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06.06.2017

09:32 Uhr

Katar-Krise

Trump und Erdogan bieten sich als Schlichter an

Die Golfstaaten befinden sich im schwerwiegendsten diplomatischen Konflikt seit dem Irakkrieg 1991. Kuwait, Ankara und die USA bieten sich als Schlichter an. Fluggesellschaften wie Etihad und Emirates droht ein Desaster.

Mit dem Abbruch aller Kontakte zu Katar haben Saudi-Arabien und andere arabische Staaten die wohl schwerste diplomatische Krise in der Region seit Jahren ausgelöst. dpa

Beziehungen abgebrochen

Mit dem Abbruch aller Kontakte zu Katar haben Saudi-Arabien und andere arabische Staaten die wohl schwerste diplomatische Krise in der Region seit Jahren ausgelöst.

Istanbul/DubaiDer türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hat in der diplomatischen Krise zwischen mehreren arabischen Ländern und dem Golfstaat Katar zu Zurückhaltung aufgerufen. Die Spannungen müssten rasch verringert werden, forderte Erdogan nach Angaben aus Präsidialamtskreisen vom Dienstag in Telefonaten mit den Staats- und Regierungschefs von Katar, Russland, Kuwait und Saudi-Arabien.

Der kuwaitische Emir Scheich Sabah al-Ahmad al-Sabah forderte zudem den katarischen Emir auf, Bemühungen zur Entspannung der Lage eine Chance zu geben. Das meldete die staatliche Nachrichtenagentur in Kuwait. In den Gesprächen sei die Bedeutung des regionalen Friedens und der Stabilität unterstrichen worden. Die gegenwärtigen Spannungen müssten durch Diplomatie und Dialog gemildert werden. Doch aus Katar kommt Widerstand.

Auch die US-Regierung hatte zuvor angekündigt, sich um Entspannung in der Region bemühen zu wollen. Präsident Donald Trump werde mit allen Beteiligten sprechen, um die Situation zu beruhigen, sagte eine Sprecherin des Weißen Hauses am Montag (Ortszeit) in Washington.

Katar: Aufstieg eines Zwergs

Größe

Das Emirat Katar im Osten der arabischen Halbinsel ist geografisch zwar nur etwa halb so groß wie Hessen, gewinnt international aber sowohl politisch als auch wirtschaftlich immer mehr an Bedeutung. Große Vorkommen an Erdöl und Erdgas machten Katar zu einem der reichsten Länder der Erde. Das Land ist 2022 Gastgeber der Fußballweltmeisterschaft.

Viele Ausländer

Rund 2,2 Millionen Menschen leben in Katar, von denen der Großteil aus dem Ausland kommt und als Gastarbeiter beschäftigt ist. Das Land hat zahlreiche Beteiligungen an europäischen Unternehmen, darunter etwa Anteile am VW-Konzern und an der Baufirma Hochtief. Der arabische Nachrichtensender al-Dschasira hat seinen Sitz in Katar.

Öl und Geopolitik

Katar ist Mitglied der Organisation erdölexportierender Länder (Opec) und hat unter anderem zusammen mit Saudi-Arabien, Bahrain und den Vereinigten Arabischen Emiraten den Golfkooperationsrat mitgegründet, der eine gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik in der Region als Ziel hat. Südlich der Hauptstadt Doha befindet sich der größte Stützpunkt der US-Armee in der arabischen Welt.

Schelte

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International kritisiert Katar für die Ausbeutung von Gastarbeitern und eingeschränkte Meinungsfreiheit.

Der katarische Außenminister Scheich Mohammed bin Abdulrahman al-Thani sagte dem Nachrichtennetzwerk Al-Dschasira in Doha, dass sein Land all jene ablehne, die Katar ihren Willen aufzwingen oder sich in die inneren Angelegenheiten des Emirats einmischen wollten. Gleichzeitig bestätigte er, der kuwaitische Emir habe den regierenden Emir von Katar, Tamim bin Hamad al-Thani, gebeten, sich mit einer Ansprache zur Krise zurückzuhalten.

Der stellvertretende türkische Ministerpräsident Numan Kurtulmus teilte indes mit, die Regierung hoffe, Erdogans Initiative helfe dabei, dass die Spannungen am Golf überwunden werden können. Es handelt sich um die schwerwiegendste politische Krise in der Region sei dem Krieg gegen den Irak 1991.

