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27.09.2014

19:00 Uhr

Koalition der (Un)willigen – Teil I

Grünes Licht für britische Bomber

VonMatthias Thibaut

Trotz Kriegsmüdigkeit – Cameron verpflichtet Großbritannien für den Kampfeinsatz gegen IS. Das Desaster beim letzten Irak-Krieg hat auf der Insel deutliche Spuren hinterlassen. Teil I der Serie zur neuen Kriegskoalition.

David Cameron will mit britischen Soldaten die Terrorgruppe IS bekämpfen – doch die Bündnistreue gegenüber den USA ist geschwächt. dpa

David Cameron will mit britischen Soldaten die Terrorgruppe IS bekämpfen – doch die Bündnistreue gegenüber den USA ist geschwächt.

LondonSechs britische Tornado GR4 Kampfflugzeuge standen am Freitag am zypriotischen Royal Airforce Stützpunkt Akrotiri bereit, um in den Luftkampf gegen IS im Irak einzugreifen. Die Piloten warteten lediglich auf grünes Licht von Premier David Cameron nach einer ganztägigen Dringlichkeitsdebatte im Unterhaus. „Es ist eine rein politische Entscheidung. Wir stehen seit Wochen bereit“, hieß es in Militärkreisen.

Premierminister David Cameron warnte die Briten bei seiner Rede: „Wir müssen uns auf einen Einsatz einstellen, der nicht Monate, sondern Jahre dauert.“ Großbritannien könne seine Verantwortung, das britische Volk zu schützen, nicht anderen Ländern überlassen. „Ob wir es mögen oder nicht, IS hat uns längst den Krieg erklärt. Eine Option, dem den Rücken zu kehren, gibt es nicht.“

Ziel der Aktionen sei es, den Vormarsch der „Psychopathen Gruppe IS“ einzudämmen, sie auszuschalten und den Raum für politische Lösungen zu schaffen. IS bedrohe nicht nur die Völker in der Region, sondern habe bereits eine belgische Synagoge angegriffen, unschuldige amerikanische und britische Geisel hingerichtet und sechs Terroranschläge in Europa seien nur durch die Aufmerksamkeit der Geheimdienste durchkreuzt worden.

Flugzeuge der Royal Airforce sind von der britischen Basis seit Wochen bei Aufklärungsflügen im Einsatz, im August wurden von in Zypern stationierten C-130 Transportern Hilfsgüter für IS-Flüchtlinge abgeworfen. Die von den USA geführte Anti-IS Koalition wird auch von einem RC-135 Rivet Joint Aufklärungsflugzeug unterstützt, das von der Al Udeid Air Base in Katar aus IS-Kommunikationen abhört. Von diesem von Amerikanern, Australiern und Briten gemeinsam benutzten Luftwaffenstützpunkt aus wird der Einsatz durch die integrierte amerikanische Befehlszentrale US Central Command geleitet.

Islamischer Staat: Die wichtigsten Fragen und Antworten

Woher kommt die Terrormiliz?

Die Miliz ist die Nachfolge-Organisation von al-Qaida im Irak, einer radikalen Widerstandsbewegung, die sich Gebiete im Westen des Landes einverleibte, nachdem die Amerikaner den Diktator Saddam Hussein gestürzt hatten, ohne das Machtvakuum zu füllen.

Es handelt um einen Zusammenschluss von sunnitischen Dschihadisten, ehemaligen Anhängern von Saddam Hussein und von Stammesmitgliedern. Die Zahl der Kämpfer wird neuerdings auf rund 30.000 geschätzt. In ihrem Herrschaftsgebiet haben die Extremisten ein Verwaltungssystem aufgebaut, das jeden Aspekt des Alltags kontrolliert.

Welche Gebiete kontrolliert IS?

Die Terrormiliz hat Schätzungen zufolge rund ein Drittel des syrischen Staatsgebietes eingenommen. Dabei gelang es ihr, einen Korridor zwischen ihren westlichsten Eroberungen nahe Aleppo über nördliche Landstriche bis zu östlichen Landesteilen nahe der Grenze zum Irak zu schaffen.

