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29.09.2014

14:59 Uhr

Koalition der (Un)willigen – Teil II Frankreich

Krieg – na und?

VonThomas Hanke

Die Franzosen sind kurz entschlossen, geht es um Krieg: Politische und wirtschaftliche Interessen verteidigt man mit Waffengewalt, das gilt als selbstverständlich. Genauso wie der Kampf gegen die Terrorgruppe IS.

Die Franzosen glauben daran, Probleme mit militärischer Gewalt zu lösen. dpa

Die Franzosen glauben daran, Probleme mit militärischer Gewalt zu lösen.

ParisGeköpfte Bürger, gefolterte Männer, vergewaltigte Frauen: Die Brutalität der IS bringt Europa und Amerika an den Rande eines Krieges. Bisher will kein Land Bodentruppen schicken. Das hat bestimmte Gründe. Denn jeder der betroffenen Staaten hat eine eigene Geschichte des Krieges: Wie entscheiden die Briten? Warum tun sich die Deutschen so schwer? Und wieso haben die Franzosen kein Problem mit dem Krieg? Handelsblatt Online stellt in der Serie „Die Koalition der (Un)willigen“ vor, wie die Staaten zum Krieg stehen.

Frankreich zieht schneller in den Krieg als Deutschland. Ob Nicolas Sarkozys Luftkrieg gegen Libyens Diktator Muammar Kaddafi, Franҫois Hollandes Kämpfe mit Bodentruppen in Mali und in der Zentralafrikanischen Republik oder jetzt seine Luftangriffe im Irak und bald wohl Syrien gegen die Terroristen vom IS (Da Isch): Immer traf der Staatschef kurz entschlossen seine Entscheidung, informierte erst Tage oder Wochen später das Parlament und konnte sich dennoch der Zustimmung einer großen Mehrheit der Bevölkerung sicher sein.

Dahinter stecken viele Faktoren, die zusammenwirken: Im Zweiten Weltkrieg erst von der Wehrmacht geschlagen und gedemütigt, von den Alliierten beinahe wie feindliches Territorium besetzt, hat das Land unter General de Gaulle großen Wert darauf gelegt, militärisch zu erstarken, auch durch die atomare Bewaffnung, und für sich selber eine Rolle als Mittelmacht mit der Berechtigung zu weltweitem Eingreifen zu definieren. Sechs Jahrzehnte später findet kaum ein Franzose etwas Merkwürdiges daran, wenn der Präsident von der „Berufung des Landes“ spricht, mit Gewalt gegen sicherheitspolitische Herausforderungen wie den IS vorzugehen.

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Woher kommt die Terrormiliz?

Die Miliz ist die Nachfolge-Organisation von al-Qaida im Irak, einer radikalen Widerstandsbewegung, die sich Gebiete im Westen des Landes einverleibte, nachdem die Amerikaner den Diktator Saddam Hussein gestürzt hatten, ohne das Machtvakuum zu füllen.

Es handelt um einen Zusammenschluss von sunnitischen Dschihadisten, ehemaligen Anhängern von Saddam Hussein und von Stammesmitgliedern. Die Zahl der Kämpfer wird neuerdings auf rund 30.000 geschätzt. In ihrem Herrschaftsgebiet haben die Extremisten ein Verwaltungssystem aufgebaut, das jeden Aspekt des Alltags kontrolliert.

Welche Gebiete kontrolliert IS?

Die Terrormiliz hat Schätzungen zufolge rund ein Drittel des syrischen Staatsgebietes eingenommen. Dabei gelang es ihr, einen Korridor zwischen ihren westlichsten Eroberungen nahe Aleppo über nördliche Landstriche bis zu östlichen Landesteilen nahe der Grenze zum Irak zu schaffen.

In der Provinz Aleppo stehen unter anderem die größeren Orte Manbidsch und Al-Bab unter ihrem Kommando, dort weht die schwarze Flagge der Miliz auf Regierungsgebäuden und großen Plätzen. Da die Terrormiliz auf beiden Seiten der syrisch-irkanischen Grenze nahtlos Gebiete kontrolliert, kann sie relativ leicht Kämpfer, Waffen und Güter zwischen beiden Ländern hin- und hertransportieren.

