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09.10.2014

15:05 Uhr

Kampf um Kobane

USA wollen neue Strategie gegen IS

Die Alliierten warten im Kampf gegen den IS weiter auf Erfolge. Obwohl die Luftschläge einige Terroristen ausschalten, dringen diese weiter in die Grenzstadt Kobane vor. Das Militärbündnis will sich nun neu formieren.

Während die Luftschläge kaum Erfolge zeigen, warten die Kurden in Kobane weiter auf Unterstützung am Boden. Die Türkei will nicht allein vorstoßen. ap

Während die Luftschläge kaum Erfolge zeigen, warten die Kurden in Kobane weiter auf Unterstützung am Boden. Die Türkei will nicht allein vorstoßen.

Beirut/MustipinarUngeachtet zahlreicher US-geführter Luftangriffe auf Stellungen der Dschihadistengruppe Islamischer Staat (IS) sind IS-Kämpfer weiter in die Stadt Kobane vorgerückt. Am Donnerstag hätten die IS-Milizionäre ihre Kontrolle auf mehr als ein Drittel der syrischen Kurdenstadt ausgedehnt, teilte die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte mit, während die kurdische Stadtregierung das dementierte. Kobane liegt direkt an der türkischen Grenze; Ankara bekräftigte, nicht im Alleingang mit Bodentruppen eingreifen zu wollen.

Nach Angaben der Beobachtungsstelle, die sich auf ein Netzwerk von Informanten vor Ort stützt, eroberten die IS-Kämpfer auch den Sitz der kurdischen Sicherheitskräfte in Kobane. Am Mittwoch wurden demnach 42 IS-Kämpfer getötet, davon 23 durch Luftangriffe. Zudem seien 15 kurdische Kämpfer getötet worden.

Reporter der Nachrichtenagentur AFP beobachteten im Laufe des Donnerstags von der türkischen Seite der Grenze aus mindestens vier neue Luftangriffe auf IS-Stellungen bei Kobane. Die US-Armee griff die IS-Kämpfer nach eigenen Angaben am Mittwoch 14 Mal aus der Luft an und zerstörte dabei gepanzerte Fahrzeuge, Lager und Unterkünfte des IS.

Die Grenzstadt Kobane

Warum ist Kobane für Kurden so wichtig?

Die syrischen Kurden haben den Bürgerkrieg im Land zum Aufbau eigener regionaler Machtstrukturen in den mehrheitlich von ihnen bewohnten Gebieten genutzt. Nachdem sich die Truppen des Regimes von Baschar al-Assad 2012 zurückgezogen hatten, übernahmen sie die Kontrolle und gründeten später im Norden des Landes drei „autonome Kantone“. An der türkischen Grenze kontrollierten sie wichtige Enklaven: im Nordwesten um die Stadt Afrin, im Nordosten um die Städte Hasaka und Al-Kamischli sowie im Norden um Kobane. Eine Übernahme Kobanes durch die Terrormiliz IS wäre nicht nur der Verlust einer strategisch wichtigen Versorgungsroute, sondern auch psychologisch eine schwere Niederlage.

Wer sind die kurdischen Kämpfer, die sich den Dschihadisten entgegenstellen?

Die etwa 5000 Milizionäre gehören vor allem den kurdischen Volksschutzeinheiten (YPG) an. Sie sind mit der syrisch-kurdischen Partei der Demokratischen Union (PYD) verbunden. Volksschutzeinheiten und PYD stehen der kurdischen Arbeiterpartei PKK nahe, die in der Türkei verboten ist. Im Kampf gegen den IS werden offenbar auch Selbstmordattentäter eingesetzt: Kurdische Aktivisten meldeten am Wochenende, dass eine Kämpferin mit einem Selbstmordanschlag Dutzende Extremisten getötet habe. Experten gehen davon aus, dass PKK-Kämpfer die syrischen Kurden unterstützen. Die kurdischen Milizionäre in Syrien sind nicht zu verwechseln mit den kurdischen Peschmerga-Kämpfern, die im Irak gegen den IS im Einsatz sind.

Wie ist die Lage der Zivilisten vor Ort?

Nach kurdischen Angaben ist die überwiegende Mehrheit der verbliebenen Zivilisten an die türkischen Grenze in Sicherheit gebracht worden. Kobane wurde von den Volksschutzeinheiten zur „Militärzone“ erklärt. Laut türkischer Regierung sind mehr als 185 000 Menschen in die Türkei geflohen.

Warum greift die Türkei nicht ein?

