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15.09.2015

18:02 Uhr

Karikatur zur Flüchtlingskrise

Charlie Hebdo verspielt Sympathien

VonThomas Hanke

Bitterböse oder übers Ziel hinausgeschossen? Eine Karikatur im „Charlie Hebdo“ bildet den ertrunkenen syrischen Jungen Aylan ab. Ein Sturm der Entrüstung bricht los. Das ist nicht das einzige Problem der Zeitschrift.

„So nah am Ziel“, schreibt das Blatt zur Karikatur mit dem toten Aylan. Dahinter: eine McDonals-Promo-Tafel, die zwei Kindermenüs zum Preis von einem anpreist.

Ausriss aus dem aktuellen „Charlie Hebdo“

„So nah am Ziel“, schreibt das Blatt zur Karikatur mit dem toten Aylan. Dahinter: eine McDonals-Promo-Tafel, die zwei Kindermenüs zum Preis von einem anpreist.

ParisDie französische Satirezeitung Charlie Hebdo hat mit einer Karikatur über den ertrunkenen syrischen Jungen Aylan den Zorn vieler Nutzer von sozialen Netzwerken auf sich gezogen. Das Bild, das nicht auf dem Titel prangt, wie fälschlicherweise geschrieben wurde, sondern neben mehreren anderen Zeichnungen auf der Rückseite, zeigt das ertrunkene Kind neben einer McDonalds-Werbung für Kindermenüs, unter der Überschrift: „So nah am Ziel…“

Andere Karikaturen zum selben Thema in dem Heft setzen den Ertrunkenen in Verbindung zu Urlaubern, zum Ex-Chef der französischen Rechtsradikalen Le Pen oder zu einer Kinderattraktion. Auf dem Titel sieht man einen Franzosen im Sessel, der seine Füße auf einem Flüchtling abstützt.

Konzept zur Krise: Wie Brüssel den Flüchtlingszustrom bewältigen will

Notumsiedlung

Die meisten Flüchtlinge betreten derzeit in Griechenland und Italien erstmals den Boden der EU. Eigentlich müssten sie dort auch das Asylverfahren durchlaufen. Von Griechenland reisen Flüchtlinge allerdings in großer Zahl auf der Balkan-Route weiter nach Ungarn, das ebenfalls den Status eines Erstaufnahmelandes bekommen hat. Die EU-Kommission will nun erreichen, dass in den kommenden zwei Jahren insgesamt 160 000 registrierte Asylbewerber aus den drei Staaten auf andere EU-Länder verteilt werden. Grundlage des Notfallmechanismus ist Artikel 78 Absatz 3 des Vertrags über die Arbeitsweise der Europäischen Union. Dort heißt es: „Befinden sich ein oder mehrere Mitgliedstaaten aufgrund eines plötzlichen Zustroms von Drittstaatsangehörigen in einer Notlage, so kann der Rat auf Vorschlag der Kommission vorläufige Maßnahmen zugunsten der betreffenden Mitgliedstaaten erlassen.“

Verteilungsschlüssel

Welches Land wie viele Flüchtlinge bekommt, soll von der Einwohnerzahl, der Wirtschaftskraft, der Arbeitslosenquote und der Zahl der bislang aufgenommen Flüchtlinge abhängen. Von den 160.000 Flüchtlingen würden auf Deutschland vermutlich rund 42.000 entfallen. Die Aufnahme von 10.500 Menschen aus einem Kontingent von 40.000 Flüchtlingen hatte die Bundesregierung bereits vor einigen Wochen freiwillig zugesagt. Aus dem neuen Kontingent von 120.000 Asylsuchenden soll Deutschland laut Berechnungen der EU-Kommission weitere 31.443 übernehmen. Damit wäre es bei dieser zweiten Umverteilung ganz klar erstes Aufnahmeland vor Frankreich (24.031) und Spanien (14.931). Am wenigsten Flüchtlinge müsste Malta aufnehmen (133).

75-Prozent-Quote

Umverteilt werden sollen Flüchtlinge, die mit mehr als 75-prozentiger Wahrscheinlichkeit ein Recht auf Asyl haben. Das waren zuletzt nur Menschen aus Syrien, Eritrea und dem Irak. Bindend für die Entscheidung soll die durchschnittliche Anerkennungsquote im jeweils vergangenen Quartal sein.

Ausgleichszahlungen

Wenn ein Land mit guten Argumenten erklären kann, dass es kurzfristig keine Flüchtlinge aufnehmen kann, soll es bis zu 12 Monate lang die Möglichkeit haben, eine Ausgleichszahlung zu leisten. Ein zulässiges Argument wäre beispielsweise eine Naturkatastrophe, nicht aber eine allgemeine Abneigung der Bevölkerung gegenüber Fremden. Die Ausgleichszahlung soll sich am Bruttoinlandsprodukt (BIP) bemessen. Angedacht ist ein Betrag von bis zu 0,002 Prozent des BIP.

