich von ihnen bewohnten Gebieten genutzt. Nachdem sich die Truppen des Regimes von Baschar al-Assad 2012 zurückgezogen hatten, übernahmen sie die Kontrolle und gründeten später im Norden des Landes drei „autonome Kantone“. An der türkischen Grenze kontrollierten sie wichtige Enklaven: im Nordwesten um die Stadt Afrin, im Nordosten um die Städte Hasaka und Al-Kamischli sowie im Norden um Kobane. Eine Übernahme Kobanes durch die Terrormiliz IS wäre nicht nur der Verlust einer strategisch wichtigen Versorgungsroute, sondern auch psychologisch eine schwere Niederlage.

Wer sind die kurdischen Kämpfer, die sich den Dschihadisten entgegenstellen?

Die etwa 5000 Milizionäre gehören vor allem den kurdischen Volksschutzeinheiten (YPG) an. Sie sind mit der syrisch-kurdischen Partei der Demokratischen Union (PYD) verbunden. Volksschutzeinheiten und PYD stehen der kurdischen Arbeiterpartei PKK nahe, die in der Türkei verboten ist. Im Kampf gegen den IS werden offenbar auch Selbstmordattentäter eingesetzt: Kurdische Aktivisten meldeten am Wochenende, dass eine Kämpferin mit einem Selbstmordanschlag Dutzende Extremisten getötet habe. Experten gehen davon aus, dass PKK-Kämpfer die syrischen Kurden unterstützen. Die kurdischen Milizionäre in Syrien sind nicht zu verwechseln mit den kurdischen Peschmerga-Kämpfern, die im Irak gegen den IS im Einsatz sind.

Wie ist die Lage der Zivilisten vor Ort?

Nach kurdischen Angaben ist die überwiegende Mehrheit der verbliebenen Zivilisten an die türkischen Grenze in Sicherheit gebracht worden. Kobane wurde von den Volksschutzeinheiten zur „Militärzone“ erklärt. Laut türkischer Regierung sind mehr als 185 000 Menschen in die Türkei geflohen.

Warum greift die Türkei nicht ein?

Die türkische Regierung hat den Kurden in Kobane Unterstützung zugesagt, zugleich aber klargemacht, dass sie damit in unmittelbarer Zukunft keinen Einsatz von Bodentruppen meint. Zwar hat das Parlament der Regierung ein Mandat für Militäreinsätze in Syrien und im Irak für ein Jahr erteilt. Allerdings verlangt Ankara für einen Einsatz von Bodentruppen eine umfassende internationale Strategie, die auch den Sturz des Assad-Regimes in Damaskus beinhaltet. Zugleich befürchtet Ankara, dass die Kurden an der türkischen Südgrenze die Keimzelle für einen eigenen Kurden-Staat legen könnten, sollte es ihnen gelingen, die Terrormiliz IS zurückzuschlagen.

Warum schaffen es die USA und ihre Partner nicht, den IS mit Luftangriffen militärisch lahmzulegen?

Die IS-Kämpfer passen sich schnell und geschickt an die Luftschläge an. Sie verlassen Ziele, die von den USA ins Visier genommen werden und bringen Waffen und Geiseln an neue Stützpunkte. Zudem mischen sich die Kämpfer unter die Zivilbevölkerung und lassen auch viele ihrer schwarzen Flaggen wieder verschwinden. Weil Angriffe auf die IS-Infrastruktur schwieriger werden, hat sich auch das Tempo der Luftschläge verlangsamt, sagt David Schenker vom Washington Institute for Near East Policy. Die US-Regierung hat mehrfach betont, dass der IS nicht allein aus der Luft besiegt werden kann. Dem unabhängigen US-Instituts CSBA zufolge hat der Kampf bereits zwischen 780 und 930 Millionen Dollar (620 bis 740 Millionen Euro) verschlungen.

Während sich die Aufmerksamkeit der Weltgemeinschaft auf die Kämpfe in Nordsyrien richtet, steht IS nun offenbar auch kurz davor, die strategisch bedeutende irakische Provinz Anbar einzunehmen. So könnten die Dschihadisten laut einem Bericht der „Washington Post“ einen Großteil der Städte und Dörfer in der Region einnehmen.

Sollte die Provinz an IS fallen, könnten die Islamisten die Kontrolle über wichtige Staudämme, große Militärposten des irakischen Militärs erlangen und eine Versorgungskette für ihre Kämpfer von Syrien bis in den Irak auf die Beine stellen, so die „Washington Post“. Dies wäre insofern verheerend, als dass IS dann bessere Möglichkeiten hätte, Angriffe auf die irakische Hauptstadt Bagdad zu starten.

Die Islamisten schreiten also in Syrien und im Irak weiter voran, trotz der Bemühungen der USA und ihrer Alliierten, sie aufzuhalten. Neun Ziele im Norden und Süden der syrischen Stadt Kobane seien am Donnerstag durch Luftschläge beschossen worden, teilte das Zentralkommando des US-Militärs in Tampa (Florida) am späten Abend mit.

Dabei seien ein großer und vier kleinere IS-Verbände getroffen, außerdem vier von der IS genutzte Gebäude sowie Panzer der Terrormiliz zerstört worden. Ob die Angriffe die Extremisten von einem weiteren Vorrücken in die Stadt abgehalten haben, blieb zunächst unklar.

Trotz erbitterter Gegenwehr und US-Luftangriffen hatten die Dschihadisten zuletzt im Häuserkampf weitere Viertel erobert. Die Extremisten hätten inzwischen mehr als ein Drittel der Kurdenhochburg unter ihre Kontrolle gebracht, teilte die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte mit.

Kommentare (14)

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Herr Peter Spiegel

10.10.2014, 10:32 Uhr

"Die USA und ihre Alliierten bombardieren weiter IS-Posten um und in Kobane."

Hier hat jemand geschrieben "Erinnert mich an Warschau 1944"
Mich auch.

Herr Josef Hirsepp

10.10.2014, 10:45 Uhr

NATO Einatz u auserterritralem Gebiet ist die einzig richtige Antwort, mit Unterstuetzung der Russen!
die Deutsch- Franzoesische Brigarde muss hier zum Einsatz! Die Tuerken stehen schon dort mit Panzern!
Nur eine geballte schnelle Angriffs-Attacke aller " Unglaeubigen" und aller serioesen Moslems kann hier eine massive Gegenwehr aufbauen, die diese [...] von IS in die Schranken weist.
Als Reservist waere ich sogar bereit, bei den Kampfuntertuetzungstruppen mitzumachen, damit wir die Freiheit auch 3000 km westlich vom Hindukusch verteidigen koennen.
Aber nur dann, wenn die Polizei Duisburg Hochfeld und Essen-Ruettenscheidt nicht den IS Kaempfern ueberlaesst! Beitrag von der Redaktion editiert. Bitte bleiben Sie sachlich.

elly müller

10.10.2014, 10:54 Uhr

Die westlichen Mächte diskutieren und die Terrormilizen schaffen Fakten!

Warum wird der Iran und Russland nicht in diese Terrorbekämpfung eingebunden?????

Nein, wir verlieren uns im klein klein und täglich werden Menschen massakriert!!!!!!!!!!!!
Pfui Teufel!!!!!!!!!!!!

War alles schon mal dagewesen und ich frage mich, was soll denn die UN in Zukunft bewirken? Außer Ratschläge und Ermahnung kommt da nichts!
Tolle Weltgemeinschaft!

Wenn Kobane diesen Terroristen in die Hände fällt, dann ist das verheerend für uns alle!

Glauben denn die Politiker die hören dann auf?

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