Zuletzt stockt der Vormarsch des IS allerdings. Die Miliz verlor etwa die strategisch wichtige Stadt Tikrit, ebenso wie das über Monate umkämpfe Kobane an der türkischen Grenze.

Was ist die „Hauptstadt“ des Islamischen Staats?

Die IS erklärte Rakka, eine Stadt am Euphrat im Nordosten Syriens mit einer halben Million Einwohner, zur Hauptstadt ihres Kalifats und Sitz ihrer Machtzentrale. IS-Kämpfer aus aller Welt strömten dorthin, einige mit ihren Familien. Obwohl schon immer konservativ und unter großem Einfluss von Stämmen, war Rakka früher ein lebendiges und wirtschaftlich blühendes Zentrum.

Heute patrouilliert rund um die Uhr die Sittenpolizei der IS – die sogenannte Hisba – durch die Straßen. Diese bewaffneten Kämpfer in langen Roben kontrollieren, ob ihre strenge Auslegung des Korans auch umgesetzt wird. Die IS hat Musik und Rauchen verboten. Frauen wurden von der Sittenpolizei angewiesen, sich zu verhüllen. Wer gegen die Scharia verstößt, läuft Gefahr, enthauptet oder ans Kreuz gehängt zu werden. Den Schulen der Stadt diktierte die Miliz kürzlich die Inhalte und strich Fächer wie Philosophie oder Chemie.

Wie stark sind die Kämpfer des IS?

Seit Anfang 2014 führt die Miliz mit den gemäßigten und vom Westen unterstützten Rebellen in Syrien einen Zermürbungskrieg. Dabei stürmen IS-Kämpfer Außenposten der Rebellen und nehmen ihnen Ort für Ort durch Gewalt und Einschüchterung ab.

Die Zahl der Kämpfer lässt sich nur schätzen. Fest steht jedoch, dass die Extremisten seit Beginn ihres Vormarsches im Irak Anfang Juni 2014 starken Zulauf bekommen haben. Der US-Geheimdienst CIA geht davon aus, dass die Gruppe in Syrien und im Irak zwischen 20.000 und 31.500 Kämpfer hat. Diese Zahl unterscheidet sich deutlich von den Angaben der syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte. Sie schätzt die Zahl der IS-Kämpfer allein in Syrien auf rund 50.000, davon etwa 20.000 aus dem Ausland. Die Menschenrechtler stützen sich bei ihren Informationen auf ein Netz von Aktivisten in Syrien.

Welche Rohstoffe hält IS in der Hand?

Die Terrormiliz hatte im bis Herbst 2014 faktisch alle größeren Ölfelder im Osten Syriens, darunter das landesweit größte namens Omar mit einer Förderkapazität von 75.000 Barrel pro Tag erobert. Der IS nahm die Produktion teilweise auf und finanzierte sich auch über den Verkauf von Rohöl unter Marktpreisen. Das geförderte Öl werde über Mittelsmänner an die Türkei und den Irak geliefert.

Doch nach dem Verlust von Tikrit Anfang April 2015 hat die Terrororganisation auch mindestens drei Ölfelder verloren. Damit bleibt der Miliz im Irak nur noch ein einziges Ölfeld: Qayara mit einer Förderkapazität von gerade einmal 2000 Barrel am Tag. Das seien gerade noch fünf Prozent der zuvor vom IS innerhalb des Irak kontrollierten Menge.

Wie verhält sich der syrische Diktator Assad?

Syriens Präsident hat vor kurzem die Luftangriffe auf IS-Hochburgen verstärken lassen. Die Regierung öffnete die Türen für eine mögliche Kooperation mit den USA im Kampf gegen IS, sie stellte aber zugleich klar, dass jeglicher Angriff mit Damaskus abgestimmt sein müsse. Für die US-Regierung ist dies allerdings ein Problem: Sie möchte nicht an Assads Seite erscheinen, zumal sie dessen Rücktritt seit Jahren verlangt. Unter der Hand machte das Assad-Regime lange sogar Geschäfte mit den Terroristen nach dem Motto: Strom gegen Öl.