Saudi-Arabien, Bahrain, die Vereinigten Arabischen Emirate sowie Ägypten hatten am Montag die diplomatischen Beziehungen zu Katar abgebrochen. Verkehrsverbindungen über Land, Meer und Luft wurden eingestellt. Sie beschuldigen Katar unter anderem, Terrorgruppen in der Region zu fördern – Katar weist das zurück. Die jüngste Krise werde durch „absolute Erfindungen“ angeheizt. Später am Montag verlautete auch von der international anerkannten Regierung im Jemen, dass sie ihre Verbindungen zu Katar gekappt habe. Auch die Malediven und eine der rivalisierenden zwei Regierungen in Libyen entschieden, die diplomatischen Beziehungen auf Eis zu legen.

Am Dienstag verteidigten die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) die Entscheidung. Sie sei nach Jahren der Provokation und nach Jahren der Beratung und Geduld gefällt worden, erklärte der emiratische Außenminister Anwar Karkasch via Twitter. Es gehe um die Ablehnung einer Politik, die die Sicherheit und Stabilität der Region untergrabe. Der Konflikt könne nur gelöst werden, wenn sich die provozierende und schädigende Politik Katars ändere.

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Saudi-Arabien begründete seinen Schritt mit Katars angeblicher Unterstützung der Muslimbruderschaft, Al-Kaidas sowie der Terrormiliz Islamischer Staat. Auch westliche Regierungen haben Katar vorgeworfen, sunnitische Extremisten wie den Al-Kaida-Zweig in Syrien zu dulden oder sogar zu fördern. Das Land unterstützt die Hamas im Gazastreifen.

US-Außenminister Rex Tillerson sagte, die Ansage Saudi-Arabiens und anderer Länder folge auf schon lange bestehenden Differenzen. Er rief die Konfliktparteien auf, ihren Disput zu lösen. In Katar hat das US-Militär einen Sitz auf dem Stützpunkt Al Udeid. Der Chef der entsprechenden Einheiten, Adrian Rankine-Galloway, sagte, die Armee habe „keine Pläne“ ihren Posten zu wechseln. In Katar sind 10.000 US-Truppen beheimatet, außerdem wird das Land 2022 die Fußball-WM austragen.

Arabische Länder und ihr Verhältnis zu den USA

Ägypten

Abdel Fattah al-Sisi, der autoritäre Präsident des bevölkerungsreichsten arabischen Landes, brüstete sich nach der US-Wahl damit, dass er der erste Staatschef gewesen sei, der Donald Trump zum Sieg gratuliert habe. Die Wahlkampf-Auftritte Trumps gefielen nicht nur dem ehemaligen General, sondern auch vielen Ägyptern, die sich durch Trump eine Erneuerung der Beziehungen erhoffen. Ein erstes Treffen im Weißen Haus lief für Al-Sisi zufriedenstellend, wurde dem Unterdrücker doch ein „hervorragender Job“ attestiert. Aus den USA fließen jährlich knapp 1,5 Milliarden Dollar an Unterstützung nach Ägypten, das unter einer schweren Wirtschaftskrise und Terrorismus leidet.

Irak

Zu kaum einem anderen Land in der Regierung ist das Verhältnis der USA so zwiespältig. Einerseits unterstützt die US-Armee das irakische Militär massiv im Kampf gegen den IS. Mehrere tausend US-Soldaten sind als Ausbilder und Berater im Einsatz, US-Jets fliegen Angriffe. Argwöhnisch beobachtet Washington aber, dass Bagdad engste Kontakte zum schiitischen Nachbarn Iran pflegt, den Trump immer wieder verdammt hat. Der Irak wiederum war empört, weil das Land von der Einreisesperre der neuen US-Regierung betroffen war.

Jordanien

Das Königreich pflegt seit Jahrzehnten enge Beziehungen zu den USA. Auch unter Donald Trump bemüht sich der besonnene König Abdullah II. um ein pragmatisch-gutes Verhältnis zu Washington. Als ressourcenarmer Staat ist Jordanien auf die finanzielle Hilfe der USA angewiesen und erhält von dort rund eine Milliarde US-Dollar. Mehr als 650 000 Syrer haben im Nachbarland Zuflucht gefunden, für das Königreich eine schwere Last. Auch die Geheimdienste Jordaniens und der USA arbeiten eng zusammen. Wie sein Vater Hussein bemüht sich Abdullah zudem um eine Vermittlerrolle im Nahost-Konflikt. Der Monarch hat Trump in diesem Jahr bereits in Washington besucht.

