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21.04.2016

20:38 Uhr

Klimaschutz

Pariser Hype: Was bleibt?

Das Klima-Abkommen von Paris war eine diplomatische Meisterleistung. Am Freitag wird es zwar unterzeichnet – ist damit aber längst noch nicht in Kraft. Experten sind sich einig: Die eigentliche Arbeit beginnt erst jetzt.

Zwei weiß gekleidete Männer kamen mit einer Fahne zu einer Flashmob-Aktion, um ein Zeichen für den Klimaschutz zu setzen. dpa

Gipfelmob zur Klimakonferenz

Zwei weiß gekleidete Männer kamen mit einer Fahne zu einer Flashmob-Aktion, um ein Zeichen für den Klimaschutz zu setzen.

Berlin/ New YorkAm 12. Dezember 2015 saust ein knallgrüner Hammer auf den Tisch vor Frankreichs Außenminister Laurent Fabius. Es ist ein historischer Moment: 195 Länder haben vereinbart, gemeinsam dafür zu arbeiten, dass die Erde sich um weniger als zwei Grad erwärmt. Die Klimadiplomaten jubeln. An diesem Freitag in New York dürfen sie sich noch einmal feiern. Dann wird das Abkommen von Paris unterzeichnet. Ob es mehr wert ist als das Papier, auf dem es steht, muss sich aber erst noch zeigen.

Denn in Kraft tritt das Abkommen erst, wenn es von 55 Staaten ratifiziert wird, die zusammen mindestens 55 Prozent der weltweiten Treibhausgas-Emissionen verantworten. Die meisten Politiker gehen davon aus, dass dies klappt. Ab 2020 geht es dann darum, den Ausstoß von Treibhausgasen, vor allem CO2, zu reduzieren. Darüber sind sich noch alle einig - über viel mehr allerdings nicht.

Für den Klimaforscher Ottmar Edenhofer ist klar, was jetzt her muss: Weltweit koordinierte, ausreichend hohe CO2-Preise. Heißt: Wer Treibhausgas produziert, soll zahlen. In Europa gibt es einen Emissionshandel, den Edenhofer, Chefökonom des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, in seiner derzeitigen Form allerdings eher nutzlos findet. 2017 will China ein nationales Emissionshandelssystem einführen. Deutschland hilft nach Angaben des Umweltministeriums mit Rat und Tat im Wert von 5,5 Millionen Euro.

Die Logik hinter dem Ruf nach sogenannter CO2-Bepreisung: Wird der CO2-Ausstoß teuer, macht das Strom aus Kohlekraftwerken unattraktiv. Kohlekraftwerke, da sind sich die Experten einig, gehören zu den schlimmsten Klimakillern überhaupt.

Daten, Fakten und Namen rund um den Klima-Gipfel

Arbeitsplätze

Das Umweltministerium zählt für 2013 in Deutschland 371.400 Arbeitsplätze zum Bereich erneuerbare Energien, die meisten in der Windenergie. Im alten Kraftwerksbereich sank die Zahl der Beschäftigten stetig: von 240.000 in 2006 auf 210.000 in 2012.

Basic-Staaten

Diese Gruppe umfasst die vier großen Schwellenländer Brasilien, Südafrika, Indien und China. Sie haben zwar auch Klimaziele, pochen aber vor allem auf die historische Verantwortung der Industriestaaten. BRICS heißt diese Staatengruppe plus Russland. Sie umfasst über 40 Prozent der Weltbevölkerung.

CO2

Kohlendioxid (CO2) trägt zu 76 Prozent zum Treibhauseffekt bei. Heute ist die CO2-Konzentration in der Atmosphäre um 40 Prozent höher ist als vor dem Beginn der Industrialisierung um 1750.

Dämme

Industrieländer können Dämme bauen, auf kleinen Inselstaaten ist das nicht möglich. Der Meeresspiegel ist laut IPCC von 1901 bis 2010 um 19 Zentimeter gestiegen. Er klettert immer schneller, derzeit um über drei Millimeter pro Jahr

Einstimmigkeit

Bei den UN-Klimaverhandlung ist es üblich, dass das Abschlussdokument ohne Gegenstimme angenommen wird.

Christiana Figures

Sie leitet das UN-Klimasekretariat seit 2010 und ist somit die UN-Klimachefin. Die resolute Diplomatin aus Costa Rica studierte in England und war unter anderem Botschafterin in Deutschland. Sie ist 1956 geboren und hat zwei Töchter.

Fluorierte Kohlenwasserstoffe

Die FCKW tragen zu zwei Prozent zum Treibhauseffekt bei. Die Produktion dieser ozonzerstörenden Stoffe ist durch das Montreal-Protokoll zum Schutz der Ozonschicht inzwischen weitgehend verboten, sie sind aber sehr langlebig.

Gletscher

Sie werden derzeit pro Jahr im Schnitt 0,5 bis ein Meter dünner. Das sei zwei- bis dreimal mehr als im Durchschnitt des 20. Jahrhunderts, berichtet der World Glacier Monitoring Service. Sie sind in vielen Ländern ein wichtiges Trinkwasserreservoir.

Hitzewellen

Die Jahre mit den fünf heißesten Sommern seit 1500 lagen alle nach dem Jahr 2000. Besondere Hitzewellen gab es 2003 in Europa mit 70.000 Toten und Ernterückgängen sowie 2010 in Westrussland mit 55.000 Toten und Waldbränden. Viele Forscher vermuten als Ursache neben der Erderwärmung unter anderem den arktischen Jetstream.

IPCC

Der Weltklimarat IPCC wurde 1988 gegründet. Er soll zeigen, wie sich der Klimawandel auswirkt, welche Anpassungsstrategien es gibt und wie er gebremst werden kann. Mehrere Tausend Forscher werten bestehende Daten für die regelmäßig erscheinenden Berichte aus.

Jetstream

Dieser wellenförmige Windstrom umkreist die Nordhalbkugel in mehreren Kilometern Höhe. Gewöhnlich verändert sich die Lage seiner Wellen. Immer häufiger bleiben sie starr, was zu langen Dürren oder anhaltenden Regenfällen mit Hochwasser führen kann.

Kyoto

Das Kyoto-Protokoll von 1997 war der erste weltweite Klimavertrag, der jedoch nur den Industrieländern Klimaziele gab. Bei Kyoto II, das von 2013 bis 2020 läuft, sind nur noch die EU und zehn weitere Länder dabei, die 15 Prozent der Weltemissionen umfassen. Sie wollen ihren Ausstoß von 1990 bis 2020 um 18 Prozent reduzieren.

Edenhofer führt aus: Von heute an dürften die Menschen noch etwa 700 Gigatonnen CO2 in die Atmosphäre blasen, wenn das 2-Grad-Ziel eingehalten werden soll. Laufende und weltweit geplante Kohlekraftwerke emittierten schon allein 400 Gigatonnen. Die Dynamik des Kohleausbaus könne Fortschritte bei den Erneuerbaren Energien und bei der Energieeffizienz nicht ausgleichen. Und was „negative Emissionen“ in Zukunft bewirkten, also die Einlagerung oder Umwandlung von CO2, sei nicht absehbar.

Deutschland will bis 2050 weitgehend aus der Kohle aussteigen. „Andere werden folgen - und letztlich werden wir eine Weltwirtschaft erhalten, die nahezu vollständig auf der Basis erneuerbarer Ressourcen basiert“, schreibt Jochen Flasbarth, Staatssekretär im Bundesumweltministerium, im diese Woche fertiggestellten Buch „Unter 2 Grad? Was der Weltklimavertrag wirklich bringt“.

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