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12.03.2013

11:14 Uhr

Kardinal Angelo Scola

Der Hoffnungsträger

Der 71-jährige Kardinal Scola gilt als einer der führenden Anwärter auf das Pontifikat. Der konservative Geistliche setzt sich für einen Dialog mit dem Islam ein.

Dem Mailänder Erzbischof Angelo Scola werden die besten Chancen auf den Papststuhl zugeschrieben. Foto: dpa

Dem Mailänder Erzbischof Angelo Scola werden die besten Chancen auf den Papststuhl zugeschrieben. Foto: dpa

VareseDem Mailänder Erzbischof Angelo Scola werden die besten Chancen zugeschrieben, das Amt des Papstes wieder nach Italien zu holen. Viele im Land sehnen sich danach. Denn nachdem das Pontifikat jahrhundertelang fest in italienischer Hand war, kamen die letzten beiden Päpste aus Polen und Deutschland.

Bei einer Diskussion über den Glauben mit Studenten im Februar schien sich der 71-Jährige unter den jungen Leuten nicht nur wohlzufühlen, sondern er bemühte sich auch darum, von ihnen verstanden zu werden. Eine wichtige Eigenschaft in einer Kirche, die unter Mitgliederschwund leidet und ein scharfer Kontrast zu Benedikt XVI., der in der Öffentlichkeit eher scheu wirkte.

Die „Lobbys“ im Konklave

„DIPLOMATEN“

Kardinäle, die von Papst Johannes Paul II. ernannt worden waren und sich um Kardinalsdekan Angelo Sodano gruppieren. Der 85-Jährige, der als Kardinal-Staatssekretär lange in der Funktion des „Regierungschefs“ und zuvor als diplomatischer Vertreter des Vatikans im Ausland tätig war, nimmt selbst zwar nicht an der Papst-Wahl teil. Aus seinem Umfeld wird vor allem der Argentinier Leonardo Sandri als „papabile“ (papsttauglich) genannt.

„BERTONIANER“

Kardinäle, die von Papst Benedikt XVI. ernannt worden sind und Tarcisio Bertone, dem derzeitigen Kardinal- Staatssekretär und Camerlengo, nahestehen. Sie rivalisieren mit der alten Garde um Sodano. Zu ihnen zählen die Italiener Antonio Maria Vegliò, Giuseppe Versaldi und Giuseppe Bertello. Bertone selbst zählt nicht zu den Favoriten, hat aber großen Einfluss.

BENEDIKT XVI.

Der emeritierte Papst nimmt zwar nicht am Konklave teil, spielt aber dennoch eine große Rolle. Er hat mehr als die Hälfte der stimmberechtigten Kardinäle ernannt und einige von ihnen auch öffentlich gelobt. Es heißt, sein Favorit sei der Italiener Angelo Scola, den er zum Erzbischof von Mailand, der wichtigsten Erzdiözese des Landes, ernannt hatte.

ITALIENISCHE BISCHÖFE

Sie sind nach italienischen Medienberichten gespalten in Nord und Süd. Die aus dem Norden sympathisieren demnach mit Angelo Scola und dem Erzbischof von Genua, Angelo Bagnasco, der zugleich Vorsitzender der italienischen Bischofskonferenz ist. Die aus dem Süden sollen an Einfluss verloren haben, seit Crescenzio Sepe nicht mehr Präfekt der Kongregation für die Evangelisierung der Völker ist. Papst Benedikt XVI. hatte Sepe zum Erzbischof von Neapel ernannt.

OPUS DEI

Die vom Spanier Josemaría Escrivá de Balaguer gegründete Laienorganisation ist im Konklave durch den Erzbischof von Perus Hauptstadt Lima, Juan Luis Cipriani, vertreten, der von einigen zu den „papabile“ (papsttauglichen) gezählt wird. Das „Werk Gottes“ ist in Spanien, Italien und Lateinamerika stark verwurzelt. Dem Opus Dei gehört auch der emeritierte Kurienkardinal Julián Herranz an, den der Papst mit der Untersuchung der „Vatileaks“-Affäre betraut hatte.

SPIRITUELLE BEWEGUNGEN

Der chilenische Kardinal Francisco Javier Errázuriz Ossa vertritt im Konklave die Schönstatt-Bewegung, der Erzbischof von Mailand Angelo Scola ist im Konklave der höchste Repräsentant der Bewegung Comunione e Liberazione (Gemeinschaft und Befreiung). Scola gilt als einer der Favoriten auf die Papst- Nachfolge.

ORDENSGEMEINSCHAFTEN

Unter den Papst-Wählern sind vier Salesianer (Angelo Amato, Tarcisio Bertone, Raffaele Farina und Óscar Andrés Rodríguez Maradiaga), drei Franziskaner (Carlos Amigo Vallejo, Claudio Hummes und Wilfried Fox Napier), zwei Dominikaner (Dominik Duba y Christoph Schönborn) und ein Jesuit (Jorge Mario Bergoglio).

