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02.04.2013

18:08 Uhr

Kasinos als Wirtschaftsmotor

Zypern zockt sich aus der Krise

VonGerd Höhler

Die Insel braucht dringend ein neues Geschäftsmodell, um die Wirtschaft anzutreiben. Jetzt kommt die Regierung auf eine neue Idee: Glücksspiel soll aus Zypern das Las Vegas im Mittelmeer machen - und Touristen anlocken.

Zypern will mit Kasinos die Wirtschaft antreiben. dapd

Zypern will mit Kasinos die Wirtschaft antreiben.

NikosiaZyperns bisheriges Geschäftsmodell als Finanzzentrum und Steuerparadies ist am Ende. Die Kunden der zyprischen Banken müssen bluten – und zwar weit stärker als bisher angenommen. Wer mehr als 100.000 Euro auf dem Konto hat, sieht von dem darüber hinausgehenden Betrag womöglich nur ein Fünftel wieder, sagte Zyperns Finanzminister Michalis Sarris am Dienstag kurz vor seinem Rücktritt.

Nach diesem Schock dürfte es den Zyprern schwer fallen, in den nächsten Jahren wieder Anleger und Investoren auf ihre Insel zu locken. Die Oligarchen, die bisher Geld auf Zypern bunkerten, werden Zypern wohl den Rücken kehren. Dafür kommen „einarmige Banditen“. Denn damit der Geldstrom nicht ganz versiegt, setzt die Regierung jetzt aufs Glücksspiel. Schon bald soll das erste Spielkasino öffnen.

Das Hilfspaket in Kürze

Anlegerschutz

Im Gegensatz zur ursprünglichen Fassung der Abmachung von Mitte März werden Konten mit Guthaben von weniger als 100 000 Euro nicht angerührt. Die geplante generelle Zwangsabgabe auf Konten entfällt.

Endgültige Abmachung

Sie soll im April stehen. Zuvor müssen nationale Parlamente wie in Deutschland noch zustimmen. Die ersten Auszahlungen aus dem europäischen Rettungsschirm ESM soll es dann im Mai geben.

Umfang

Die Finanzhilfen der Geldgeber umfassen bis zu zehn Milliarden Euro. Der Internationale Währungsfonds will sich beteiligen, eine Summe steht noch nicht fest. Im Gespräch ist rund eine Milliarde Euro.

Zyprische Banken

Zypern sichert zu, sein aufgeblähtes Bankensystem zu sanieren und deutlich zu verkleinern. Die zweitgrößte Bank Laiki wird abgewickelt. Der Branchenprimus Bank of Cyprus wird zurechtgestutzt und übernimmt den überlebensfähigen Teil von Laiki.

Finanzdienstleistungen waren bisher eine der beiden wichtigsten Säulen der zyprischen Wirtschaft. Die Bilanzsumme der zyprischen Banken machte rund das Siebenfache des Bruttoinlandsprodukts aus. Der EU-Durchschnitt liegt beim 3,5-Fachen. Nur Luxemburg, Irland und Malta haben in Relation zur Wirtschaftsleistung noch größere Bankensektoren als Zypern. Das zweite Standbein der Zyprer ist der Tourismus.

Doch die Insel kämpft mit Wettbewerbsnachteilen: Sie gilt als teuer und ist von ihrem wichtigsten Markt Großbritannien weiter entfernt als Ziele im westlichen Mittelmeer, Griechenland oder die Türkei. Zwar zog Zypern in den vergangenen Jahren zunehmend russische Urlauber an. Aber durch die Zwangsabgabe ist der Ruf der Insel gerade in Russland beschädigt.

Beschränkung gelockert: Zyprer dürfen wieder mehr Geld überweisen

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Außerdem schwächt die Troika die Auflagen des Rettungsplans ab.

Zypern braucht mehr als Sonne und Strand, wenn es seinen Tourismussektor weiter nach vorn bringen will. Seit Jahren wird auf der Insel darüber diskutiert, Spielkasinos zu legalisieren. So könnte man reiche Reisende anlocken, die Saison verlängern und die Hotelbetten auch im Winter füllen. Der bis Ende Februar amtierende zyprische Präsident Dmitris Christofias, ein noch in der UdSSR gedrillter Altkommunist, lehnte die Idee aber strikt ab.

