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16.06.2014

14:45 Uhr

Kenia als neue Zielscheibe des Terrors

Mindestens 49 Tote bei Angriff auf Küstenort

Es ist der schlimmste Terrorangriff in Kenia seit dem Sturm auf das Einkaufszentrum Westgate in Nairobi. Das Land muss nun schnell reagieren, denn der Tourismus ist am Boden. Aber wer ist verantwortlich für das Chaos?

Die radikalislamische Rebellengruppe Shebab-Miliz hatte für Stunden den kleinen Ort unter Kontrolle. ap

Die radikalislamische Rebellengruppe Shebab-Miliz hatte für Stunden den kleinen Ort unter Kontrolle.

MombasaDie Täter kommen in den Abendstunden. Es sind viele, wahrscheinlich mehr als 50. Wie so oft in Afrika schlagen sie während eines wichtigen Fußballspiels zu, das die Bürger des kenianischen Dorfes Mpeketoni in öffentlichen Lokalen verfolgen.

Aber die Angreifer werfen dieses Mal keine Granate in die Menge, bevor sie fliehen. Nein, sie wollen ein großes Blutbad anrichten und schießen wahllos auf die wehrlosen Menschen. Anschließend liefern sie sich stundenlang Gefechte mit der Polizei.

Fast erinnert die Attacke an die Taktik der Terrorgruppe Boko Haram, die in Nigeria aktiv ist und dort häufig Dörfer überfällt. Aber während in Nigeria klar ist, wofür die Extremisten kämpfen, fehlt bei der jüngsten Gewalt in Kenia bisher nicht nur ein Bekennervideo, sondern auch das genaue Motiv.

Die Behörden machten zwar sofort deutlich, dass sie die islamistische Al-Shabaab-Miliz für verantwortlich halten - einen Beweis dafür lieferten sie aber nicht. Dass die Täter „Allahu Akbar“ (Allah ist groß) brüllten, während sie die Menschen niederschossen, deutet allerdings auf einen islamistischen Hintergrund hin.

Jedoch könnte auch die radikale Separatistengruppe Mombasa Republican Council (MRC) hinter dem Angriff stecken. Deren Mitglieder beklagen, dass die Regierung in Nairobi sich immer mehr Land aneigne, und fordern eine Abspaltung der Küstenregion vom Rest Kenias. Die Gegend rund um Mpeketoni ist besonders umstritten.

Wer auch immer die Bluttat verübt hat: Sie hat erneut deutlich gemacht, wie hilflos die Regierung in Nairobi der Gewalt gegenübersteht. „Diese feigen Attacken machen uns nur noch entschlossener in unserem Kampf gegen Terror und Extremismus“, sagte Außenministerin Amina Mohamed. Aber wie dieser Kampf genau aussehen soll, ließ sie offen.

Seitdem die Al Shabaab im vergangenen September das Einkaufszentrum Westgate in Nairobi gestürmt und 67 Menschen getötet hatte, wurde die Sicherheit zwar in verschiedenen Landesteilen mit der Erhöhung des Polizeiaufgebots und mehr Militärposten an der Grenze zu Somalia verstärkt. Aber in den vergangenen Monaten kam es dennoch zu zahlreichen Anschlägen, vor allem in einem somalisch geprägten Stadtteil Nairobis und an der Küste rund um Mombasa. Dutzende Menschen kamen dabei ums Leben.

Islamismus im Netz

Mehr als 20.000 Accounts

Die Twitter-Studie der Dschihadismusforscher Ali Fisher und Nico Prucha

Netznutzung der Islamisten

In der Studie der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), die unter anderem die Bundesregierung in außenpolitischen Fragen berät, befassen sich mehrere Autoren damit, wie sich die Netznutzung ,moderner Dschihadisten' entwickelt.

Radikale Ansichten

Der Arabist, Buchautor und Journalist Yassin Musharbash bloggt in deutscher Sprache über Islamismus, Islamophobie und Nahostpolitik.

Der weltweite Dschihad

Jihadica, ein Blog des Center for Strategic Studies der John Hopkins Universität, dokumentiert regelmäßig und fundiert die Entwicklung des Dschihadismus.

„Wenn die Al Shabaab dahintersteckt, dann zeigt das, wie dynamisch die Gruppe aufgestellt ist, denn offenbar kann sie sich den verschiedensten Situationen anpassen - und trotz der erhöhten Sicherheit zuschlagen“, erklärte der Sicherheitsexperte Emmanuel Kisiangani vom Institute of Security Studies in Nairobi.

Eine Parallele zur Boko Haram: Auch Nigerias Regierung wirkt völlig machtlos angesichts der fast täglich neuen Gewaltmeldungen aus den Nordregionen des Landes. Allerdings tritt die Al Shabaab in Kenia mit einer ganz deutlichen Forderung auf: Die Regierung soll ihre Truppen aus Somalia abziehen. Präsident Uhuru Kenyatta lehnt dies kategorisch ab. Seit Jahren kämpfen seine Soldaten im Nachbarland gemeinsam mit Truppen der Afrikanischen Union gegen die Islamisten.

Kenyatta muss schnell reagieren, denn die Gewaltwelle schädigt mittlerweile die Wirtschaft Kenias dramatisch. Der Tourismussektor, der mit Safaris in den Savannen der Nationalparks und Tauchfreuden im Indischen Ozean Geld in die Kassen spült, liegt am Boden. Die Regierung spielt zwar die Gefahr für Urlauber herunter, aber die verschärften Reisehinweise westlicher Länder sprechen eine andere Sprache. Ein begehrtes Reiseziel ist Kenia 2014 nicht mehr.

Von

dpa

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