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15.11.2014

08:37 Uhr

Kindesentführung nach Japan

Das Kidnapper-Paradies

VonMartin Kölling

Bisher konnten japanische Elternteile gefahr- und straflos ihre Kinder aus dem Ausland nach Japan entführen – und den Kontakt zum anderen Elternteil kappen. Schlechtes Gewissen: Fehlanzeige. Das könnte nun anders werden.

Japans dunkles Kapitel in der Rechtsgeschichte: Bislang war Japan de facto ein Kidnapper-Dorado, weil das Land bis April nicht Mitglied des sogenannten Haager Abkommens war. Getty Images

Japans dunkles Kapitel in der Rechtsgeschichte: Bislang war Japan de facto ein Kidnapper-Dorado, weil das Land bis April nicht Mitglied des sogenannten Haager Abkommens war.

TokioViel mehr als sein Alter ist nicht bekannt über den fünfjährigen deutsch-japanischen Jungen, der gerade internationale Rechtsgeschichte geschrieben hat. Doch diese Woche teilte das japanische Außenministerium mit: Zum ersten Mal ist ein Kind tatsächlich in das Land seines Wohnsitzes zurückgekehrt nach Deutschland. Zum ersten Mal wurde das Haager Übereinkommen eingehalten. Zum ersten Mal gibt es die Hoffnung, dass Japan sich von seinem Status des Kidnapper-Paradieses entfernt.

Denn Japan hat ein dunkles Kapitel in der Rechtsgeschichte: Bislang war Japan de facto ein Kidnapper-Dorado. Da Japan bis April nicht Mitglied des sogenannten Haager Abkommens war, das den Schutz von Kindern und die Zusammenarbeit bei internationalen Adoptionen regelt, konnten japanische Elternteile gefahr- und straflos ihre Kinder aus dem Ausland nach Japan entführen und den Kontakt zum anderen Elternteil, das nicht in Japan lebt, kappen.

Doch nun gibt es einen Lichtblick: Wie das japanische Außenministerium am Mittwoch mitgeteilt hat, wurde erstmals nach Japans Beitritt zu diesem Haager Übereinkommen ein Kind aus Japan in das Land seines Wohnsitzes zurückgebracht.

Überraschend ist die Schnelligkeit, mit der die bisher so träge japanische Bürokratie in diesem Fall offenbar reagierte. Der Antrag des deutschen Vaters auf Rückführung sei im August eingegangen, sagte eine Sprecherin des Außenministeriums dem Handelsblatt. Anstatt das Gesuch wie früher lediglich zu den Akten zu legen, wurde das Ministerium aktiv und löste den Fall sogar, ohne die Gerichte einzubeziehen. Bereits Mitte Oktober reisten Sohn und die japanische Mutter, die ihn gegen den Willen des Vaters nach Japan gebracht hatte, nach Deutschland zurück.

Japan

Hauptstadt

Tokio

Staatsform

Parlamentarische Erbmonarchie

Regierungssystem

Parlamentarische Demokratie

Staatsoberhaupt und Regierungschef

Staatsoberhaupt: Kaiser Akihito

Regierungschef: Shinzo Abe

Bevölkerung

127,3 Millionen Einwohner (Stand 2013)

Bruttoinlandsprodukt

BIP: 4.901.532 Millionen US-Dollar

BIP pro Kopf: 38.492,09 US-Dollar (Stand 2013)
Quelle: Weltbank

Selbst wenn der ausländische Ehepartner das alleinige Sorgerecht besaß, half dies in Japan bisher nicht weiter. Schon das Außenministerium blockte. Und auch der Gang vor die Gerichte brachte nichts, da die ausländische Sorgerechtsurteile schlicht nicht anerkannten.

Diese menschlichen Tragödien schlugen selbst diplomatisch Wellen. Seit Jahren drängten die USA und andere westliche Staaten Japan, dem Abkommen endlich beizutreten. Als Japan es dann in Kraft setzte, lagen dem Außenministerium bereits 70 Anträge vor, 17 davon auf Rückführung, der Rest wenigstens auf Besuchsrechte.

Doch es gibt ein weiteres Problem: Bisher wirkte Japans Beitritt sich vor allem zugunsten der japanischen Elternteile aus. Kinder wurden nach Angaben der Nachrichtenagentur Kyodo zwar von Großbritannien, den USA und der Schweiz nach Japan zurückgeschickt, nicht aber in die andere Richtung.

Für die japanische Rechtsanwältin Mikiko Otani, die sich jahrelang für Japans Beitritt zum Haager Kinderentführungsabkommen eingesetzt hat, ist dies kein Wunder: „Das Problem liegt in der Rechtstradition Japans.” In Japan gibt es kein gemeinsames Sorgerecht. Stattdessen schlagen die Gerichte das Kind – überspitzt gesagt – dem Elternteil zu, der es zuerst an sich reißt. Und das ist in den meisten Fällen die Mutter.

Ein besonders hartes Phänomen ist als „kozure bekkyo“ bekannt, als getrenntes Wohnen oder Ausziehen mit Kind. „Eines Tages kommt der Vater nach Hause und seine Frau und seine Kinder sind nicht mehr da“, schildert Anwältin Otani den idealtypischen Horror. „Und wenn er dann zur Polizei geht, wird ihm gesagt: Warten Sie auf einen Anruf.” Denn in Familienangelegenheit mischt sich die Polizei nicht ein.

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