Die türkische Regierung hat den Kurden in Kobane Unterstützung zugesagt, zugleich aber klargemacht, dass sie damit in unmittelbarer Zukunft keinen Einsatz von Bodentruppen meint. Zwar hat das Parlament der Regierung ein Mandat für Militäreinsätze in Syrien und im Irak für ein Jahr erteilt. Allerdings verlangt Ankara für einen Einsatz von Bodentruppen eine umfassende internationale Strategie, die auch den Sturz des Assad-Regimes in Damaskus beinhaltet. Zugleich befürchtet Ankara, dass die Kurden an der türkischen Südgrenze die Keimzelle für einen eigenen Kurden-Staat legen könnten, sollte es ihnen gelingen, die Terrormiliz IS zurückzuschlagen.

Warum schaffen es die USA und ihre Partner nicht, den IS mit Luftangriffen militärisch lahmzulegen?

Die IS-Kämpfer passen sich schnell und geschickt an die Luftschläge an. Sie verlassen Ziele, die von den USA ins Visier genommen werden und bringen Waffen und Geiseln an neue Stützpunkte. Zudem mischen sich die Kämpfer unter die Zivilbevölkerung und lassen auch viele ihrer schwarzen Flaggen wieder verschwinden. Weil Angriffe auf die IS-Infrastruktur schwieriger werden, hat sich auch das Tempo der Luftschläge verlangsamt, sagt David Schenker vom Washington Institute for Near East Policy. Die US-Regierung hat mehrfach betont, dass der IS nicht allein aus der Luft besiegt werden kann. Dem unabhängigen US-Instituts CSBA zufolge hat der Kampf bereits zwischen 780 und 930 Millionen Dollar (620 bis 740 Millionen Euro) verschlungen.

Kobane ist die drittgrößte Kurden-Stadt in Syrien und gehörte vor der IS-Offensive zu den Hochburgen der kurdischen Autonomiebestrebungen. Mit einem Verlust Kobanes und der umliegenden Region könnten die syrischen Kurden ihre in den Wirren des syrischen Bürgerkriegs errungene Selbstverwaltung wieder einbüßen. Der IS würde dagegen mit der Eroberung Kobanes im Norden Syriens ein geschlossenes Gebiet entlang der türkischen Grenze in den Händen halten.

Das US-Verteidigungsministerium erklärte am Mittwoch (Ortszeit), dass Luftangriffe wohl nicht ausreichen werden, um die drohende Eroberung von Kobane zu verhindern. Im Anschluss an Beratungen mit ranghohen Militärvertretern im Pentagon sagte US-Präsident Barack Obama, der Kampf gegen den IS in Syrien und im Irak bleibe „eine schwierige Mission“.

Deshalb wollen nun die Militärchefs der Koalition zum Kampf gegen den IS bei einem Treffen auf höchster Ebene über ihre Strategie im Irak und in Syrien diskutieren. Sie reagieren damit auf die anhaltende Kritik am mangelnden Erfolg der Luftoffensive in Syrien und im Irak. Dazu lud US-Generalstabschef Martin Dempsey mehr als 20 seiner Kollegen ein. Die Gespräche sollen kommenden Montag mit einem gemeinsamen Abendessen beginnen und am Dienstag am Militärstützpunkts Andrews bei Washington fortgesetzt werden. Es sei das erste Treffen auf dieser Ebene seit Beginn der Luftschläge im Irak Anfang August, sagte ein US-Militärangehöriger.

Der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu forderte, das internationale Bündnis gegen den IS müsse sich auf eine gemeinsame umfassende Strategie einigen. Um den Fall Kobanes mit einem Strategiewechsel zu verhindern, könnte es bei dem Treffen am Montag und Dienstag allerdings schon zu spät sein.

Kommentare (4)

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Herr Vittorio Queri

09.10.2014, 16:08 Uhr

>> USA wollen neue Strategie gegen IS <<

Die USA hatten noch NIRGENS eine Strategie bei Ihren Kriegerischen Auseinandersetzungen !

Die einzige Strategie, die die USA haben und zu der sie fähig sind, ist HINGEHEN, HINSCHEIßEN, und anschließend seine Marionetten AUFRÄUMEN lassen und sich selbst aus dem STAUB MACHEN !

Dazu haben die US-Falken 700 Militärstützpunkte weltweit im Ausland installiert, alleine 25 % davon in Deutschland !

Dort wo die USA ihre bestuniformierten Militärversager auflaufen lassen, gibt es Krieg, Tod, Elend !

Kobane ist ein aktuelles Paradebeispiel dafür !

Herr Vittorio Queri

09.10.2014, 16:10 Uhr

Die USA haben IS ins Leben gerufen, genauso wie Al-Kaida !

http://www.boilingfrogspost.com/2014/09/08/will-the-real-al-baghdadi-of-isis-please-stand-up/#sthash.3JO4ksvi.dpuf

G. Nampf

09.10.2014, 16:16 Uhr

Das Verhalten der türkischen Regierung ist ein Skandal.

Sie könnten wenigstens den Amis&Co. den Start von türkischen Luftbasen und Hilfe über die Grenze (Waffen/Nahrungsmittel/Medikamente) erlauben.

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