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02.06.2016

10:09 Uhr

Katar

Erst Eldorado, dann Schuldenhölle

Katar ist für viele Manager aus dem Ausland ein Paradies. Denn ein Job im Golfstaat verspricht hohes Gehalt und Prestige. Doch der Ölpreisverfall bringt die dunkle Seite des Landes zum Vorschein. Ein Manager erzählt.

Viele Ausländer in den Golfstaaten finden sich in der Schuldenfalle wieder, seit die Öleinnahmen in der Region nicht mehr sprudeln und Bauprojekte auf Eis gelegt werden. AP

Skyline von Doha

Viele Ausländer in den Golfstaaten finden sich in der Schuldenfalle wieder, seit die Öleinnahmen in der Region nicht mehr sprudeln und Bauprojekte auf Eis gelegt werden.

DohaRobert Foster saß in Katar in der Falle. Er hatte seine Arbeit in dem Emirat verloren und durfte wegen horrender Schulden nicht ausreisen. Monatelang harrte er aus, verkaufte alles, was er besaß und musste schließlich all seine Ersparnisse aufbringen, um nach Hause in die USA reisen zu können.

Vielen anderen Ausländern in den Golfstaaten geht es ähnlich, seit die Öleinnahmen in der Region nicht mehr so sprudeln wie früher und Bauprojekte aus Geldmangel auf Eis gelegt werden. „Eine Weile war das dort ganz schön furchterregend“, sagt Foster, der in der Stadt Beaufort in South Carolina lebt. „Wir haben alles verkauft, was wir hatten.“

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Mit dem Ölreichtum haben sich Saudi-Arabien & Co. bei ihren Bürgern lange von politischer Mitbestimmung freigekauft. Das wird den Herrschern wegen des Preisverfalls nicht mehr gelingen. Nun kommt noch iranisches Öl dazu.

Der 50-Jährige kam als Manager für die staatsnahe Firma Hamad Medical, die Rettungsdienste anbietet, nach Katar. Er hatte einen Vertrag über drei Jahre und nahm seine Arbeit im März 2014 auf. Mindestens sechs Jahre wollte er bleiben, um dann genug Geld für ein Haus in den USA zusammen zu haben.

Doch es kam anders: Den ersten Gehaltsscheck erhielt er erst nach drei Monaten, so dass er einen Kredit aufnehmen musste, um seine Lebenshaltungskosten und Kreditraten zu decken und dann noch seine Familie in der Heimat zu unterstützen. „Viele von uns mussten Kredite aufnehmen, um durchzukommen“, sagt Foster. „Und so hat es angefangen.“

Die jüngsten finanziellen Schwierigkeiten der Golfstaaten begannen mit fallenden Ölpreisen, die von mehr als 100 Dollar pro Barrel im Sommer 2014 auf unter 30 Dollar zum Jahresbeginn 2016 rutschten. Inzwischen steht der Preis wieder bei etwa 50 Dollar, aber in vielen Ländern der Region ist der Schaden bereits angerichtet.

Die Folgen des Billigöls

1. Billiges Erdöl treibt die Wirtschaft an

Tatsache ist: Europas Verbrauchern nutzen die Niedrigpreise sehr. Im Februar war Energie im Euroraum dem Statistikamt Eurostat zufolge 8,0 Prozent günstiger als vor einem Jahr, bei Haushaltsenergie und Sprit in Deutschland nach Angaben des Statistischen Bundesamts 8,5 Prozent. Von Mitte 2014 bis Ende 2015 verbilligte sich das „schwarze Gold“ um zwei Drittel, das Hamburgische Weltwirtschaftsinstitut meldete beim Rohstoffpreis-Index den tiefsten Stand seit 2004. Die Deutschen gaben 2015 laut Mineralölverband 13,5 Milliarden Euro weniger für Sprit und Heizöl aus. Auch große Teile der Industrie freuen sich: Je billiger der Schmierstoff der Weltwirtschaft, umso mehr Entlastung im Einkauf.

