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28.01.2015

21:10 Uhr

Kiew nach den Raketenangriffen auf Mariupol

Die Stadt der Angst

VonNina Jeglinski

Kaum ein Ort in Kiew, an dem nicht Miliz oder Militär Streife laufen: Nach dem Raketenangriff auf die Hafenstadt Mariupol mit mindestens 30 Toten ist die Angst vor dem Terror in der ukrainischen Hauptstadt groß.

Sie patrouillieren verstärkt in Kiew: Milizionäre, Soldaten und Polizisten. dpa

Sie patrouillieren verstärkt in Kiew: Milizionäre, Soldaten und Polizisten.

KiewIwana fühlt sich ohnmächtig – und sie hat Angst. Angst davor, dass es Kiew so ergehen könnte wie Mariupol, die südostukrainischen Hafenstadt, die am Wochenende von Raketen beschossen wurde. Mindestens 30 Menschen starben, mehr als 100 wurden verletzt. Russland und die Ukraine schieben sich gegenseitig die Schuld zu.

Doch für Iwana (Name geändert), die als Kellnerin in einem italienischen Restaurant in Kiew arbeitet, ist klar: „Unser Angreifer heißt Russland. Das ist eine Weltmacht mit Atomwaffen. Gegen dieses Land können wir Ukrainer alleine niemals bestehen.“ Und sie glaubt nicht, dass die politische Führung in Kiew mit dem aktuellen Problem alleine fertig werde.

So leidet die russische Wirtschaft unter der Ukraine-Krise

Wachstum

Die russische Wirtschaft wuchs offiziellen Angaben zufolge im vergangenen Jahr noch um 1,3 Prozent - das war, gemessen an den Raten in Präsident Wladimir Putins ersten zwei Amtszeiten, schon nicht viel. Dieses Jahr allerdings rechnet die Regierung mit nur 0,5 Prozent Wachstum. Die Zentralbank sagt sogar nur 0,3 Prozent voraus und null Prozent für das kommende Jahr. Schuld seien vor allem die „geopolitischen Probleme“.

Inflation

Die Preissteigerung wird nach Schätzung der Notenbank in diesem Jahr acht Prozent erreichen. Allein 3,5 Prozent Inflation sind demnach den Sanktionen des Westens gegen Russland geschuldet – und dem im Gegenzug verhängten Importstopp für viele Lebensmittel aus der EU und anderen westlichen Ländern. Fleisch, Obst, Gemüse und Milchprodukte aus diesen Staaten dürfen seit August nicht mehr eingeführt werden; entsprechend ist auch die Auswahl für die Verbraucher geschrumpft.

Währung

Die Landeswährung Rubel fällt und fällt. Seit Jahresbeginn hat sie bereits ein Viertel ihres Wertes eingebüßt. Ausländische Produkte und Reisen ins Ausland sind entsprechend teurer geworden. Die russische Zentralbank erhöhte den Leitzins vorübergehend auf 9,5 Prozent und pumpte Dutzende von Milliarden Dollar in den Markt, ohne den Währungsverfall aufhalten zu können. Im November gab sie auf und erklärte, der Rubel sei künftig frei handelbar. Die russischen Devisenreserven schrumpften um 20 Prozent.

Kapitalflucht

Die Zentralbank schätzt, dass Anleger und Investoren allein in diesem Jahr bereits mehr als 100 Milliarden Euro aus Russland abgezogen haben. Sie legen ihr Geld nicht mehr in Rubel an, sondern lieber in Dollar oder Euro.

Ausländische Unternehmen

Noch sind es nur vereinzelte Meldungen über einen Rückzug ausländischer Firmen aus Russland. So schrieb kürzlich die Wirtschaftszeitung „Kommersant“, die Volkswagen-Tochter Seat verlasse das Land Anfang 2015. Die Verkäufe des Autobauers seien um 57 Prozent eingebrochen. Opel drosselte Mitte September die Produktion in seinem Werk in St. Petersburg, 500 Mitarbeiter wurden entlassen.

Handel

Der Austausch von Waren und Dienstleistungen mit westlichen Ländern ist wegen der wechselseitigen Sanktionen stark zurückgegangen. Die Exporte aus Deutschland nach Russland zum Beispiel brachen regelrecht ein, von Januar bis August schrumpften sie um 16,6 Prozent. Russland rutschte in der Rangliste der wichtigsten Handelspartner von Platz elf auf Platz 13 ab. Betroffen von den europäischen Sanktionen gegen Russland sind zum Beispiel Rüstungsgüter und Technologie für den Energiesektor.

