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05.10.2017

19:36 Uhr

Katalonien-Krise

Countdown setzt EU und Madrid unter Druck

Lange war der Konflikt um die Unabhängigkeitsbestrebungen in Katalonien in Spanien und Europa als Provinzposse abgetan worden. Das hat sich geändert. Die Zahl der Spanier, denen Katalonien große Sorgen bereitet, wächst.

Katalonien will die Unabhängigkeit

Die Flucht der Wirtschaft – der katalanische Zwiespalt

Katalonien will die Unabhängigkeit: Die Flucht der Wirtschaft – der katalanische Zwiespalt

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Madrid/Barcelona/BrüsselJulian Assange, Günther Oettinger und Aleix Espargaró haben wenig gemein. Der Wikileaks-Gründer, der deutsche EU-Kommissar und der spanische Radprofi stimmen aber in einem wichtigen Punkt überein: Sie warnen vor einem Bürgerkrieg in Katalonien.

Die Unabhängigkeitsbestrebungen in der spanischen Region, lange Zeit als exotische Provinzposse abgetan, beunruhigen immer mehr. „Die Angst wächst“, schrieb am Donnerstag in der Zeitung „El Periódico“ der angesehene Kolumnist Joan Tapia. Und wachsen tut auch der Druck auf die EU und die Zentralregierung in Madrid, die weiterhin Gespräche mit den Separatisten ablehnen.

Nur vier Tage vor einer Plenarsitzung des Regionalparlaments in Barcelona, bei der am Montag die Erklärung der Abspaltung von Spanien erwartet wurde, hätte Mariano Rajoy sich sicher eine bessere Nachricht gewünscht. Kein Geringerer als Ex-Regierungschef José María Aznar (1996-2004), ein „Schwergewicht“ in Rajoys konservativer Volkspartei PP, rief den Ministerpräsidenten dazu auf, das Problem endlich zu lösen – oder aber seinen Platz im Palacio de la Moncloa zu räumen und Neuwahlen auszurufen.

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Wer hätte das vor kurzem gedacht, dass der Erzkonservative Aznar und die linke Partei Podemos, die zur Konfliktlösung ebenfalls neue Wahlen fordert, fast auf einer Linie schwimmen würden? Klar, Aznar fordert ein hartes Durchgreifen gegen die Separatisten, Podemos-Chef Pablo Iglesias will dagegen Dialog. Ebenso wie die Sozialisten (PSOE), die zweitstärkste Kraft im Nationalparlament. PSOE-Chef Pedro Sánchez sagte vor einigen Tagen, er werde Rajoy „dazu zwingen“, mit den Katalanen eine Vereinbarung auszuhandeln.

Aznar, Iglesias, Sánchez – sie alle gehen im Namen der besorgten spanischen Volksseele auf die Barrikaden. Nach einer am Donnerstag veröffentlichten Umfrage des Forschungsinstituts CIS wuchs der Anteil der Spanier, die sich wegen Katalonien große Sorgen machen, zwischen Mitte August und Mitte September um das Dreifache auf knapp acht Prozent. Und da wussten die Befragten noch nicht, dass die katalanische Regionalregierung von Carles Puigdemont gegen Vetos des Verfassungsgerichts und Madrids tatsächlich ihr „verbindliches Referendum“ über eine Unabhängigkeit durchziehen würde.

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Grund zur Sorge gibt es. In Madrid blickten am Donnerstag viele besorgt gen Himmel, als Kampfflugzeuge mit großen Lärm über ihre Köpfe hinwegflogen. Die Zahl der Touristen geht in Katalonien, der von Ausländern meistbesuchten Region Spaniens, seit einigen Tagen zurück. Die vom Wirtschaftsminister Luis de Guindos lange abgestrittene Firmenflucht scheint in der Region doch einzusetzen.

Vor zwei Tagen gab mit dem Biopharma-Unternehmen Oryzon eine erste größere Firma eine Verlegung des Spanien-Sitzes von Barcelona nach Madrid bekannt. Laut Medien wollte die Großbank Sabadell noch am Donnerstag über einen Umzug der Zentrale nach Alicante entscheiden.

Kommentare (1)

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Herr Paul Kersey

06.10.2017, 10:12 Uhr

Es fehlen einem wirklich die Worte. Ein Fleckchen Land in Spanien, etwa so groß wie NRW aber mit 10 Mio. weniger Einwohnern, will unabhängig werden und riskiert dabei den Ausschluss aus der EU und damit die Abwanderung der Wirtschaftskraft von Katalonien nach Spanien durch die Verlegung der Firmensitze. Damit wäre alles weg, was Katalonien so stark gemacht hat (außer dem Tourismus). Wie kann man so kurzsichtig handeln? Und tatsächlich manövriert sich beide Parteien in eine Situation, die einen bewaffneten Konflikt unumgänglich machen könnte. Dafür fehlt mir jedes Verständnis, auch wenn ich immer mit unterdrückten Minderheiten und nachvollziehbaren Separationsbemühungen zum Beispiel in Vielvölkerstaaten sympathisiere. Aber Unabhängigkeit, weil man nicht bereit ist, seinen Wohlstand mit der eigenen Landesbevölkerung zu teilen, versteht man wohl gerade als Deutscher nicht, der mit dem Länderfinanzausgleich groß geworden ist und schon fast drei Jahrzehnte seinen Solidaritätszuschlag zahlt. Der menschliche Egoismus ist das größte Übel dieser Welt.

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