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05.09.2011

15:50 Uhr

Kampf um Ressourcen

Somalier bringen Hunger nach Kenia

Im Grenzgebiet zu Somalia konkurrieren einheimische Kenianer mit hunderttausenden Flüchtlingen um Land und Essen. Viele wollen die Hungernden nicht im Stich lassen, doch der Kampf um Ressourcen könnte bald explodieren.

Somalische Flüchtlinge drängen sich im kenianischen Dadaab an einer Essensausgabe. Reuters

Somalische Flüchtlinge drängen sich im kenianischen Dadaab an einer Essensausgabe.

Dadaab/KeniaDie Menschen im kenianischen Grenzgebiet zu Somalia sind hin- und hergerissen: Einerseits wollen sie ihren Nachbarn helfen, die vor Hunger und Krieg fliehen, andererseits befürchten sie einen Kampf um die knappen Ressourcen. Die Behörden fürchten, der Flüchtlingsstrom könnte seit langem schwelende Konflikte offen zutage treten lassen. Vereinzelt kam es bereits zu Auseinandersetzungen zwischen Flüchtlingen und Einheimischen.

In den vergangenen Wochen trafen täglich rund 1.500 Menschen im überfüllten UN-Flüchtlingslager Dadaab ein, dem größten der Welt. Der Hunger hat sie vertrieben. Nach Schätzungen der Vereinten Nationen sind in Somalia, Kenia, Äthiopien und Dschibuti mehr als zwölf Millionen Menschen auf Hilfe angewiesen. Somalia traf es am härtesten.

Im Nordosten von Kenia leben seit langer Zeit ethnische Somalier. Die erste Flüchtlingswelle begann 1991, nach dem Zusammenbruch der letzten Zentralregierung in Somalia. Inzwischen leben in Dadaab 400.000 Menschen.

Erste gewaltsame Konflikte

Der einheimische Verwaltungsbeamte Osman Bathe fühlt sich seinem Volk verbunden, will aber die hungernden Somalier nicht im Stich lassen. „Die alten Flüchtlinge haben uns in Fragen der Sicherheit und der Umwelt viel Ärger gemacht“, sagt er. „Aber wir können uns nicht gegen die Neuankömmlinge erheben, denn das wäre unmenschlich. Sie sind unsere somalischen Brüder, und sie fliehen vor Hunger und Kriegen.“

Ihm seien nur noch acht Kamele und zehn Schafe geblieben, weil die Flüchtlinge Bäume gefällt und das Weideland für ihre eigenen Tiere genutzt hätten, erzählt er. In besseren Zeiten, vor den ersten Flüchtlingen 1991, seien es noch 70 Kamele, 100 Schafe und 55 Kühe gewesen.

Die Polizei berichtet von Zusammenstößen zwischen Einheimischen und Flüchtlingen. „Es gibt eine Gruppe, die Flüchtlinge terrorisiert“, sagt der zuständige Polizeikommandeur Nelson Shilunji Taliti. „Das ist nichts Ernstes, weil es keine Kämpfe gibt, aber das ist etwas, das in der nahen Zukunft explodieren könnte.“ Im August habe eine Gruppe auf einen mit Flüchtlingen besetzten Bus aus Somalia geschossen. Die Täter seien Kriminelle gewesen, die die Flüchtlinge ausrauben wollten.

Alle Bäume gefällt

Andere Einheimische beklagen, die Flüchtlinge hätten Bäume gefällt, um Hütten zu bauen oder Feuer zu machen. Außerdem hätten Hilfsorganisationen Flüchtlinge als billige Arbeitskräfte eingestellt und den Flüchtlingen mehr geholfen als den ebenfalls bedürftigen Einheimischen. Die Hilfsorganisationen haben das zurückgewiesen.

Die Umweltschäden sind unübersehbar. Bashir Ahmed Bihi, der 1991 als Flüchtling nach Kenia kam, erklärt, die Flüchtlinge fällten Bäume, um Geld für Kleidung und Nahrungsmittel zu verdienen, die in ihren Hilfspaketen nicht enthalten seien. „Als wir hierherkamen, war alles voller Bäume, Gras und Tieren“, sagt er. „Jetzt ist das Gebiet eine Wüste geworden.“ Allerdings hätten die Einheimischen auch von der kostenlosen Hilfe profitiert, von Schulen, Wasserversorgung und Gesundheitsdiensten. „Das geht in beide Richtungen“, erklärt Bihi.

UN finanzieren örtliche Projekte

Das UN-Flüchtlingshilfswerk hat sich bemüht, auf die Sorgen der Einheimischen einzugehen und nach eigenen Angaben zwischen 2009 und 2011 rund 2,7 Millionen Dollar (1,9 Millionen Euro) für Projekte in Kenia ausgegeben. „Wir haben viel getan“, sagt der Leiter des UN-Büros in Dadaab, Olivier Attidzah. „Es entspricht nicht den Schäden, aber besonders in den vergangenen zwei Jahren haben wir Fortschritte erzielt.“ Die kenianische Regierung hat die UN gedrängt, die Flüchtlingslager in Somalia zu errichten. Attidzah erklärte, das Problem liege jenseits der Grenze, in Somalia. Dort werde eine politische Lösung gebraucht. Einheimische wie Bathe haben drängendere Probleme. „Wir hatten früher viel Milch, nachdem unsere Tiere gefressen hatten“, sagt er. „Jetzt hungern die Tiere und die Menschen.“

Von

dapd

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