Eine Chronologie der Zypern-Krise

25. Juni 2012:

Zypern bittet die Eurozone um Hilfe, nachdem zwei große Banken im Fahrwasser der Griechenland-Krise Verluste von zusammen 4,5 Milliarden Euro erlitten.

1. Juli:

Ungeachtet der Krise übernimmt Zypern für ein halbes Jahr die EU-Ratspräsidentschaft.

8. Oktober:

Die EU drängt Zypern, einem Rettungsplan der Troika aus EU, Internationalem Währungsfonds (IWF) und Europäischer Zentralbank (EZB) zuzustimmen. Dieser sieht Gehaltskürzungen im öffentlichen Dienst sowie eine Erhöhung der Mehrwertsteuer vor. Die Verhandlungen mit der regierenden Linkspartei Akel ziehen sich aber hin.

3. November:

Der "Spiegel" meldet unter Berufung auf einen Bericht des Bundesnachrichtendienstes, dass eine Rettungsaktion für Zypern vor allem Inhabern russischer Schwarzgeld-Konten nutzen würde. Russische Staatsbürger hätten bei zyprischen Banken 26 Milliarden Dollar (20,1 Milliarden Euro) gebunkert.

22. November:

Die zyprische Regierung beziffert den Finanzbedarf des Landes auf rund 17 Milliarden Euro.

11. Januar 2013:

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) drängt Zypern bei einem Besuch auf der Mittelmeerinsel zu Reformen.

24. Februar:

Der als Sparkurs-Befürworter geltende Konservative Nikos Anastasiades wird zum neuen Präsidenten Zyperns gewählt.

4. März:

Angesichts anhaltender Vorwürfe der Europartner, ein Paradies für Geldwäsche zu sein, stimmt Nikosia einer unabhängigen Prüfung der Finanzströme auf die Insel zu.

16. März:

Die Finanzminister der Eurozone und der IWF wollen Zypern mit bis zu zehn Milliarden Euro unterstützen. Die Differenz zu den ursprünglich verlangten rund 17 Milliarden Euro muss Nikosia durch höhere Staatseinnahmen aufbringen, etwa durch Privatisierungen und eine Anhebung der Unternehmenssteuer, vor allem aber durch eine Abgabe auf Bankeinlagen, die insgesamt 5,8 Milliarden Euro bringen soll.

18. März:

Unter öffentlichem Druck kündigt Nikosia an, das Rettungspaket zugunsten der Kleinanleger neu zu verhandeln. Die Banken bleiben vorerst geschlossen, um panikartige Abhebungen von den Konten zu verhindern. Die Eurozone fordert Nikosia am Abend auf, "Einlagen unter 100.000 Euro vollkommen zu garantieren".

19. März:

Die zyprische Regierung beschließt, Bankeinlagen von unter 20.000 Euro von der Zwangsabgabe auszunehmen. Dennoch fällt das Rettungspaket am Abend im Parlament durch - es gibt keine einzige Ja-Stimme. Vor dem Parlament jubeln tausende Menschen nach der Ablehnung.

20. März:

Zyperns Finanzminister Michalis Sarris verhandelt in Moskau über mögliche russische Hilfen, die Verhandlungen führen aber zu keinem Ergebnis. Die einflussreiche Orthodoxe Kirche auf Zypern bietet ihre Hilfe an: Sie will der Regierung ihr Vermögen zur Verfügung stellen.

21. März:

Zypern will anstelle der Zwangsabgabe auf Bankguthaben einen eigenen Rettungsfonds einrichten. Die EZB erhöht den Druck auf das Land: Sie erklärt, die zyprischen Banken ohne internationalen Rettungsplan nur noch bis zum 25. März mit Notkrediten zu stützen.

22. März:

Merkel warnt Zypern davor, die Geduld der Eurostaaten auszureizen. Am Abend stimmt das zyprische Parlament ersten Maßnahmen eines neuen Rettungsplans zu, darunter einem Gesetz zur Bankensanierung und der Einrichtung eines nationalen Solidaritätsfonds.

