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26.07.2016

11:46 Uhr

Kinder, Waffen, Heroin

Auf Shoppingtour im Darknet

VonAnna Gauto

Der Amokläufer von München beschaffte seine Waffe in einem versteckten Teil des Internets, dem Darknet. Drogen und Pistolen bekommt man dort bereits leicht. Und das Darknet steht noch ganz am Anfang, warnen Experten.

Der „geheime“ Teil des Internets ist ein Shoppingparadies für illegale Waren wie Waffen oder Drogen. dpa

Darknet

Der „geheime“ Teil des Internets ist ein Shoppingparadies für illegale Waren wie Waffen oder Drogen.

DüsseldorfIn einem stillgelegten Industriegelände in Köln treffen sich dunkle Gestalten. Weil Markttag ist, haben sie kleine Stände aufgebaut. Der eine bietet 20-Dollar-Blüten an, der nächste gefälschte Reisepässe, ein anderer trägt einen kleinen Bauchladen vor sich her. Darin sind Päckchen mit Cannabis, Tüten mit Kokain und Heroin, Pillen aller Art. Auch Waffen gibt es in allen Größen und Formen. Kunden streifen durch die Marktgassen. Ob Dealer, Betrüger, Auftragskiller - es gibt für jeden das passende Angebot.

Diese Szene ist nur halbfiktiv. Sie entstammt nicht der analogen, dafür aber der digitalen Welt. Die Beispiele finden sich allesamt in einer Studie von Trend Micro, einem weltweit führenden Anbieter für IT-Sicherheit. Seine Analysten haben das Darknet, einen verborgenen Bereich des Internet, zwei Jahre durchforstet. Dabei haben sie noch andere verstörende Offerten entdeckt, wie Kindersex. Zugang zum Darknet erhält nur, wer die richtige Software nutzt, um eines der Netzwerke unter der Oberfläche zu betreten. Am häufigsten kommt das Anonymisierungswerkzeug Tor zum Einsatz.

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Das Darknet, wo der Amokläufer von München seine Waffe kaufte, ist unübersichtlich und anonym. Das macht Ermittlungen schwierig. Doch es gab bereits Erfolge. Wir müssen unsere Bemühungen nur intensivieren. Ein Gastbeitrag.

Auch der junge Mann, der in München am vergangenen Freitag neun Menschen und später sich selbst getötet hat, besorgte die Tatwaffe im Darknet: Eine Glock 17, eine halbautomatische Waffe, die auch das österreichische Bundesheer und die deutsche Marine einsetzen. Dass der 18-jährige David S. an die Pistole gelangte, ist tragisch, aber nicht überraschend. Das Darknet befriedigt jede Art von Nachfrage. Wer in seinen virtuellen Schwarzmärkten shoppen will, ohne aufzufliegen, braucht mitnichten ein Informatikstudium.

„Es gibt viele Marktplätze für Waffen, die findet man leicht“, sagt Martin Rösler, Leiter des Bedrohungsforscherteams bei Trend Micro. Um eine Waffe aufzustöbern, brauche man im Normalfall nicht länger als 120 Minuten. Um ein Vertrauensverhältnis zu einem Verkäufer aufzubauen und den Kauf abzuwickeln, könnten noch einmal bis zu zehn Tage dazu kommen, schätzt er. Die Kunden zahlen über ein anonymisiertes Konto mit der Digital-Währung Bitcoin. Die funktioniert ähnlich wie ein iTunes-Code. Man kauft die Krypto-Währung an Automaten oder an Tankstellen, der Wert wird einer elektronischen Brieftasche gutgeschrieben. Mit der können Nutzer dann virtuell bezahlen.

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Es geht heute schneller, sich mit Waffen oder anderen illegalen Waren einzudecken, als einen Termin beim Facharzt zu bekommen. Die noch schlechtere Nachricht: Was sich derzeit an kriminellem Potenzial im Darknet findet, ist nur der Anfang. Das meint zumindest Martin Rösler, der mit seinem Team unter anderem deutsche Behörden wie Landeskriminalämter (LKA) berät: „Die Verbrechergeneration, die wir jetzt und in Zukunft erleben, ist mit dem Internet aufgewachsen.“

Die Anschaffungskosten für kriminelle Software sinken, Technologie wird jedes Jahr billiger. Außerdem ist die Anwendung kinderleicht. „Dschihadisten bedienen komplexe Verschlüsselungstechnologien als seien es Wetter-Apps“, sagt Rösler. Kein Wunder, wo doch die Rechenleistung eines herkömmlichen Smartphones heute das übersteigt, was die NASA während der gesamten Mondlandephase zur Verfügung hatte.

Kommentare (42)

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Herr Heinz Keizer

26.07.2016, 11:22 Uhr

"Und das Darknet steht noch ganz am Anfang, warnen Experten. "

Deswegen ist es um so unerlässlicher, dass die Strafverfolgungsbehörden sich nicht abhängen lassen. Da gehört massiv sowohl personell, als auch sachlich aufgerüstet.

Novi Prinz

26.07.2016, 11:32 Uhr

... und wer es noch nicht kannte oder wusste , der weiß es jetzt!

Lothar dM

26.07.2016, 11:51 Uhr

Es zeigt sich mal wieder, das die herrschende Politik keine Ahnung hat und dazu noch falsche Prioritäten setzt (s. u.a. Herr Maas).

Allerdings ist das Darknet nun auch nicht das wirkliche Problem, denn auch früher wurde durch das organisierte Verbrechen abhörsichere Kanäle benutzt (Papierzettel, direkte Treffen/Ansprache etc).

Das Problem ist, dass die Hot Spots krimineller Energie überwiegend in Parallelgesellschaften dieses Landes stattfinden und dort politisch der Wille zum harten Durchgriff fehlt. Als "leuchtendes" Beispiel seien hier die Araberclans, u.a. in Berlin und NRW als bekannte und feste Größe in der organisierten Kriminalität genannt.
Hier kann auch heute schon, unter der bestehenden Gesetzeslage, viel mehr getan werden. Diese Gruppen müssen den Hauch des Gesetzes permanent im Nacken spüren, mit voller Ausschöpfung des gesetzlichen möglichen bei Verurteilungen und möglichen Abschiebungen. Allein die politische Rückendeckung müsste dafür deutlich intensiviert werden.

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