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09.01.2005

16:35 Uhr

Kardinal Lehmann: Katastrophe auch eine Chance für mehr internationale Solidarität

Tausende gedenken der Flutopfer

Führende Vertreter von Politik und Gesellschaft sowie Hunderte Bürger haben am Sonntag in einem ökumenischen Gottesdienst im Berliner Dom der Opfer der Flutkatastrophe von Südostasien gedacht.

HB BERLIN. Unter den Teilnehmern des Gottesdienstes waren neben Bundespräsident Horst Köhler und Bundeskanzler Gerhard Schröder zahlreiche Minister, Ministerpräsidenten, Parteivorsitzende und Botschafter sowie Vertreter der betroffenen asiatischen Völker.

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Karl Lehmann, bezeichnete die Flut in seiner Predigt als Katastrophe apokalyptischen Ausmaßes und sprach den Opfern und ihren Angehörigen sein Mitgefühl aus. Die Katastrophe sei auch eine Chance für mehr internationale Solidarität, mahnte er.

Die Zahl der bei der deutschen Polizei vermisst gemeldeten Deutschen stieg am Sonntag erstmals seit mehreren Tagen wieder leicht an auf nunmehr 720. Das Auswärtige Amt geht aber weiter davon aus, dass die tatsächliche Vermisstenzahl höher liegt. 60 Deutsche sind als tot identifiziert, 300 als verletzt gemeldet.

Die Bundesregierung stellte drei Millionen Euro als Überbrückungshilfe für deutsche Flut-Opfer und deren Angehörigen bereit. Außenminister Joschka Fischer besuchte die verwüsteten Urlaubsgebiete in Thailand. Von Union und FDP kam die Forderung, Arbeitslose beim Wiederaufbau in der Krisenregion einzusetzen.

An dem Gottesdienst nahmen neben dem Bundeskabinett unter anderem auch CDU-Chefin Angela Merkel, FDP-Chef Guido Westerwelle, Bundestagspräsident Wolfgang Thierse und DGB-Chef Michael Sommer teil. Neben dem Bundespräsidenten und dem Bundeskanzler saßen die Botschafter der am schlimmsten betroffenen Länder Indonesien und Sri Lanka. Vor dem Dom verfolgten mehrere hundert Menschen den von Funk und Fernsehen bundesweit übertragenen Gottesdienst auf einer Großleinwand.

Kardinal Lehmann sagte, die Katastrophe könne der Beginn einer neuen Epoche sein, wenn die Chance wahrgenommen werde, „dass wir im Sozialen und Humanitären globaler denken und empfinden“. Die Flutwelle und ihre Folgen müssten Konsequenzen haben: Frühwarnsysteme müssten errichtet und die Siedlungspolitik verbessert werden. Trotz Fortschritt in Wissenschaft und Technik seien die Menschen verwundbar geblieben. „Dies ist ein Schock für die heutige Zivilisation.“

Er fügte hinzu: „Die elementare Wucht der Naturgewalten gibt uns keine Erklärung und schenkt uns keinen Trost, macht uns sprachlos.“ Der Ratsvorsitzende des Evangelischen Kirche Deutschland, Bischof Wolfgang Huber, sagte: „Angesichts des Ausmaßes der Katastrophe sind wir in unserer Seele, in unserer Zuversicht, in unserer Hoffnung, in unserem Glauben angefochten.“ Die weltweite Hilfsbereitschaft nach der Katastrophe habe aber auch Dankbarkeit und Hoffnung geweckt. Er dankte allen Helfern und rief erneut zu Spenden auf.

Prominente sammeln für Flutopfer

Am Samstag hatten sich zahlreiche Politiker und andere Prominente an einer bundesweiten Sammelaktion des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) für die Flutopfer beteiligt, bei dem nach DRK-Angaben 1,56 Millionen Euro zusammen kamen. In Berlin gingen unter anderem SPD-Chef Franz Müntefering, mehrere Bundesminister, darunter Finanzminister Hans Eichel (SPD) und Umweltminister Jürgen Trittin (Grüne) mit der Sammelbüchse auf die Straße. Durch die große Spendenbereitschaft haben die Hilfsorganisationen schon weit über 300 Millionen Euro erhalten.

Mit der Überbrückungshilfe der Bundesregierung soll den deutschen Opfern und Angehörigen geholfen werden, die durch das Seebeben in eine existenzielle persönliche Notlage geraten seien. Dies könne der Fall sein, wenn sich Leistungen von Versicherungen verzögerten, sagte Innenminister Otto Schily (SPD). Die Soforthilfe bestehe in der Regel aus zinslosen Darlehen. Um sie rasch und unbürokratisch leisten zu können, durchliefen die Anträge nur eine Plausibilitätsprüfung.

Der schleswig-holsteinische CDU-Chef Peter Harry Carstensen forderte in der „Bild am Sonntag“, arbeitslose Ingenieure und Facharbeiter zum Wiederaufbau in die Katastrophenregion zu schicken. Dies könne etwa im Rahmen der Ein-Euro-Jobs geschehen. Vize-FDP-Chef Rainer Brüderle sagte, die Bundesregierung solle Arbeitslosen Zeitverträge für den Wiederaufbau anbieten.

Forschungsministerin Edelgard Bulmahn forderte eine führende Rolle Deutschlands beim Aufbau eines Flutwellen-Warnsystems in Südostasien. Ein am Potsdamer Geo-Forschungs-Zentrum (GFZ) entwickeltes System sei dafür sehr gut geeignet, sagte sie der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Das Projekt koste 40 Millionen Euro und könne in bis zu drei Jahren aufgebaut werden. Bei einem Beben würden automatisch eine Erdbebenmeldung im Internet veröffentlicht und E-Mails und Handy-Kurzmitteilungen an die angeschlossenen Nutzer verschickt.

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