Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

20.01.2014

19:22 Uhr

Kiew

Gewaltbereite Demonstranten rüsten auf

Bei Straßenschlachten in der verwüsteten Hauptstadt Kiew wurden 200 Menschen verletzt. Eine Kommission soll jetzt einen Ausweg aus der aufgeheizten Lage suchen. Doch die Skepsis ist groß – auch in Berlin.

Demonstranten und die Polizei lieferten sich blute Straßenschlachten in Kiew. Die Lage ist brisant. dpa

Demonstranten und die Polizei lieferten sich blute Straßenschlachten in Kiew. Die Lage ist brisant.

KiewNach den bisher blutigsten Straßenschlachten in Kiew haben sich Hunderte radikale Regierungsgegner für neue Gewalt gegen die russlandtreue Führung gerüstet. Mit Gasmasken vermummte prowestliche Oppositionelle bewaffneten sich am Montag mit Holzknüppeln. Sie warfen Steine und auch Brandsätze auf Mitglieder der berüchtigten Polizeieinheit Berkut (Steinadler). Medien berichteten von rund 3000 Gewaltbereiten nahe dem Regierungsviertel im Zentrum der ukrainischen Hauptstadt. Die Justiz stufte die Auseinandersetzungen als „Staatsstreich“ ein. Die Bundesregierung, die EU und die USA äußerten sich besorgt über die Eskalation.

Die inhaftierte Oppositionsführerin Julia Timoschenko zeigte sich in einer Mitteilung mit den gewaltbereiten Demonstranten solidarisch. „Wenn ich in Freiheit wäre, dann wäre ich bei Euch. Die Freiheit ist diesen Kampf wert“, hieß es in dem Aufruf der Ex-Regierungschefin. „Außer Euch hat die Ukraine keine Verteidiger. Kämpft! Ihr seid Helden.“ Hingegen forderte Oppositionspolitiker Vitali Klitschko alle Ukrainer auf, sich den friedlichen Protesten in der Hauptstadt anzuschließen. „Ihr werdet hier gebraucht, damit die Ukraine gewinnt und nicht Janukowitsch“, sagte der Gegner des prorussischen Präsidenten Viktor Janukowitsch in einer Videoansprache.

Die Führung um Janukowitsch bildete eine Kommission für einen Ausweg aus der Krise. Der Staatschef selbst wollte zunächst aber nicht an einem Treffen mit der Opposition teilnehmen.

Bei den Straßenschlachten waren seit Sonntag insgesamt mehr als 200 Menschen verletzt worden. Die Ausschreitungen waren nach einer Massenkundgebung gegen die Verschärfung des Demonstrationsrechts und andere umstrittene Gesetze ausgebrochen. „Das ist nicht bloß Rowdytum. Das ist Landesverrat“, teilte Generalstaatsanwalt Viktor Pschonka mit. Das Innenministerium drohte, die Polizisten dürften bei Gefahr für Leib und Leben ihre Schusswaffen einsetzen.

Land am Scheideweg – Die Ukraine zwischen Russland und der EU

21. November 2013

Die Regierung in Kiew legt überraschend ein Assoziierungsabkommen mit der EU aus „Gründen der nationalen Sicherheit“ auf Eis. Tausende Menschen demonstrieren dagegen.

25. November

Die inhaftierte Oppositionsführerin Julia Timoschenko tritt aus Protest gegen Kiews Außenpolitik in einen Hungerstreik. Erneut gehen Tausende in Kiew und anderen Städten auf die Straße.

27. November

Präsident Viktor Janukowitsch sagt, die Ukraine sei wirtschaftlich noch nicht reif für ein Abkommen mit der EU. In Kiew demonstrieren Tausende für und gegen eine EU-Annäherung.

1. Dezember

Überschattet von Krawallen fordern Hunderttausende in Kiew den Sturz von Janukowitsch. Bei Zusammenstößen werden im Regierungsviertel mindestens 150 Menschen verletzt. Die Kundgebung auf dem Unabhängigkeitsplatz Maidan bleibt friedlich. Die Opposition um Boxweltmeister Vitali Klitschko fordert den Rücktritt der Regierung und vorgezogene Neuwahlen.

