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28.07.2016

17:34 Uhr

Kirchen-Anschlag in Frankreich

Beide Täter waren den Behörden bekannt

Zwei Tage nach dem Mord an einem Priester ist auch die Identität des zweiten Täters geklärt. Nach dem Anschlag wird die Sicherheitsdebatte in Frankreich schärfer – manche werfen der Regierung sogar Mitschuld vor.

In einer französischen Kirche töteten zwei islamistische Attentäter einen Priester. Beide waren vorher im Visier der Behörden. dpa

Kirche in Saint-Etienne-du-Rouvray

In einer französischen Kirche töteten zwei islamistische Attentäter einen Priester. Beide waren vorher im Visier der Behörden.

ParisBeide Täter des islamistischen Anschlags in einer französischen Kirche waren wegen Terrorverdachts bereits im Visier der Behörden. Der zweite Angreifer wurde anhand von DNA-Proben als der 19-jährige Abdel-Malik Nabil Petitjean identifiziert, wie eine Sprecherin der Pariser Staatsanwaltschaft am Donnerstag mitteilte. Zu ihm gab es nach übereinstimmenden Berichten französischer Medien seit kurzem einen Eintrag in einer Datenbank, die als radikalisiert eingestufte Personen auflistet.

Der stellvertretende Vorsitzende der konservativen Republikaner, Laurent Wauquiez, verlangte den Rücktritt von Premierminister Manuel Valls. Die Regierung sei „schuldig, nicht genug getan zu haben“, um die Anschläge zu verhindern, sagte er der Zeitung „Le Figaro“. Nach dem Anschlag von Nizza vor zwei Wochen hatte sich die Sicherheitsdebatte in Frankreich deutlich verschärft. Erste Enthüllungen über die Täter aus der Kirche lieferten der Opposition neue Munition für ihre Forderungen nach einer weiteren Verschärfung der Anti-Terror-Gesetze.

Die Republikaner wollen unter anderem die Internierung von als gefährlich eingestuften Radikalen, die sich noch keines Verbrechens schuldig gemacht haben. Die Regierung warnt dagegen vor einer Aufgabe des Rechtsstaats. „Willkür ist nicht akzeptabel“, sagte Justizminister Jean-Jacques Urvoas der Zeitung „Le Monde“. Er lehne eine „Guantanamoisierung“ des Rechts ab.

Die beiden Terroristen hatten am Dienstag während der Morgenmesse in einer Kirche nahe Rouen Geiseln genommen und den Priester umgebracht. Sie wurden von der Polizei erschossen, die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) reklamierte die Tat für sich und veröffentlichte am Mittwochabend auch ein Video, das die beiden Männer zeigen soll - die Echtheit konnte zunächst nicht unabhängig überprüft werden.

Was bedeuten die Begriffe?

Amoklauf

In Asien nannte man sie „amucos“ – Krieger, die den Feind ohne Angst vor dem Tod angreifen und vernichten. Heute beschreibt der Begriff in der Regel blindwütige Aggressionen – mit und ohne Todesopfer. Die meisten Amokläufer sind männlich und eigentlich unauffällig, in vielen Fällen ledig oder geschieden. Neben psychisch kranken Tätern gibt es auch Amokläufer, die aus banalen Gründen plötzlich ausrasten. Angst, Demütigung oder Eifersucht haben sich oft lange aufgestaut, bevor es zur Katastrophe kommt. Teils werden Taten auch im Kopf durchgespielt. „Amok“ kommt aus dem Malaiischen und bedeutet „wütend“ oder „rasend“.

Terrorismus

...ist politisch motivierte, systematisch geplante Gewalt, die sich gegen den gesellschaftlichen Status quo richtet und auf politische, religiöse oder ideologische Veränderung ausgerichtet ist. Dass Terroristen töten und zerstören, ist Mittel zum Zweck. Sie wollen vor allem Verunsicherung in die Gesellschaft tragen. Terrorakte richten sich oft gegen die Zivilbevölkerung oder symbolträchtige Ziele.

Terror

...geht auf das lateinische Wort „terrere“ zurück, was „erschrecken“ oder „einschüchtern“ bedeutet. Terror und Terrorismus werden oft gleichbedeutend verwendet. Im Unterschied zum Terrorismus bezeichnet der Begriff „Terror“ aber eher das Machtinstrumentarium eines Staates. Der „Terror von oben“ steht für eine Schreckensherrschaft, die willkürlich und systematisch Gewalt ausübt, um Bürger und oppositionelle Gruppen einzuschüchtern. Auch in die Umgangssprache hat der Begriff Eingang gefunden – etwa für extreme Belästigung, zum Beispiel Telefonterror.

Attentate

...sind politisch oder ideologisch motivierte Anschläge auf das Leben eines Menschen, meistens auf im öffentlichen Leben stehende Persönlichkeiten. Der Ausdruck „Attentäter“ wiederum wird auch für Menschen verwendet, die einen Anschlag auf mehrere Menschen begehen. Terroristische Attentäter zielen etwa auf Angehörige eines ihnen verhassten Systems oder einer Religion ab. Mit Anschlägen auf öffentlichen Plätzen, in Verkehrsmitteln oder auf Feste versuchen sie, in der Bevölkerung Angst und Schrecken zu verbreiten. Der Begriff „Attentat“ leitet sich vom lateinischen attentare (versuchen) im Sinne eines versuchten Verbrechens ab.

Den ersten Angreifer identifizierten die Ermittler kurz danach als Adel Kermiche. Der ebenfalls 19-Jährige stand wegen Terrorverdachts unter Aufsicht der Justiz, war aber mit einer elektronischen Fußfessel aus der Untersuchungshaft entlassen worden.

Der erst jetzt identifizierte zweite Angreifer geriet dagegen offenbar erst vor kurzem ins Blickfeld der Behörden. Der Grund: Er soll versucht haben, nach Syrien zu reisen. Der Sender France Info meldete, Petitjean sei im Juni in der Türkei gewesen. Die dortigen Behörden hätten die Franzosen aber erst informiert, als er schon zurückgekehrt war - daraufhin sei er in die besagte Datenbank aufgenommen worden. Am Freitag vor dem Anschlag warnte die französische Anti-Terror-Koordinationsstelle nach Informationen der Zeitung „Le Monde“ vor einem Mann, dessen Foto Petitjean ähnelt - ohne das Bild aber mit diesem Namen in Verbindung zu bringen.

Petitjean lebte zuletzt im Kurort Aix-les-Bains östlich von Lyon - mehr als 600 Kilometer vom Tatort entfernt. Woher sich die beiden Attentäter kannten, war zunächst nicht bekannt.

Von

dpa

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