Saudi-Arabien

„Sicherheit für Öl“ war jahrzehntelang die Grundformel für das enge amerikanisch-saudische Verhältnis. Als Schutzmacht sicherte sich Washington die Treue des regional einflussreichen Riad und günstige Energie-Lieferungen. Das saudische Herrscherhaus konnte vor allem gegenüber dem Erzrivalen Iran selbstbewusst auftreten. Wie abhängig das Königshaus vom Wohlwollen des Präsidenten war, zeigte sich, als Trump-Vorgänger Barack Obama auf Distanz ging und die Saudis unruhig wurden. Unter dem neuen US-Staatschef hoffen die Monarchen auf einen Neuanfang nach altem Muster.

Syrien

Noch zu Trumps Amtsantritt sah es so aus, als könne Damaskus von dem Machtwechsel in Washington profitieren. Die USA schienen sich auf den Kampf gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) konzentrieren und Syriens Präsident Baschar al-Assad als das kleinere Übel akzeptieren zu wollen. Doch der mutmaßliche Giftgasangriff auf die syrische Stadt Khan Scheichun hat Trumps Haltung radikal geändert. Er ließ danach einen Militärflugplatz der syrischen Regierung bombardieren. Washington beschuldigt Damaskus zudem, Tausende Gefangene hingerichtet und in einem Krematorium verbrannt zu haben. Die Beziehungen sind auf einem neuen Tiefpunkt angelangt.

Wichtige Fluggesellschaften wie Etihad und Emirates kündigten an, ab Dienstag alle Flüge von und nach Doha auf unbestimmte Zeit auszusetzen. Ägypten schloss den Luftraum für Flugzeuge aus Katar, was das Luftdrehkreuz Doha gefährden könnte, über das auch europäische Passagiere nach Asien fliegen. Es wird mit erheblichen Störungen im Flugplan gerechnet, vor allem bei Qatar Airways.

Die griechische Botschaft in Doha wird ab sofort die Interessen Ägyptens in Katar vertreten. Einer entsprechenden Anfrage Ägyptens habe Athen zugestimmt, sagte ein Sprecher des griechischen Außenministeriums am Dienstag der Deutschen Presse-Agentur. Zudem wolle Athen seine traditionell guten Beziehungen zu allen arabischen Staaten nutzen, um die schweren Spannungen zwischen zahlreichen arabischen Staaten zu entschärfen und zur Stabilität in der Region beizutragen, hieß es aus dem Außenministerium weiter.

Kommentare (11)

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Herr Günther Schemutat

06.06.2017, 08:44 Uhr

Das ein IS Unterstützer wie Erdogan in Katar den Schlichter spielen will liegt auf der Hand. Beide Staaten haben ein Interesse daran , dass die IS sollte sie zur sehr
in Bedrängnis geraten ,dass diese weiterhin Schutz erhalten. Zum zweiten ist Erdogan
auf dem Weg sich als Ordnungsmacht im Arabischen Raum aufzustellen. Als dritter Player neben Iran und Saudi Arabien. Ein gefährliches Spiel, da die Türken ziemlich unbeliebt sind in diesen Räumen . Das Trump mit Erdogan Kopf an Kopf gezeigt wird, als wenn beide "Freunde" der Schlichtung sind, stimmt so nicht.

Denn Trump hat eigene Interessen die anders sind als die von Erdogan. Katar als kleiner Sandhaufen ist eigentlich politisch für Trump nicht wichtig. Aber für die Saudis ,die keinen Staat an der Seite haben wollen, der den Iran unterstützt und umgekehrt. Hauptsache Fussball wird da gespielt. vermutlich ohne die anderen Arabischen Staaten und anderen.

G. Nampf

06.06.2017, 10:32 Uhr

@ Günther Schemutat 06.06.2017, 08:44 Uhr

Falls Erdogan wirklich als Vermittler in dem Konflikt agiert, heißt das:

Der eine IS-Unterstützer (Erdogan) vermittelt zwischen dem anderen Terror-Unterstützer (Qatar) und einem Regime, das sich vom IS nur dadurch unterscheidet, daß es die Welt mit Geld statt mit Waffen islamisiert (Saudi-Arabien).

Herr Tomas Maidan

06.06.2017, 10:40 Uhr

Trump scheint ja ein Herz für islamische Despoten gefunden zu haben. Merkel, Macron, Trudeau? Alles nicht sein Geschmack. Aber Säbeltanz bei den Saudis und dem Sultan von Ankara? Das scheint ihm zu liegen!

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