Wahr ist aber auch: Die Chemie zum Beispiel muss bessere Konditionen oft mit niedrigeren Preisen für Kunst- oder Farbstoffe an ihre Kunden weitergeben. Beim Branchenriesen BASF etwa sank der Überschuss 2015 auch deshalb um fast ein Viertel auf rund 4 Milliarden Euro.

2. Bald steigen die Ölpreise stark, dann kommt das böse Erwachen

„Langfristig dürfte ein steigender (Öl-)Preis die Geldentwertung anheizen“, glaubt Eugen Weinberg von der Commerzbank. Die Gefahr: Wenn es mächtigen Förderländern gelingt, das Fracking in den USA aus dem Markt zu drängen, könnte das Angebot knapp werden und die Kosten hochkatapultieren. Für Flüssigtreibstoffe ermittelte die französische Bank Société Générale von 2005 bis 2015 einen Rückgang der Preise um fast 30 Prozent. Die Internationale Energieagentur (IEA) sieht aber allerspätestens 2021 deutliche Erhöhungen. „Für Verbraucher ist es einfach, sich durch niedrige Preise einlullen zu lassen, aber sie sollten die Signale nicht überhören“, warnte IEA-Chef Fatih Birol.

Zwar ist vor allem die kühlere Konjunktur in China ein Grund; dort gab es 2015 mit 6,9 Prozent das schwächste Wachstum seit 25 Jahren. Aber auch unklare Ziele des Opec-Kartells spielen eine Rolle. Der Iran will nach dem Ende der Sanktionen Öl exportieren, die Saudis und das Nicht-Opec-Mitglied Russland peilen eine Deckelung der Produktion an. Wenn mehr US-Quellen dicht machen, könnten am Ende Engpässe - so fürchtet Birol - zu „nach oben schießenden Ölpreisen“ führen.

3. Das Billigöl würgt den Börsen-Boom endgültig ab

Weltweit haben Aktienbesitzer nach dem Jahreswechsel herbe Verluste einstecken müssen. Ein Grund, der neben der befürchteten schwächeren Weltkonjunktur oft genannt wird: das Ölpreis-Tief. Dauerhaft billige Rohstoffe werten die Märkte als Zeichen schrumpfender Nachfrage.

Chinas Schwäche sorgt weiter für Zweifel - zusammen mit den dortigen Finanzmarkt-Turbulenzen und Exporten, die im Februar um ein Fünftel einbrachen. Und wie lange können Förderer Kredite voll bedienen? „Wir erwarten, dass Banken in ölexportierenden Regionen ein höheres Gläubiger-Risiko haben“, warnt die Ratingagentur Moody's. Sie prüft eine Abstufung von zwölf Förderländern, darunter Russland und Saudi-Arabien. Das Preistief werde wohl noch „mehrere Jahre“ dauern.

4. Das Klima verliert, denn günstiges Öl blockiert die Energiewende

Beim Pariser Klimagipfel Ende 2015 einigte sich die Weltgemeinschaft auf einen Verzicht auf fossile Brennstoffe bis Ende des Jahrhunderts. Solange die Abkehr von Öl, Gas und Kohle nicht klappt, verschleppt das Ölpreis-Tief die Energiewende zusätzlich, sagte Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung im Deutschlandfunk: „Ein niedriger Ölpreis behindert den Umstieg Richtung Energiesparen.“ Prognosen zum Welt-Energiebedarf gibt es viele. So erwartet BP, dass die Fossilen auch 2035 den Löwenanteil (60 Prozent) zur globalen Versorgung beitragen, obwohl erneuerbare Quellen parallel zulegen.

Die Schwellenländer wollen jedoch mehr Wohlstand - und brauchen dafür mehr Energie. Andererseits entlasten niedrige Ölpreise sie nur dann, wenn rückläufige Verkäufe sie nicht treffen. IWF-Chefin Christine Lagarde bot Hilfe an: „Der IWF steht offen für alle Mitglieder.“

5. „Die Elektroauto-Industrie wird unter niedrigen Ölpreisen leiden“

Dies sagt nicht irgendwer - sondern der schillernde Gründer des US-Elektroautobauers Tesla, Elon Musk. Über seine bei CNN geäußerte Einschätzung kann man streiten: Es gibt viele Faktoren, die eine „Verkehrswende“ erschweren. Elektroautos sind gegenüber Benzinern meist teuer, die Reichweite ist gering. Laut Kraftfahrt-Bundesamt kamen 2015 in Deutschland gerade 12 363 reine E-Autos zusätzlich auf die Straße, verglichen mit der Gesamtzahl von 3,2 Millionen Pkw. Die Bundesregierung hat zu möglichen Subventionen noch keine klare Linie.