Öl und Gas

Seit Jahren schon sucht die EU nach Alternativen zu den Lieferungen von Erdgas und Erdöl aus Russland. Seit der Ukraine-Krise hat sie diese Bemühungen noch verstärkt. Die Rohstoffe haben Russland ausgerechnet jetzt nicht mehr so viel eingebracht wie gewohnt – die Weltmarktpreise sind wegen geringer Nachfrage und großen Angebots niedrig.

Die junge Frau macht sich große Sorgen: „Jeden Tag hört man im Radio oder Fernsehen, dass es irgendwo im Land Anschläge gegeben hat. Züge und Busse in den Osten fahren teilweise nur eingeschränkt. In Odessa gibt es fast täglich Bombendrohungen, und auch bei uns in Kiew patrouillieren immer mehr Soldaten und Polizisten. Das war bislang anders“, sagt die 25-Jährige.

Es gibt kaum einen öffentlichen Ort, an dem nicht mindestens die Miliz Streife läuft. Einige Shoppingzentren werden sogar vom Militär bewacht, das selbe gilt für große Hotels, für die beiden Kiewer Flughäfen sowie dem Bahnhof. Nachdem es in den Städten Odessa und Charkiw Anfang dieses Jahres mehrfach zu Sprengstoffanschlägen auf Restaurants, Wasserleitungen und auf öffentliche Gebäude kam, herrscht im ganzen Land erhöhte Alarmbereitschaft.

Immer wieder sperren die Sicherheitskräfte seit dem Sommer U-Bahnstationen und erhöhen die Kontrolle an neuralgischen Punkten wie Bahnhöfen. Bürgermeister Vitali Klitschko hat sich deswegen bereits im Herbst an seine Parteifreunde in Deutschland gewandt. Der Berliner Innensenator Frank Henkel hat ihm daraufhin Hilfe zugesagt. Seitdem berät die Berliner Polizei ihre Kollegen in Kiew. Auch Der bayerische Innenminister Joachim Herrmann wurde um Hilfe gefragt und hat sie zugesagt. Wie das konkret aussieht, darüber herrscht Schweigen.

Doch das alltägliche Bild hat sich in Kiew verändert: In der Innenstadt halten immer mal wieder Busse voller Sicherheitskräfte, die beginnen Streifen für die Innenstadt zusammenzustellen. Das geschah lange in unregelmäßigen Abständen, aber seit Herbst sind das regelmäßige Szenarien.

Außerdem wurden bereits in Autos und Wohnungen bereits Sprengstoff und Waffen gefunden. Eine weitere Gefahr geht von den Mitgliedern der bewaffneten Freiwilligen Bataillone aus. Interne Streitigkeiten werden oft mit Schusswaffen oder Handgranaten ausgetragen. Eine Boulevardzeitung berichtete vor Kurzem, Handfeuerwaffen seien ab 300 Dollar zu haben.

Kommentare (5)

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Herr Jürgen Jantschik

28.01.2015, 22:16 Uhr

KiewIwana fühlt sich ohnmächtig – und sie hat Angst. Angst davor, dass es Kiew so ergehen könnte wie Mariupol, die südostukrainischen Hafenstadt, die am Wochenende von Raketen beschossen wurde. Mindestens 30 Menschen starben, mehr als 100 wurden verletzt. Russland und die Ukraine schieben sich gegenseitig die Schuld zu.

Account gelöscht!

28.01.2015, 22:30 Uhr

Mittlerweile wurde von Bürgern aus Mariupol gemeldet, dass der Raketenbeschuss von ukrainischen Militäreinheiten kam. Die OSCE hat gelogen, es waren nicht die Separatisten! Die Meldungen in westlichen Medien, die Separatisten hätten es zugegeben, ist ebenso erstunken und erlogen!
Tatsächlich bereitet ein gewisser Kolomoisky einen Umsturz in Kiew vor, darum diese false flag Aktionen um Poroschenko als unfähigen Präsidenten abzusetzen.

aza azaziel

28.01.2015, 22:50 Uhr

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