23. März:

Zyprische Medien berichten über eine Einigung zwischen zyprischer Regierung und Troika auf ein Konzept für die umstrittene Zwangsabgabe auf Bankguthaben.

24. März:

Der zyprische Präsident Anastasiades reist zu Verhandlungen nach Brüssel, wo auch die Euro-Finanzminister zusammenkommen. In der Nacht zum 25. März stimmen die Euro-Finanzminister dem Rettungspaket zu.

25. März:

Nach einem dramatischen Verhandlungsmarathon in Brüssel einigen sich Euro-Staaten, Internationaler Währungsfonds und Zyperns Regierung auf ein Hilfsprogramm von 10 Milliarden Euro. Großanleger müssen sich auf Verluste einstellen. Einlagen unter 100.000 Euro bleiben jedoch unangetastet.

28. März:

Erstmals seit fast zwei Wochen öffnen die Banken wieder. Allerdings gibt es für Abhebungen und den Zahlungsverkehr strenge Beschränkungen.

Eine 2007 erstellte Studie der zyprischen Tourismusbehörde zur Entwicklung der Glücksspielbranche ließ Christofias in der Schublade verschwinden. Vor einem Jahr schlug der damalige Finanzminister Kikis Kazamias vor, Kasino-Konzessionen zu vergeben, um die Finanzmisere der Insel zu lindern. Christofias lehnte erneut ab: „So lange ich Präsident bin, wird es auf Zypern kein Kasino geben“, sagte Christofias. Wenig später trat Kazamias zurück – aus „Gesundheitsgründen“, wie es offiziell hieß. Auch die mächtige orthodoxe Kirche Zyperns wollte von Spielbanken nichts wissen.

Kommentare (13)

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Sarina

02.04.2013, 18:30 Uhr

Für Zypern, wie auch für Griechenland, kommt immer eine Branche in Frage, die den meisten Gewinn bei niedrigstem Arbeitseinsatz erfordert. Man könnte durchaus meinen, dass sie mit dauerhaften, nachhaltigen Branchen - außer dem Tourismus vielleicht - gar nichts anfangen können. Warum sich auch anstrengen und sich dem Konkurrenzdruck aussetzen, wenn man weiß, dass das kleine Zypern mit seinen 0,2% Wirtschaftsleistung ex cathedra von deutschen Spitzenpolitikern ohne Not (sic!) als "systemrelevant" lauthals deklariert wurde. Sie wissen jetzt also, dass sie sich gar nicht über Gebühr anstrengen müssen, weil die blöden Deutschen ihnen das nötige Geld aus ihren ehrlich versteuerten Euros für ihre dubiosen "Geschäftsmodelle" geradezu nachschmeißen - wie gesagt: OHNE NOT! Dieser "alternativlose Imperativ" (die Systemrelevanz) wird dem Euro den Garaus bescheren, denn es steht nicht zu erwarten, dass die Bankrotteure aus dem ClubMed ihre zugesagten Reformen in Angriff nehmen werden (bei den Griechen, munkelt man, passiert schon wieder - nach 6 Monaten! - gar nichts mehr)!

Account gelöscht!

02.04.2013, 18:46 Uhr


Oh, ein neues M a c a u in Europa.

Auf zu neuen Ufern, Dank "EU Strukturhilfe" über 10 MRD Euros. Es gilt zukünftig weder die "zyprische Millionärsliga" noch die allseitsbekannte und hier bislang heftig kritisierte "EU/EZB Tätergruppierung" weiter ernsthaft zu kommentieren.

Ein Hoch auf die Satire. Jene ist auf alle Fälle ausbaufähig. Dein Projekt.

Tabu

02.04.2013, 18:53 Uhr

Glücksspiel soll aus Zypern das Las Vegas im Mittelmeer machen.
-------------
Das plant doch auch Spanien.
Gibt es überhaupt noch ethische Grundsätze-Moral und
Arbeitsdiziplin,in der es nicht um zocken und
bereichern geht.
Da will man sich in perfider Form,der Süchtigen
dieser Welt annehmen-von Staats wegen.
Mir ist das alles zu verkommen.

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