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16.10.2016

08:40 Uhr

Katastrophe in Syrien

Aleppo wird fallen – und der Krieg weitergehen

Für den Syrien-Krieg ist Aleppo der Ort mit der größten Bedeutung. Wer diese Stadt beherrscht, kontrolliert den wichtigsten Punkt des Landes. Das größte Problem: Mit der Eroberung wäre der Krieg längst nicht vorbei.

Irgendwann wird Aleppo unter die Kontrolle der syrischen Regierung geraten, sind Experten überzeugt. AFP; Files; Francois Guillot

Rebellen nördlich von Aleppo

Irgendwann wird Aleppo unter die Kontrolle der syrischen Regierung geraten, sind Experten überzeugt.

BeirutWo einst Kinder spielten, patrouillieren Soldaten durch menschenleere Straßen. Trümmer säumen ihren Weg. Von den Häusern stehen nur noch die Fundamente. Wie abgenagte Knochen ragen Metallstreben in die staubige Luft. Ausgehungert und ausgebombt ist die syrische Metropole Aleppo nach fast sechs Jahren Krieg. Und doch hat sie noch immer eine Schlüsselrolle im Konflikt zwischen Regierungstruppen, Rebellen und der Extremistenmiliz IS.

Wer diese Stadt beherrscht, kontrolliert den strategisch wichtigen Punkt zwischen Mittelmeer und Euphrat und damit den Nordwesten Syriens. Deswegen versuchen die Armee von Präsident Baschar al-Assad und ihre Verbündeten mit allen Mitteln, den Ostteil der früheren Millionenstadt von den Rebellen zurückzuerobern. Russlands Luftwaffe fliegt Angriffe, Assads Armee führt eine Koalition mit der libanesischen Hisbollah und Irans Revolutionsgarde am Boden.

Nicht heute und nicht morgen, aber irgendwann wird Aleppo unter die Kontrolle der syrischen Regierung geraten, sind Experten überzeugt. „Aleppo wird langsam fallen, vielleicht in einem Jahr“, sagt der ehemalige US-Botschafter in Syrien, Robert Ford, der heute am Nahost-Institut in Washington arbeitet. „Aleppo ist nicht der Wendepunkt, noch nicht.“ Das Assad-Regime werde zwar gewinnen, ist Ford überzeugt. Aber das werde den Krieg nicht beenden, weil die Opposition weiter kämpfen werde – trotz der heftigen Bombardements.

Wer kämpft gegen wen in Syrien?

Regime

Anhänger von Präsident Baschar al-Assad kontrollieren weiter die meisten großen Städte wie Damaskus, Homs, Teile Aleppos sowie den Küstenstreifen am Mittelmeer. Syriens Armee hat allerdings viele Soldaten verloren und wird vor allem durch russische Kampfjets, iranische Kämpfer und die Schiitenmiliz Hisbollah unterstützt. Auch Verbände aus Afghanistan und dem Irak sollen aufseiten des Regimes kämpfen.

Islamischer Staat (IS)

Die Terrormiliz hat in den vergangenen Monaten große Teile ihres Gebietes verloren, herrscht aber immer noch in vielen Städten entlang des Euphrats und in Zentralsyrien.

Rebellen

Unzählige Rebellengruppen kämpfen in Syrien - von moderaten Gruppen, die vom Westen unterstützt werden, bis zu radikalen Islamisten, wie der früheren Nusra-Front. Immer wieder gehen die verschiedenen Truppen zeitweise Zweckbündnisse ein.

Kurden

Kurdische Streitkräfte beherrschen mittlerweile den größten Teil der Grenze zur Türkei. Sie sind ein wichtiger Partner des Westens im Kampf gegen den IS. Sie kämpfen teilweise mit Rebellen zusammen, kooperieren aber auch mit dem Regime in Damaskus.

Die USA und der Westen

Washington führt den Kampf gegen den IS an der Spitze einer internationalen Koalition. Kampfjets fliegen täglich Angriffe. Beteiligt sind unter anderem Frankreich und Großbritannien. Deutschland stellt unter anderem sechs Tornados für Aufklärungsflüge.

Russland

Seit einem Jahr fliegt Russlands Luftwaffe Angriffe in Syrien und steht an der Seite von Machthaber Assad. Russland bekämpft offiziell den IS, greift aber den Angaben zufolge immer wieder auch moderate Rebellengruppen an, die Seite an Seite mit Dschihadisten kämpfen.

Iran

Teheran ist der treueste Unterstützer des Assad-Regimes. Nach Angaben Teherans sind Mitglieder der iranischen Revolutionsgarden als militärische Berater der syrischen Armee im Einsatz.

Saudi-Arabien und die Türkei

Riad und Ankara sind wichtige Unterstützer von Rebellen. Sie fordern den Sturz Assads. Saudi-Arabien geht es darum, den iranischen Einfluss zurückzudrängen. Der Iran ist der saudische Erzrivale im Nahen Osten. Die Türkei will eine größere Selbstbestimmung der Kurden in Nordsyrien verhindern.

Ein Fall Aleppos wäre für die Rebellen allerdings verheerend, weil es für ihren Nachschub wichtig ist, sagt Rolf Holmboe. Der ehemalige dänische Botschafter im Libanon, in Syrien und Jordanien ist heute am kanadischen Global Affairs Institute beschäftigt. „Die Rebellen werden in Enklaven isoliert sein. Ohne Schwierigkeiten wird dann das Regime eine nach der anderen einnehmen.“ Assad werde alle großen Städte kontrollieren und „in der Lage sein, eine Friedenslösung nach seinem Wunsch zu diktieren.“

„Vielleicht wird es fünf Jahre dauern, vielleicht zehn – aber Assad wird der Herrscher über ein zersplittertes Land sein“, sagt Ex-US-Botschafter Ford. Auch Sarkis Naoum, ein in der Region bekannter arabischer Journalist, rechnet mit einer Spaltung Syriens. Er verweist auf die Golfstaaten, die hinter den Rebellen stehen und in den nächsten Jahren verhindern werden, dass sich der Krieg zu Assads Gunsten wendet.

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„Für die Golfstaaten ist das der Krieg des Jahrhunderts. Sie sind bereit für ein zweites Afghanistan.“ Dort tobte in den 1980er Jahren ein Krieg zwischen der Regierung und den Mudschaheddin. Während die Sowjetunion die Regierungstruppen unterstützte, half Saudi-Arabien den islamistischen Rebellen mit Waffen. Obwohl die afghanische Armee weit überlegen war und sämtliche großen Städte kontrollierte, konnte sie den Widerstand der Mudschaheddin nicht brechen. Die Sowjetunion zog sich schließlich zurück.

Vielleicht nagt dies noch immer an der Regierung in Moskau. Russland versucht nicht nur, seinen Verbündeten Assad zu retten. Es will seinen Einfluss auf der Arabischen Halbinsel stärken und sich als Weltmacht etablieren – so wie der Iran sich als Regionalmacht.

In Aleppo wende Russland eine Strategie an, die sich schon im tschetschenischen Grosny bewährt habe, sagt Ford. Mit heftigen Bombardements hatte Russland 1999 bis 2000 die Hauptstadt der einstigen Sowjetrepublik im Kampf gegen islamistische Separatisten dem Erdboden gleichgemacht.

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