In der Provinz Aleppo stehen unter anderem die größeren Orte Manbidsch und Al-Bab unter ihrem Kommando, dort weht die schwarze Flagge der Miliz auf Regierungsgebäuden und großen Plätzen. Da die Terrormiliz auf beiden Seiten der syrisch-irkanischen Grenze nahtlos Gebiete kontrolliert, kann sie relativ leicht Kämpfer, Waffen und Güter zwischen beiden Ländern hin- und hertransportieren.

Zuletzt stockt der Vormarsch des IS allerdings. Die Miliz verlor etwa die strategisch wichtige Stadt Tikrit, ebenso wie das über Monate umkämpfe Kobane an der türkischen Grenze.

Was ist die „Hauptstadt“ des Islamischen Staats?

Die IS erklärte Rakka, eine Stadt am Euphrat im Nordosten Syriens mit einer halben Million Einwohner, zur Hauptstadt ihres Kalifats und Sitz ihrer Machtzentrale. IS-Kämpfer aus aller Welt strömten dorthin, einige mit ihren Familien. Obwohl schon immer konservativ und unter großem Einfluss von Stämmen, war Rakka früher ein lebendiges und wirtschaftlich blühendes Zentrum.

Heute patrouilliert rund um die Uhr die Sittenpolizei der IS – die sogenannte Hisba – durch die Straßen. Diese bewaffneten Kämpfer in langen Roben kontrollieren, ob ihre strenge Auslegung des Korans auch umgesetzt wird. Die IS hat Musik und Rauchen verboten. Frauen wurden von der Sittenpolizei angewiesen, sich zu verhüllen. Wer gegen die Scharia verstößt, läuft Gefahr, enthauptet oder ans Kreuz gehängt zu werden. Den Schulen der Stadt diktierte die Miliz kürzlich die Inhalte und strich Fächer wie Philosophie oder Chemie.

Wie stark sind die Kämpfer des IS?

Seit Anfang 2014 führt die Miliz mit den gemäßigten und vom Westen unterstützten Rebellen in Syrien einen Zermürbungskrieg. Dabei stürmen IS-Kämpfer Außenposten der Rebellen und nehmen ihnen Ort für Ort durch Gewalt und Einschüchterung ab.

Die Zahl der Kämpfer lässt sich nur schätzen. Fest steht jedoch, dass die Extremisten seit Beginn ihres Vormarsches im Irak Anfang Juni 2014 starken Zulauf bekommen haben. Der US-Geheimdienst CIA geht davon aus, dass die Gruppe in Syrien und im Irak zwischen 20.000 und 31.500 Kämpfer hat. Diese Zahl unterscheidet sich deutlich von den Angaben der syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte. Sie schätzt die Zahl der IS-Kämpfer allein in Syrien auf rund 50.000, davon etwa 20.000 aus dem Ausland. Die Menschenrechtler stützen sich bei ihren Informationen auf ein Netz von Aktivisten in Syrien.

Welche Rohstoffe hält IS in der Hand?

Die Terrormiliz hatte im bis Herbst 2014 faktisch alle größeren Ölfelder im Osten Syriens, darunter das landesweit größte namens Omar mit einer Förderkapazität von 75.000 Barrel pro Tag erobert. Der IS nahm die Produktion teilweise auf und finanzierte sich auch über den Verkauf von Rohöl unter Marktpreisen. Das geförderte Öl werde über Mittelsmänner an die Türkei und den Irak geliefert.

Doch nach dem Verlust von Tikrit Anfang April 2015 hat die Terrororganisation auch mindestens drei Ölfelder verloren. Damit bleibt der Miliz im Irak nur noch ein einziges Ölfeld: Qayara mit einer Förderkapazität von gerade einmal 2000 Barrel am Tag. Das seien gerade noch fünf Prozent der zuvor vom IS innerhalb des Irak kontrollierten Menge.

Wie verhält sich der syrische Diktator Assad?

Syriens Präsident hat vor kurzem die Luftangriffe auf IS-Hochburgen verstärken lassen. Die Regierung öffnete die Türen für eine mögliche Kooperation mit den USA im Kampf gegen IS, sie stellte aber zugleich klar, dass jeglicher Angriff mit Damaskus abgestimmt sein müsse. Für die US-Regierung ist dies allerdings ein Problem: Sie möchte nicht an Assads Seite erscheinen, zumal sie dessen Rücktritt seit Jahren verlangt. Unter der Hand machte das Assad-Regime lange sogar Geschäfte mit den Terroristen nach dem Motto: Strom gegen Öl.

