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28.01.2014

15:29 Uhr

Klitschkos Kampf um die Ukraine

„Ein Schritt zum Sieg“

VonHelmut Steuer

Hilfloser Hüne? Der Box-Champion führt die Opposition, doch sein "Helden-Mythos" zerbröselt. Kritiker werfen ihm vor, zu häufig zu zaudern. Er selbst glaubt unerschütterlich daran, auch diesen Kampf zu gewinnen.

Vitali Klitschko hat schon angekündigt, bei den nächsten Präsidentschaftswahlen antreten zu wollen. dpa

Vitali Klitschko hat schon angekündigt, bei den nächsten Präsidentschaftswahlen antreten zu wollen.

KiewEigentlich hätte Vitali Klitschko an diesem Vormittag allen Grund gehabt, wenigstens ein bisschen entspannter dreinzuschauen. Doch von großer Freude ist in seinem langen, kantigen Gesicht nur wenig zu sehen. Der mehrfach Boxweltmeister im Schwergewicht und heutige ukrainische Oppositionsführer hält sich mit den großen Emotionen zurück.

Am Dienstag früh war der ukrainische Ministerpräsident Nikolai Asarow zurückgetreten, auch sein Kabinett musste nach ukrainischen Verfassung die Ämter niederlegen. Am Nachmittag nahm Präsident Viktor Janukowitsch den Rücktritt Asarows an. Laut Präsidialamt habe der Staatschef das Kabinett angewiesen, bis zur Bildung einer neuen Regierung geschäftsführend im Amt zu bleiben. Der Rücktritt des Ministerpräsidenten zieht gemäß der Verfassung den Rücktritt der gesamten Regierung nach sich.

Nach dem Rücktritt von Asarow beschloss das Parlament auf einer Sondersitzung außerdem die Rücknahme der umstrittenen Gesetze, die die Versammlungs- und Meinungsfreiheit drastisch eingeschränkt hätten. Beides waren Minimalforderungen von Klitschko und seinen Mitstreitern, um die monatelangen, zuletzt sehr gewalttätigen Proteste mit mindestens fünf Todesopfern einzustellen. Doch der promovierte Sportwissenschaftler ist klug genug, um nur von einem „Teilerfolg” zu sprechen. „Der Rücktritt ist kein Sieg”, sagt er leise, „sondern nur ein Schritt zum Sieg“. Das gelte auch für die Rücknahme „der diktatorischen Gesetze”.

Die Strömungen der Opposition in der Ukraine

Parlamentarische Opposition

Die Opposition ist im Parlament mit drei Fraktionen und einigen fraktionslosen Abgeordneten vertreten. Julia Timoschenkos Vaterlandspartei (Batkiwschtschina), Vitali Klitschkos Udar (Schlag) und die rechtspopulistische Swoboda (Freiheit) haben 168 von 450 Abgeordneten. Diese Parteiorganisationen stellen den Großteil der Infrastruktur auf dem besetzten Unabhängigkeitsplatz (Maidan) in Kiew sicher.

Euromaidan

Das ist der Name für die gesamte Protestbewegung auf dem Maidan - dem zentralen Unabhängigkeitsplatz in Kiew. Hier treffen sich spontan vor allem über soziale Netzwerke verabredete Demonstranten. Viele sind in der Zeit der Unabhängigkeit nach 1991 aufgewachsenen und vergleichsweise gut ausgebildet. Sie stehen auch symbolhaft für die friedliche Natur des Protests. Sie eint auch das Ziel einer Annäherung an die EU.

Die gescheiterte Unterzeichnung eines weitreichenden Abkommens mit der EU Ende November war für diese Regierungsgegner eine große Enttäuschung. Viele verweigerten aber Parteinahme für die jeweiligen politischen Gruppierungen. Ihr Protestlager war am 30. November auf dem Maidan in Kiew von den Polizeisondereinheiten der Berkut (Steinadler) brutal geräumt worden. Viele harren aber weiter auf dem Platz aus.

Rechter Sektor

Der rechtsextreme Flügel der Protestbewegung beteiligte sich von Anfang an den Demonstrationen und suchte demonstrativ den Konflikt mit der Staatsmacht. Er bildet den harten, gewaltbereiten Kern der so bezeichneten Selbstverteidigungskräfte des Maidan.

Die etwa 500 Mitglieder der losen Gruppierung aus neofaschistischen Splittergruppen treten oft vermummt und in paramilitärischer Kleidung auf. Sie sind zumeist unter 30 Jahre alt und vertreten eine antirussische und nationalistische Ideologie. Solche Kräfte kämpften auch als Partisanen gegen die sowjetischen und die deutschen Besatzer im Zweiten Weltkrieg in den westukrainischen Gebieten.


Tatsächlich fordern Klitschko mit seiner Partei Udar (Schlag), Oleg Tjagnibok von der rechtspopulistischen Swoboda Partei und Arsenij Jazenjuk von der Batkiwschina-Partei der inhaftierten früheren Regierungschefin Julia Timoschenko viel mehr. „Der Präsident muss zurücktreten”, wiederholt der 42-jährige Box-Champion immer wieder.

Und er weiß, dass er mit Teilergebnissen gar nicht erst auf dem Maidan auftauchen braucht. Zu frisch dürfte noch die Erinnerung bei ihm sein, als er vor einer Woche nach Gesprächen mit dem umstrittenen Präsidenten Viktor Janukowitsch mit nahezu leeren Händen auf die große Bühne des Unabhängigkeitsplatzes trat.

„Ihr werdet enttäuscht sein”, räumte er gleich zu Beginn ein und überbrachte dann die mageren Verhandlungsergebnisse. „Schande, Schande”, skandierten auch teilweise seine eigenen Anhänger. Als er wenig später zu den gewaltbereiten Protestlern ging und sie zu friedlichen Protesten aufforderte, bekam er die maßlose Enttäuschung und die aufgestaute Wut hautnah zu spüren. Ein Krawallmacher sprühte ihm Löschschaum ins Gesicht.

Kommentare (8)

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mon_yburns@central.banktunnel.eu

28.01.2014, 16:03 Uhr

Ich hol mir jetzt T-Entertain auf Krakenkassenschein und dann schneide ich mit Povolla zusammen Angie Merkel – DEREN FRESSE auch ICH NICHT MEHR SEHEN KANN – per Timeshift aus allen Sendungen raus bevor ich fernsehe. ÄTSCH.

http://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/bundestagswahl-2013/ronald-pofalla-ich-kann-deine-fresse-nicht-mehr-sehen/8955470-3.html

Foley1234

28.01.2014, 16:04 Uhr

@Artikel: Warum beschränken sich deutsche Medien/Politik so sehr auf Klitschko? Nur weil der bei nem deutschen Boxstall war? Ich kapiers net, so schlecht wird z.B. bei Euronews nicht berichtet. Bei den deutschen Medien kommts mir allmählich auch so vor als wäre das mehr Boxkampf als Politik! Ich hoffe Politik wird nicht überall so unter einen Scheffel gekehrt und einseitig berichtet.

compact-magazin_com

28.01.2014, 16:04 Uhr

In den gleichgeschalteten Westmedien ist immer die Rede von 50-80.000 Demonstranten in Kiew.

Gibt es in den anderen Städten keine Proteste?

Kiew hat 2,5 Mio. Einwohner!

Die ganze Ukraine 45.000.000!

Sind 50-80.000 Demonstranten repräsentativ für die ganze Ukraine???

Kann es sein, dass eine gut organisierte Minderheit mit Hilfe des Westens die gewählte Regierung stürzen will?

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