Was können die USA mit Luftschlägen ausrichten?

Jedweder Luftschlag der USA in Syrien würde sich wahrscheinlich auf Gebiete nahe der Grenze zum Irak sowie militärische Ziele wie Trainingslager in Rakka konzentrieren. Dort verfügt Assad kaum über Luftabwehr.

In jedem Fall werden sich Luftangriffe schwieriger gestalten als im Irak: Dort segnet Bagdad das Vorgehen ab, zudem verlaufen die Frontlinien deutlicher. In Syrien hingegen gibt es auf engem Raum verschiedene Fraktionen, zu denen neben IS auch der al-Qaida-Ableger Nusra-Front, die vom Westen unterstützten Rebellen der Freien Syrischen Armee und die Regierungstruppen gehören. Während die gemäßigten Rebellen US-Luftschläge fordern, lehnen die extremeren Kämpfer ein Engagement der USA ab.

Aufgrund der Kolonialgeschichte ist es für Franzosen eine Selbstverständlichkeit, dass eigene Soldaten in fernen Ländern kämpfen: Früher in den damaligen Kolonien oder „Mandatsgebieten“ Vietnam, Syrien, Libanon oder Algerien, heute in einer Ex-Kolonie wie Mali. Politische und wirtschaftliche Interessen verteidigt man mit Waffengewalt, daran findet keine der großen Parteien, ob Sozialisten oder Konservative, etwas auszusetzen. Heute formuliert man es nur zurückhaltender als noch in den 50er-Jahren.

Weil Frankreich keine Parlamentsarmee kennt und die Nationalversammlung immer erst im Nachhinein einbezogen wird, ist das Land auch keine breiten kontroversen Debatten über den Sinn bewaffneter Einsätze gewöhnt. Hinzu kommt, dass es schon lange keine Wehrpflicht mehr gibt und der Einsatz auch von Bodentruppen nur eine winzige Minderheit von Familien betrifft, deren Kinder oder Geschwister in den Krieg ziehen müssen. Die jungen Franzosen, die dann ihren Kopf hinhalten, sind in vielen Fällen Nachkommen von Migranten, die sich der Armee anschließen, weil sie keine andere berufliche Perspektive sehen.

Kommentare (11)

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Herr Helmut Metz

29.09.2014, 15:34 Uhr

Die Franzosen haben gegenüber den meisten anderen pseudodemokratischen Staaten in dieser Beziehung allerdings einen nicht zu unterschätzenden Vorteil: die Fremdenlegion.
Flugzeuge voll mit Särgen eigener Landsleute und gegen die Einberufungsbescheide ihrer Söhne protestierende Mütter (wie zuletzt in der Ukraine) lassen sich so elegant reduzieren. Bei besonders heiklen und gefährlichen "Missionen" schickt man gerne die Legionäre voran. Und bei der Rekrutierung gilt: dein (vielleicht krimineller) Lebenslauf ist uns egal - Hauptsache, du bist gut (im Töten) und befolgst unsere Befehle...

Herr Josef Schmidt

29.09.2014, 15:55 Uhr

Eher die Koalition der VSA Vassalen.

Man soll sich fragen wer eigentlich die IS ist und wenn sie eine radikale muslimische Grupierung ist warum kämpfen sie gegen Moslems und nicht gegen Israel.

Könnte vielleicht sein dass die IS aus den Federn der CYA und MOXXAD entstand ? Wer sind ihre Führer und warum gibt es gemeinsame Bilder mit amerikanischen Politiker ?

Soll hier wieder mal Sand in die Augen der Bevölkerung gestreut werden ?

Herr walter danielis

29.09.2014, 16:07 Uhr

Die Kriege des Westens sind relativ leicht zu führen. Es wird mit vielfach überlegener Militärtechnik - überwiegend mit Luft- und Raketenangriffen - ein dritklassiker Gegner plattgemacht.

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