3. Dezember

Die Opposition scheitert mit einem Misstrauensantrag gegen Ministerpräsident Nikolai Asarow. Der Janukowitsch-Vertraute bleibt im Amt. Im Regierungsviertel blockieren Demonstranten den Zugang zu Ministerien.

4. Dezember

Mit einer Dauerblockade des Parlaments will die Opposition den Machtwechsel erzwingen. Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) besucht in Kiew Demonstranten und würdigt den Kurs der Opposition. Russlands Außenminister Sergej Lawrow warnt den Westen vor einer Einmischung.

8. Dezember

Bei einem der größten Massenproteste seit Jahren fordert nach Oppositionsangaben eine halbe Million Menschen Neuwahlen. Demonstranten stürzen Kiews zentrale Lenin-Statue.

9. Dezember

Die Behörden leiten Ermittlungen gegen die Opposition wegen eines angeblichen Umsturzversuchs ein. Auslöser sollen Aufrufe zur Blockade des Regierungsviertels gewesen sein. Sicherheitskräfte räumen erste Barrikaden und stürmen das Büro der Vaterlandspartei von Ex-Regierungschefin Timoschenko.

10. Dezember

Hunderte Kräfte der Sondereinheit „Berkut“ (Steinadler) vertreiben Demonstranten aus dem belagerten Regierungsviertel. Die Proteste auf dem Maidan gehen weiter. Polizeikräfte rücken dort gegen die Demonstranten vor. Unterdessen trifft die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton zu Vermittlungsgesprächen in Kiew ein.

11. Dezember

Nach internationaler Kritik am Vorgehen der Sicherheitskräfte zieht die Führung einige Sondereinheiten am Vormittag wieder zurück. Innenminister Witali Sachartschenko sagt: „Ich möchte alle beruhigen – der Maidan wird nicht erstürmt.“

„Die Regierung hat dem Volk den Krieg erklärt“, sagte hingegen der frühere Boxweltmeister Klitschko. Er war am Vortag zwischen die Fronten geraten. „Ich habe versucht, ein Blutvergießen zu verhindern. Ich habe aber nur zum Teil Erfolg gehabt. Die Aggression, die Wut, der Frust sind einfach zu groß“, sagte Klitschko der „Abendzeitung“ (Dienstag). Die regierende Partei der Regionen warf ihm hingegen vor, „die eigenen wahnsinnig gewordenen Anhänger“ auf die Sicherheitskräfte gehetzt zu haben.

Kommentare (1)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Novaris

20.01.2014, 20:04 Uhr

Vorsicht "Bürgerkrieg" ??
Klitschko: "Ich schließe einen Bürgerkrieg nicht mehr aus"
und er drohte Janukowitsch das Schicksal von Gaddafi an.
----------------------------------------------------------

Herr Klitschko scheint zu übersehen, dass die Bevölkerung des östlichen Teils der Ukraine eher Russland zugeneigt ist und die Bevölkerung des westlichen Teils eher Europa.
Ein Bürgerkrieg würde somit aller Wahrscheinlichkeit nach zur Teilung der Ukraine führen und --- Libyen ist in der Ukraine nicht wiederholbar.
Wer in der Ukraine zu zündeln versucht wie in Libyen riskiert den 3. Weltkrieg und der wird mit A-Waffen geführt !!
Der Weg aus der Krise führt somit nur über Verhandlungen und die Grundlage für Verhandlungen ist der Vergleich der Hilfen Russlands mit der EU-Offerte.
Im Kern geht es um die Beantwortung der Frage :
Wird die Ukraine ein Mitglied der Zollunion oder -
später - der EU ?
Hilfreich wäre somit die Teilnahme Russlands und der EU an Verhandlungen.
Die Ukraine könnte eine Brückenfunktion zwischen den beiden Wirtschaftsräumen bilden ---- zum Vorteil aller !!

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×