Scola predigte im Mailänder Dom als Erzbischof und in der Markus-Kathedrale von Venedig als Patriarch - zwei extrem prestigeträchtige Kirchenämter, aus denen im 20. Jahrhundert fünf Päpste hervorgingen. Er galt schon vor acht Jahren, als dann Benedikt gewählt wurde, als Anwärter auf das Pontifikat. Seit ihn Benedikt 2011 in die Erzdiözese Mailand berief, die wichtigste und einflussreichste in Italien, trifft dies erst recht zu.

Italien stellt zwar die meisten Kardinäle - 28 - für das Konklave, die Gruppe ist aber gespalten: In jene innerhalb der römischen Kurie und jene außerhalb, unter denen Scola die größte Unterstützung genießt.

In seinen Ämtern in Mailand und Venedig konnte Scola im Kontakt mit vielen Menschen seine seelsorgerischen Fähigkeiten vervollkommnen, während er zuvor vor allem auf intellektuellem Gebiet geglänzt hatte. Nach seiner Weihe zum Priester 1970 studierte er zwei Jahrzehnte lang an renommierten katholischen Universitäten und theologischen Einrichtungen. Seine Verbindungen zu Benedikt, der ihn nach Mailand berief, stammen aus dieser akademischen Zeit. Damals schrieb er Beiträge für das Magazin „Communio“, mitgegründet vom späteren Papst.

Erwartungen an den neuen Papst

Karl Lehmann

Der Mainzer Kardinal Karl Lehmann erwartet vom neuen Papst „eine nüchterne, aber begeisternde Vision vom Weg der Kirche in die Zukunft“. Er rechnete jedoch nicht mit einer schnellen Nachfolgeentscheidung im Konklave. „Ich bin kein Hellseher, aber so rasch wie 2005 wird es vielleicht doch nicht gehen“, sagte Lehmann der „Allgemeinen Zeitung“ (Mainz). Die Herkunft des künftigen Papstes war für den Mainzer Kardinal, der selbst am Konklave teilnahm, nicht vorrangig.

Robert Zollitsch

„Wir brauchen einen Papst, der die Kirche in die Zukunft führt. Der nach vorne schaut und der die Gottesfrage klar stellt“, sagte Robert Zollitsch, der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, im Interview des Fernsehsenders Phoenix. „Und der zugleich organisatorisch dafür sorgt, dass die Kurie wirklich der Apparat ist, der ihn in seinem Dienst voll und ganz unterstützt.“

Philippe Barbarin

Kardinal Philippe Barbarin, der Erzbischof von Lyon und Mitglied des Kardinalskollegiums sagte dem Fernsehsender Euronews: „Ich hoffe, dass sein Nachfolger ein Heiliger ist und dann, dass er intelligent ist. Er sollte beständig sein, denn er ist der Nachfolger Petri, um den das ganze Gebäude errichtet wurde. Das Bauwerk muss stehen und deshalb ist es besser einen Stein zu haben, der solide ist.”

David Berger

David Berger, katholischer Theologe Autor des romkritischen Buches „Der Heilige Schein“ sagte der Wochenzeitung „Die Zeit“: „Mit Benedikts Rücktritt geht ein Pontifikat von Pleiten, Pech und Pannen zu Ende. Er hinterlässt eine Kirche voll gigantischer Probleme, die er deutlich verschärft hat. In den letzten Jahren entwickelte sich die ehemalige Volkskirche zu einer Art fundamentalistischer Großsekte. Dem wird sich der Mann nach Benedikt entschieden entgegenstemmen müssen. An die Stelle einer konfrontativen Sicht auf Kirche und Gesellschaft, Glaube und Wissenschaft, Tradition und Moderne sollte der mutige Dialog treten. Wenn der neue Papst das wagt, wird er gegen vehementeste Widerstände der Traditionalisten zu kämpfen haben, die unter Benedikt zum Machtfaktor geworden sind.“

Papst Benedikt XVI.

Papst Benedikt XVI. hat sich an seinem letzten Arbeitstag von allen in Rom anwesenden Kardinälen verabschiedet und seinem Nachfolger „Gehorsam“ versprochen. „Unter Euch ist auch der kommende Papst, dem ich meine bedingungslose Hochachtung und meinen Gehorsam verspreche“, sagte das scheidende Kirchenoberhaupt am Donnerstag bei dem Abschiedstreffen mit den Purpurträgern. Seinem Nachfolger will er geheime „Vatileaks“-Informationen persönlich übergeben, über deren Inhalt in den vergangenen Tagen viel spekuliert wurde. Um Erpressung, Sex- und Machtgier im Gottesstaat gehe es laut der italienische Zeitung „La Repubblica“ in dem Dossier. Benedikt will es dem neuen Papst anvertrauen, in der Hoffnung, dass dieser „stark, jung und heilig“ genug sei, um dann die notwendigen Schritte zu unternehmen.

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