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23.04.2014

09:40 Uhr

Katar vor der Fußball-WM

Zwangsarbeit, Beschimpfungen, Gewalt

Katar wird 2022 Austragungsort der Fußball-WM. Zeit, auf die schlechten Arbeitsbedingungen für asiatische Haushaltshilfen aufmerksam zu machen, findet Amnesty International – und berichtet über moderne Sklaverei.

Baustelle in Doha: Amnesty International kritisiert die Arbeitsbedingungen von ausländischen Arbeitern in Katar – nicht nur auf den Baustellen des Landes. SID

Baustelle in Doha: Amnesty International kritisiert die Arbeitsbedingungen von ausländischen Arbeitern in Katar – nicht nur auf den Baustellen des Landes.

DubaiZwangsarbeit, Beschimpfungen, körperliche und sexuelle Gewalt: Ausländische Haushaltshilfen in Katar sind nach Darstellung von Amnesty International oft einem Martyrium ausgesetzt. Die Menschenrechtsgruppe prangerte am Mittwoch die Regierung des Golfstaats an, weil sie die Missstände nicht unterbinde. Damit wächst der Druck auf den Ausrichter der Fußball-WM 2022, der wegen schlechter Arbeitsbedingungen auf Stadionbaustellen bereits in der Kritik steht.

Nach einem Amnesty-Bericht müssen einige Frauen in katarischen Haushalten bis zu 100 Stunden pro Woche arbeiten, sie hätten keinen einzigen Tag frei, einige dürften das Haus überhaupt nicht verlassen. Ihre Aufenthaltsgenehmigung sei an ihren Arbeitgeber geknüpft, so dass sie sich keine andere Stelle suchen könnten.

Fußballweltmeisterschaft in Katar

Katar

Das Emirat an der Ostküste der arabischen Halbinsel am Persischen Golf wird als absolute Monarchie regiert. Der Staat liegt auf einer Halbinsel und grenzt im Süden an Saudi-Arabien. Das Staatsgebiet schließt einige Inseln ein.

Hauptstadt

Katars Hauptstadt ist mit 521 283 Einwohnern Doha. Die Stadt beherbergt den Internationalen Flughafen Doha, sowie wichtige Teile der Öl- und Fischereiindustrie. Mit der „Education City“ ist die Stadt ebenso ein attraktives Gebiet in Katar für Forschung und Bildung.

Geographie und Klima

Das überwiegend flache Land ist von Salzsümpfen, Geröll- und Kieswüste geprägt. Das Grundwasser hat einen sehr hohen Salzgehalt, weshalb Trinkwasser in Meerwasserentsalzungs-Anlagen gewonnen wird.

Mit dem geringen Jahresniederschlag von unter 100 mm gehört Katar zu den trockensten Landschaften der Erde. Das Klima ist ganzjährig schwül, subtropisch und heiß. Die Luftfeuchtigkeit liegt bei 85 %. Im Sommer sind Temperaturen von 45 °C keine Seltenheit, im Winter sinken sie auf durchschnittlich 17 °C.

Bevölkerung

Die arabische Bevölkerung mit katarischer Staatsangehörigkeit beträgt nur rund 250.000 Menschen. Etwa 80 % der 1, 7 Millionen Einwohner Katars sind Migranten. Der sunnitische Islam ist Staatsreligion. Unter den Menschen mit Migrationshintergrund herrschen Schiiten vor. Zudem gibt es einen beträchtlichen Anteil an Hindus und 70.000 Christen in Katar. Die Amtssprache ist arabisch, Handelssprachen sind Persisch und Englisch.

Infrastruktur

In Doha sind sechs Stadien geplant, sechs weitere verteilen sich auf Städte in der näheren Umgebung. Damit die einzelnen Sportanlagen gut erreichbar sind, werden alle an das im Bau befindliche Stadtbahnsystem angeschlossen. Das Investitionsvolumen für die zwölf Spielstätten wird auf etwa 2,87 Milliarden bis 4 Milliarden US-Dollar geschätzt.

Nationalteam

Die Katarer Nationalmannschaft bestritt 1970 ihr erstes internationales Länderspiel während des Golfpokal-Turniers gegen Bahrain. Derzeit rangiert die Mannschaft auf der Fifa-Weltrangliste auf dem 96. Platz. An der letzten WM hat Katar nicht teilgenommen, ist nun aber als Gastgeber automatisch qualifiziert.

Kritik an der Vergabe

Die Kritik, das Land weise keine fußballerische Tradition vor, rechtfertigte die Fifa mit der Erklärung, man wolle neue Wege gehen.

Ein weiterer, eher praktischer Einwand gegen die Vergabe waren die hohen Temperaturen in dem Land. Aufgrund von fast 50 Grad Celsius im Sommer müssten die Stadien klimatisiert werden. Daraufhin regte Franz Beckenbauer eine Verlegung der Fußball-WM in den Winter an.

Eine weitere, viel grundsätzlichere Kritik ist, dass bei der Abstimmung des Fifa-Exekutivausschusses im Vorfeld schon Katar-Stimmen gekauft wurden.

Winter-WM

Wegen der Hitze im Sommer überlegt die Fifa nun, die WM im Winter, also kurz vor Weihnachten auszurichten. Das würde den Spielplan der großen Ligen über den Haufen werfen.

„Frauen in Haushalten, wo sie misshandelt werden, leben unter miserablen Bedingungen“, erklärte AI-Expertin Audrey Gaughran. „Sie haben wenig Spielraum: Wenn sie einfach das Haus verlassen, werden sie als 'Ausreißerinnen' gebrandmarkt und dann wahrscheinlich festgenommen und deportiert.“

In dem Öl- und Gasreichen Golfstaat arbeiten nach Amnesty-Recherchen mindestens 84 000 Ausländerinnen als Hausangestellte. Die meisten stammen aus Süd- und Südostasien. Für Hausangestellte gelten die Arbeitsschutzgesetze des Landes nicht, somit gebe es auch keine Vorschriften über eine Mindestarbeitszeit oder freie Tage, erklärte die Menschenrechtsgruppe.

Im vergangenen Jahr hatte bereits ein Bericht der Weltarbeitsorganisation ILO festgestellt, dass Hausangestellte in Katar im Durchschnitt 60 Stunden pro Woche arbeiten. Längere Arbeitszeiten gebe es nur in vier weiteren Ländern.

Von der katarischen Regierung gab es zunächst keine Stellungnahme zu dem Amnesty-Bericht. Gegenüber der Menschenrechtsgruppe selbst hatte das Außenministerium jedoch erklärt, dass Hausangestellte trotz der Ausnahmen vom Arbeitsschutzgesetz Rechte hätten.

Amnesty betonte, auch in anderen Golfstaaten gebe die Lage der Hausangestellten Anlass zur Sorge. Doch müssten die Missstände in Katar gerade wegen der erfolgreichen Bewerbung um die Fußballweltmeisterschaft besonders herausgestrichen werden. „Wir glauben, dass Katar mit gutem Beispiel vorangehen sollte, weil es besondere Aufmerksamkeit genießt und auch weiter genießen wird“, sagte AI-Vertreter James Lynch.

Von

ap

Kommentare (1)

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Account gelöscht!

23.04.2014, 10:53 Uhr

Ob Katar von der Bundesrepublick ähnlich sabotiert wird, wie Sotschi in Vorbereitung auf die Krim-Krise?
Ich bin gespannt, ob deutsche Offizielle dorthin reisen!

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