Dauerhafter Krisenmechanismus

In Zukunft soll die Verteilung von Asylsuchenden über ein permanent gültiges Verfahren erfolgen. Immer dann, wenn die EU-Kommission feststellt, dass ein Land durch den Zustrom von Flüchtlingen zu stark belastet wird, könnten diese nach dem festgelegten Verteilungsschlüssel in andere EU-Staaten umgesiedelt werden. Entsprechende Entscheidungen will die EU-Kommission unter anderem auf Grundlage der Asylbewerberzahlen pro Einwohner sowie der Zahl der illegalen Grenzübertritte treffen.

Liste der sicheren Herkunftsstaaten

Aus den westlichen Balkanländern sowie der Türkei kommende Menschen sollen künftig wesentlich unkomplizierter und schneller wieder in ihre Heimat zurückgeschickt werden können. Um dieses Vorhaben rechtlich abzusichern, sollen die Länder zu sicheren Herkunftsstaaten erklärt werden. Die EU-Kommission geht davon aus, dass es in Staaten mit EU-Beitrittsperspektive in der Regel keine politische Verfolgung oder andere systematische Menschenrechtsverletzungen gibt. Asylanträge könnten deswegen ohne lange Prüfung als „offensichtlich unbegründet“ abgelehnt werden.

Hilfe für Afrika

Warum kommen Flüchtlinge nach Europa? Vor allem, weil sie in ihren Heimatstaaten kaum Perspektiven sehen. Rund 1,8 Milliarden Euro will die EU-Kommission nun dafür zur Verfügung stellen, um die Krisen in der Sahelzone, in der Tschadseeregion, am Horn von Afrika und in Nordafrika zu bewältigen zu bekämpfen.

Effiziente Abschiebepolitik

Mit einem neuen Aktionsplan will die EU-Kommission dafür sorgen, dass Migranten ohne Bleiberecht schneller in ihre Heimatländer zurückkehren. Im Idealfall sollen Staaten dafür sorgen, dass die Menschen mehr oder weniger freiwillig zurückgehen - wenn dies nicht funktioniert, ist aber eine zügige Abschiebung unter Zwang vorgesehen. Um die Verfahren zu vereinheitlichen, wurde ein „Rückführungshandbuch“ erarbeitet.

Vielen geht das zu weit: „Es gibt eine feine Trennlinie zwischen Meinungsfreiheit und schlechtem Geschmack, und Charlie hat sie wieder einmal überschritten“, schreibt ein Nutzer auf Twitter. Andere werfen Charlie Gefühllosigkeit oder gar Fremdenfeindlichkeit vor.

Allerdings gibt es auch ganz andere Reaktionen: Charlie wolle den Egoismus des Westens kritisieren, hält ein Tweet der Zeitung zugute. Die Redaktion wurde im Januar Ziel eines Terroranschlages von Islamisten, dem viele Redakteure und Zeichner zum Opfer fielen. Die Mohammed-Karikaturen, die das Satireblatt gedruckt hatte, dienten den Mördern als Vorwand für ihren Anschlag.

Die Redaktion selber setzt sich in einem Text mit den Medienreaktionen auf das Bild von Aylan auseinander: Man müsse schon extrem naiv oder gar zynisch sein um zu behaupten, das Foto eines ertrunkenen Kindes werde dazu führen, dass „ein Ruck durch die Europäer“ gehe und sie nun mehr Flüchtlinge aufnehmen würden, kritisiert die Redaktion den Medienhype um das Foto das im Mittelmeer ertrunkenen Kindes.

Kommentare (33)

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Herr C. Falk

15.09.2015, 18:11 Uhr

Es gab einige Zeitungen in diesem Land, nicht viele, darunter die "Süddeutsche" die es ablehnten , das Bild des toten Jungen zu instrumentalisieren und es nicht veröffentlichten

Diesen Zeitungen gilt mein Respekt.

Herr Franz Paul

15.09.2015, 18:17 Uhr

Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

Frau Ich Kritisch

15.09.2015, 18:18 Uhr

Zitat: "So gut die Karikatur gemeint sein mag – sie wirkt misslungen."

nein, diese Karrikaturen sind nicht mehr daneben als damals die, die das Attentat ausgelöst hatten. Charlie will provozieren - und gerade nun fühlen sich die "Gutmenschen" provoziert. Dann ist es plötzlich schlechter Geschmack. Damals war es für eine andere Gruppe schlechter Geschmack.

Das soll nicht das Attentat entschuldigen, für Mord gibt es keine Entschuldigung. Aber denkt doch bitte mal darüber nach, dass jeder einen anderen Geschmack hat, jeder andere Grenzen und somit die Grenzen des schlechten Geschmacks immer überschritten werden. Die einzige Frage ist wie man damit umgeht.
Tolerant: das müssen wir aushalten
ohne Toleranz: das ist schlechter Geschmack
sehr intollerant: Das muss verboten werden

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