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24.02.2012

12:10 Uhr

Kapitalflucht

Milliarden schlummern unter Griechenlands Matratzen

VonGerd Höhler

Aus Furcht vor der Schuldenkrise haben viele Griechen ihre Ersparnisse in Sicherheit gebracht - Milliarden von Euro wurden von den Banken abgezogen. Doch der größte Teil ging überraschenderweise gar nicht ins Ausland.

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AthenDie Schuldenkrise hat den griechischen Banken einen beispiellosen Aderlass beschert. Wegen der miserablen Bonitätsnoten sind sie seit Anfang 2010 nicht nur praktisch vom Interbankmarkt ausgeschlossen und zur Liquiditätsversorgung auf die EZB sowie auf Nothilfen (Emergency Liquidity Assistance, ELA) der nationalen Notenbank angewiesen. Auch viele Kunden verloren das Vertrauen in die Banken. „Ich will mein Geld“: immer häufiger hörten die Kundenberater der griechischen Banken in den vergangenen zwei Jahren diese Forderung.

Die Furcht vor einem drohenden Staatsbankrott und einer Rückkehr zur Drachme ließ viele Anleger um ihr Geld zittern. Nach Angaben der Bank von Griechenland schmolzen die Einlagen der griechischen Geschäftsbanken zwischen Dezember 2009 und Dezember 2011 von 237,5 auf 174,2 Milliarden Euro zusammen – ein Rückgang um 63,3 Milliarden oder 26,6 Prozent. Im vergangenen Jahr beschleunigte sich der Schwund: 35 Milliarden zogen die Griechen ab. Dieser Betrag entsprach immerhin 16 Prozent des letztjährigen Bruttoinlandsprodukts.

Hier wollte Griechenland sparen

576 Millionen Euro

Einsparungen bei Ausgaben für Medikamente

537 Millionen Euro

Kürzungen bei Gesundheits- und Rentenfonds; 500 Millionen davon entstammen dem Budget einer neuen nationalen Organisation, die die Grundversorgung im Gesundheitswesen sicherstellen
soll, 15 Millionen Euro aus einem Fonds der Telefongesellschaft OTE und 21 Millionen aus einem Fonds der öffentlichen Stromversorger

400 Millionen Euro

Einsparungen im Verteidigungshaushalt, davon 300 Millionen durch Verzicht auf Neuanschaffungen und 100 Millionen bei den laufenden Kosten

400 Millionen Euro

Kürzungen bei öffentlichen Investitionen

386 Millionen Euro

Kürzungen bei Haupt- und Zusatzrenten

205 Millionen Euro

Einsparungen bei Personalausgaben

200 Millionen Euro

Einsparungen bei den Verwaltungsausgaben der Ministerien

86 Millionen Euro

Kürzungen im Haushalt des Agrar- und Nahrungsmittelministeriums, vor allem durch Streichung von Subventionen

80 Millionen Euro

Kürzungen im Bildungswesen, darunter 39 Millionen Einsparungen bei den Gehältern von Ersatzlehrern und Lehrern an griechischen Schulen im Ausland sowie zehn Millionen bei Forschung und Technologieförderung

70 Millionen Euro

Kürzung der Wahlkampfunterstützung

66 Millionen Euro

Einsparungen im Haushalt des Finanzministeriums durch Kürzung der Pensionen

59 Millionen Euro

Kürzungen bei der Kommunalförderung

50 Millionen Euro

Streichung von Überstunden von Ärzten in staatlichen Krankenhäusern

43 Millionen Euro

Kürzungen der Unterstützungsleistungen für Familien mit mehr als drei Kindern

25 Millionen Euro

Kürzungen im Kultur- und Tourismushaushalt

3 Millionen Euro

Kürzungen bei den Personalausgaben der staatlichen Versorger

Anders als oft vermutet, floss das meiste Geld allerdings nicht auf ausländische Bankkonten. Wie Finanzminister Evangelos Venizelos jetzt erklärte, beliefen sich die Auslandstransfers in den  vergangenen zwei Jahren auf 16 Milliarden Euro. Davon ging knapp ein Drittel nach Großbritannien, wo Makler seit Beginn der Krise über stark wachsendes Interesse wohlhabender griechischer Kunden an Luxusimmobilien berichten. Knapp zehn Prozent der Gelder flossen in die Schweiz, der Rest nach Zypern und in andere Euro-Länder, auch Deutschland. Einige deutsche Geldinstitute stellten sogar Griechisch sprechende Kundenberater eigens für die Betreuung der aus Athen eingeflogenen Anleger ab.

Kommentare (20)

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Thomas-Melber-Stuttgart

24.02.2012, 12:29 Uhr

Ah, und weshalb ist das überraschend? Wenn ich am Wohnort Geld brauche ist Bargeld immer noch das beste - da nützt mir ein Konto im Ausland auch nichts, insbesondere wenn man Überweisungen nachverfolgen oder auch den Zugriff sperren kann. Was noch ginge wären ausländische Kreditkarten mit einem Verrechnungskonto im Ausland.

hallo081

24.02.2012, 12:42 Uhr

Genau damit der Finanzminister NICHT WEISS wohin das Geld geflossen ist, habens alle bar abgeholt. In der Schweiz wurde jetzt dem ersten die Konten gesperrt - das wird den Barabholern nicht passieren. Ich kenne Griechen die haben letztes Jahr 8 Kurzurlaube gemacht im Land der Sonne ;-).

Die Leute/Barabholer sind deutlich weitsichtiger, weniger naiv als Ökonomen/Finanzminister und letzten Endes Journalisten, die das vorgekaute/vorinterpretierte wiederkäuen...

Aber darum heissts ja "Nachrichten", damit ein Phänomen nach-gerichtet wird.

leser

24.02.2012, 12:47 Uhr

den Griechen jetzt noch an die Matratzen gehen: sowas von Obermies...
Für die Kreditausfallbürgschaften geht hier schließlich auch niemand an die Matratzen.

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