Was können die USA mit Luftschlägen ausrichten?

Jedweder Luftschlag der USA in Syrien würde sich wahrscheinlich auf Gebiete nahe der Grenze zum Irak sowie militärische Ziele wie Trainingslager in Rakka konzentrieren. Dort verfügt Assad kaum über Luftabwehr.

In jedem Fall werden sich Luftangriffe schwieriger gestalten als im Irak: Dort segnet Bagdad das Vorgehen ab, zudem verlaufen die Frontlinien deutlicher. In Syrien hingegen gibt es auf engem Raum verschiedene Fraktionen, zu denen neben IS auch der al-Qaida-Ableger Nusra-Front, die vom Westen unterstützten Rebellen der Freien Syrischen Armee und die Regierungstruppen gehören. Während die gemäßigten Rebellen US-Luftschläge fordern, lehnen die extremeren Kämpfer ein Engagement der USA ab.

Trotz der akuten Bedrohung durch IS und diesen Aktivitäten ließ sich eine britische Regierung aber noch nie so zögerlich und mit so viel politischem Taktieren in den Kampf tragen. Über der Debatte stand wie ein Motto dieser Satz Camerons: „Dies ist nicht 2003. Wir dürfen die Fehler der Vergangenheit nicht als Vorwand für Gleichgültigkeit oder Tatenlosigkeit nehmen.”

Die Briten sind nach über zwei Jahrzehnten praktisch unablässiger Militäraktionen im Ausland – vom ersten Irakkrieg 1990 über Bosnien, Sierra Leone und die opferreichen und letztlich gescheiterten Interventionen nach dem 11. September im Irak und Afghanistan kriegsmüde – und das war in der Debatte am Freitag zu spüren.

Seit Wochen bereitet Premier Cameron den Boden für die Entscheidung – rechtlich und politisch. Er ist ein gebranntes Kind, seit er vor einem Jahr die Abstimmung über Luftangriffe gegen Präsident Assad in Syrien verlor – es war das erste Mal, dass ein britischer Premier vom Unterhaus vor einem Militäreinsatz zurückgepfiffen wurde. Dies setzte damals Fragezeichen über die fast bedingungslose Bündnistreue der Briten in Waffengängen mit den USA.

Kommentare (2)

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Herr Paul Müller

26.09.2014, 19:32 Uhr

"...unschuldige amerikanische ... Geisel hingerichtet..."
Und das waren wirklich keine Mitarbeiter des Geheimdienstes, die im Land "tätig" waren?

"...sechs Terroranschläge in Europa seien nur durch die Aufmerksamkeit der Geheimdienste durchkreuzt worden..."
Die gleichen Geheimdienste sollen bis gestern angebliche 30000 Kämpfer nicht gesehen haben?

Unglaubwürdig. Alles ziemlich unglaubwürdig.

Herr Josef Duffner

26.09.2014, 19:51 Uhr

Herr Müller, die Meinung teile ich mit ihnen.

Die Redewendungen finde ich immer so was von martialisch wie z.B.: Premierminister David Cameron warnte die Briten bei seiner Rede: „Wir müssen uns auf einen Einsatz einstellen, der nicht Monate, sondern Jahre dauert.“

Da wird sich aber die Waffenindustrie freuen.

Erst baut man die IS in Syrien auf und nun merkt man, dass die gar nicht die Ziele erreichen wollen die man sich von ihnen erhofft hat. Also macht man es wie in Afghanistan mit den Taliban.
Da denke ich schon, dass es wohl Jahre dauern kann.
Etwas zäh sind sie schon diese Brüder.
In den Jahren die es dauern wird, wird man Syrien zu Tode geboomt haben und das Ziel möglichst viele Moslems oder Araber umgriffen ist auch erreicht.
Es wird wohl nach dem Vorbild der Vereinigten Staaten v. Amerika gehen. Und da hieß es doch.: "Nur ein Toter Indianer ist ein guter Indianer." Ergo, "Nur ein Toter Araber/Moslem, ist ein guter Araber/Moslem.
Feldzüge ohne Ende werden folgen müssen.

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