In der Auto-Nation USA jedenfalls schiebt das billige Öl den Absatz von Spritschluckern an. Nach Zahlen der Deutschen Bank stieg der Verkaufsanteil leichter Trucks dort zwischen 2000 und 2015 von 50 auf über 60 Prozent, während normale Pkw zuletzt 40 Prozent erzielten. Ursache: „das enorme Abrutschen der Öl- und damit der Benzinpreise“.

Katar wurde schwer getroffen. Das Land ist Gastgeber der Fußballweltmeisterschaft 2022 und hat in Erwartung des sportlichen Großereignisses zahlreiche Bauprojekte begonnen. Mit dem Rückgang der Öl- und Gaspreise sanken jedoch auch die Einnahmen und zahlreiche private und staatliche Unternehmen entließen Mitarbeiter.

So feuerte die staatliche Qatar Petroleum bei der vergangenen Umstrukturierung mindestens 1.500 Leute, wie Energieminister Mohammed bin Saleh al-Sada erklärt: „Einheimische waren nicht betroffen und das war Teil unserer soliden Politik.“ Maersk Oil kündigte die Entlassung von zwölf Prozent der Belegschaft in Katar an. Die örtliche Tochter von Vodafone erklärte am 17. Mai, man werde jedem zehnten Mitarbeiter kündigen. Konkurrent Ooredoo trennte sich ebenfalls von Mitarbeitern.

Kommentare (12)

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Herr Grutte Pier

02.06.2016, 10:34 Uhr

wenn die "reichen" Ölförderländer (u.a. auch Saudi Arabien) inzwischen Anleihen begeben müssen, ist was ober-faul.

Diese Staaten haben in den vergangenen Jahrzehnten Unsummen an Geld gescheffelt - wo ist es geblieben?

Das man sich inzwischen Geld "leihen" muss ist mehr als peinlich.
Aber diese Anleihen sind mit großer Wahrscheinlichkeit genau so "sicher" wie Anleihen aus den €-Club-Med-Staaten (u.a. Griechenland - die "Mutter" aller "Rettungsaktionen")

Ob das ein "solides" Investment ist darf in meinen Augen bezweifelt werden.......

Herr Tor Mei

02.06.2016, 11:25 Uhr

Saudi-Arabien ist schon lange nicht mehr schuldenfrei, der niedrige Ölpreis hat die Verschuldung nur noch verstärkt.

Auch habe in Saudi-Arabien und Katar gearbeitet, und war froh, ein Deutscher zu sein. Wie dort die Inder, Pakistanies und Phillippinos behandelt wurden, dass kann man sich in Europa kaum vorstellen, ja, darüber darf ja auch nicht berichtet werden, sind ja unsere Verbündeten.

Demokratisch oder verlässliche Partner waren die MENA-Staaten noch nie, weder politisch noch wirtschaftlich. Nun leiden diese Staaten durch ihren Verbündeten USA, der den Ölpreiskrieg begonnen hatte, um Rusland in die Knie zu zwingen, so wie wir auch durch diesen Verbündeten leiden, der uns die Flüchtlingswelle organisiert hat.

Herr richard roehl

02.06.2016, 11:39 Uhr

Öl wird noch Dekaden eine zunehmend knapper werdende unentbehrliche Resource bleiben, wenn auch durch neue Explorationsmethoden temporär neue Angebotsspitzen entstehen und das Ende hinausgezögert wird, hier liegen Realwerte vor, anders als im Westen, wo es nur virtuelles Geld und aufgeblähte Assets gibt. Insofern bleiben diese Staaten ökonomisch eine Bank, politisch-ideologisch sieht das natürlich anders aus

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