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13.08.2014

11:11 Uhr

Kindheit im Krieg

Jubel, Trauma und große Not

Uniformen, Zinnsoldaten und Parolen: Vielen Kindern erschien der Erste Weltkrieg zu Beginn vor allem spannend. Doch bald wurde aus dem Spiel harte Realität. Väter starben, Menschen hungerten, das Leid war allgegenwärtig.

Der Hunger ist groß: Frauen und Kinder stehen 1917 in Berlin Schlange an einem Lebensmittelgeschäft. dpa

Der Hunger ist groß: Frauen und Kinder stehen 1917 in Berlin Schlange an einem Lebensmittelgeschäft.

München Anfangs erschien der Weltkrieg als großes Abenteuer. Schon Kinder trugen stolz Uniformen und wurden mit Liedern, Gedichten und Militärparolen darauf eingestimmt, tapfer den Feind zu besiegen. Preußische Tugenden wie Disziplin und Gehorsam waren oberstes Gebot. Doch was die Kleinen mit Zinnsoldaten und Spielkanonen nachstellten, entpuppte sich in der Realität als unvorstellbar grausam. Viele Kinder daheim gerieten in einen Zwiespalt: Erst die große Kriegsbegeisterung, dann Tod, Hunger und das allgegenwärtige Elend.

Dabei begann alles so euphorisch. Bürgerliche Familien im Deutschen Reich ging es unter Kaiser Wilhelm II. gut. Wer es sich leisten konnte, ließ seinen Kindern eine gute Bildung angedeihen und verwöhnte sie. „Gerade in der Zeit um den Ersten Weltkrieg gab es extreme Luxusspielsachen“, sagt Urs Latus vom Spielzeugmuseum in Nürnberg.

Deutschland habe die ganze Welt damit beliefert. Sehr beliebt: Puppenstuben und Hausrat im Kleinformat, Quartettspiele mit Komponisten, Feldherren oder Dichtern, Baukästen, Eisenbahnen und vor allem Kriegsspielzeug, von Soldatenfiguren über Nachbauten von Feldlagern bis hin zu Kanonen und Schiffsflotten. „Die Spielzeugwelt war sehr patriotisch aufgeladen“, erklärt Latus.

Bekannte Künstler und Schriftsteller

Zeitzeugen

Bekannte Künstler und Schriftsteller nahmen am Ersten Weltkrieg teil. Ein Überblick:

Max Beckmann

Er meldet sich freiwillig zum Sanitätsdienst. Im Sommer 1915 erleidet Beckmann aufgrund seiner Erlebnisse mit Kriegsopfern einen Nervenzusammenbruch.

Otto Dix

Der Kriegsfreiwillige war 1914 bis 1918 Soldat bei der Feldartillerie sowie als MG-Schütze in Frankreich und Russland. Als Unteroffizier meldet er sich gegen Kriegsende noch zu einer Fliegerausbildung. Das Grauen des Krieges wird zum Grundbestandteil seiner Bilder.

Alfred Döblin

Der Kriegsfreiwillige war 1914 bis 1918 Soldat bei der Feldartillerie sowie als MG-Schütze in Frankreich und Russland. Als Unteroffizier meldet er sich gegen Kriegsende noch zu einer Fliegerausbildung. Das Grauen des Krieges wird zum Grundbestandteil seiner Bilder.

Georg Grosz

Er versucht, seine Kriegserlebnisse mit düsteren Zeichnungen von mit Leichen übersäten Schlachtfeldern zu verarbeiten. Wegen einer Krankheit wird er 1915 als dienstuntauglich aus der Armee entlassen.

Ernst Ludwig Kirchner

Er wird im Oktober 1915 wegen einer Lungeninfektion und allgemeiner Schwäche krankgeschrieben. Kirchner erholt sich nie von seinen Kriegserlebnissen.

Oskar Koroschka

Der Kriegsfreiwillige beim 15. österreichisch- ungarischen Dragonerregiment wird 1915 an der ukrainischen Front durch Kopfschuss und Bajonettstich in die Brust schwer verwundet. 1916 wird er beim Einsatz an der Italien-Front erneut verletzt.

Wilhelm Lehmbrück

Der Bildhauer meldet sich freiwillig zum Dienst als Sanitätsgehilfe in einem Militärhospital. Gezeichnet von den Schrecken des Krieges, flieht er in die Schweiz. 1919 begeht er in Berlin Selbstmord.

August Macke

Er wird am 3. August 1914 zum Militärdienst eingezogen und fällt nur wenige Wochen später am 26. September in einem Gefecht in der französischen Champagne.

Max Pechstein

Der Maler wird vom Ausbruch des Krieges in der deutschen Kolonie Palau-Inseln im Pazifik überrascht und gerät in japanische Gefangenschaft. 1915 freigelassen, kehrt er nach Deutschland zurück. In Berlin findet er seine Wohnung besetzt und sein Atelier geräumt. Bis 1916 leistet Pechstein dann Militärdienst an der Westfront in Flandern.

Georg Trakl

Der Lyriker meldet sich im August 1914 als Freiwilliger Sanitäter und erlebt an der Ostfront den Krieg zwischen Österreich-Ungarn und Russland. Als Sanitätsoffizier hat er zeitweise rund 100 Menschen allein zu versorgen und erleidet in der Folge einen Nervenzusammenbruch. Im Militärlazarett Krakaus stirbt Trakl am 3. November 1914 an einer Überdosis Kokain.

Ähnlich national war die Bildung: „In der Schule haben die Lehrer gemeint, wir hätten die vaterländische Pflicht, nicht mehr fremde Wörter zu gebrauchen“, vertraut die 12-jährige Elfriede Kuhr aus Schneidemühl in Posen im August 1914 ihrem Kriegstagebuch an. Also „Lebwohl“ statt „Adieu“ und Mutter statt „Mama“, für das Mädchen schmerzlich. „Mutter ist nicht zärtlich genug. Ich will ,Muttchen' sagen.“ Knaben konnten sich in Jugendregimentern drillen lassen, auch wenn sie für einen Kampfeinsatz noch viel zu jung waren.

Der Historiker Sebastian Haffner erlebte den Kriegsbeginn in den Sommerferien in Hinterpommern. Besonders schmerzte den Siebenjährigen der Verlust der zwei schönsten Pferde des Landgutes, die zur Kavallerie beordert wurden, erzählt er in der Autobiografie „Geschichte eines Deutschen“.

Auf der Heimreise bewunderte er die Soldaten, die unter dem Jubel der Menschen ins Feld zogen: „Ich kam alsbald dahinter, dass hier ein Spiel im Gange war, geeignet, das Leben spannend und aufregend zu machen wie nichts zuvor“. Trotz Entbehrungen wie Hunger, häufigen Krankheiten und Holzschuhen hielt seine Begeisterung an: „Der Heeresbericht interessierte mich viel stärker als der Küchenzettel.“

Im Rückblick sah Haffner diese Begeisterung kritisch, vor allem vor dem Hintergrund des späteren Nationalsozialismus. „Die eigentliche Generation des Nazismus aber sind die in der Dekade 1900 bis 1910 Geborenen, die den Krieg ganz ungestört von seiner Tatsächlichkeit, als großes Spiel erlebt haben“, notiert er. Ähnlich sieht es auch der Freiburger Historiker Jörn Leonhard, Autor des kürzlich erschienen Werks „Die Büchse der Pandora: Geschichte des Ersten Weltkrieges“. Wer den Krieg als Heranwachsender erlebt habe, sei vermutlich anfälliger dafür gewesen als Soldaten.

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