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10.06.2015

12:56 Uhr

Kohleindustrie im Aufwind

Australien gegen den Rest der Welt

VonUrs Wälterlin

Das von den G7-Chefs ausgerufene Zwei-Grad-Ziel könnte an Australien scheitern. Die klimawandelskeptische Regierung baut die Kohleindustrie massiv aus – und lässt sich dabei von einem ehemaligen Deutsch-Banker beraten.

Australien setzt voll auf den Ausbau der Kohlekraft – und konterkariert damit das Zwei-Grad-Ziel der G7-Chefs. dpa

Morgendämmerung für die Kohleindustrie

Australien setzt voll auf den Ausbau der Kohlekraft – und konterkariert damit das Zwei-Grad-Ziel der G7-Chefs.

CanberraEigentlich waren die vergangenen Tage für die australische Regierung eine Public-Relations-Katastrophe. Erst musste sich das Land bei der Uno-Klimakonferenz in Bonn 36 peinliche Fragen zu seiner Klimapolitik anhören. Dann warf Ex-Uno-Chef Kofi Annan Australien vor, das Land sei in Sachen Kampf gegen Klimawandel ein „Trittbrettfahrer“. Schließlich erinnerte Ex-„Terminator“ und Gouverneur Arnold Schwarzenegger den australischen Premierminister Tony Abbott, dass erneuerbare Energien gerade im sonnenverwöhnten Australien „großen wirtschaftlichen Sinn“ machten.

Und am Montag kam der Entscheid von G7, die globale Wirtschaft bis 2100 zu „dekarbonisieren“. Denn: Fossile Rohstoffe haben nur noch begrenzte Lebenszeit. Allem voran Kohle. Doch der „Klimakiller“ ist nicht nur eines der wichtigsten Exportprodukte Australiens. Das Land hat noch für mindestens 300 Jahre Vorräte im Boden. Das Land generiert 88 Prozent der Energie mit fossilen Brennstoffen – einer der Gründe, weshalb der Antipodenstaat unter den Industrieländern regelmäßig pro Kopf der Bevölkerung am meisten Klimagase in die Atmosphäre pumpt.

„Tony Abbott ist da wie Wladimir Putin“

Doch die Meldungen aus Bonn und Bayern dürften Canberra kaum alarmiert haben. „Abbott wird die Kritik als Ehre empfinden“, so ein langjähriger Beobachter am Dienstag, „er ist in dieser Beziehung wie Wladimir Putin“. Die Regierung wird jedenfalls kaum von ihrem strikten Kurs abweichen, in ihrer Wirtschaftspolitik voll auf Kohle zu setzen – trotz Warnung von Experten.

Die wichtigsten Schlagworte zum Klimawandel

Globale Erwärmung

Seit Beginn des 20. Jahrhunderts ist die Temperatur auf der Erde um gut 0,8 Grad Celsius angestiegen. Das erste Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts (von 2001 bis 2010) war nach Angaben der Weltorganisation für Meteorologie das heißeste seit 1881 - im Durchschnitt betrug die Temperatur 14,47 Grad an der Land- und Meeresoberfläche und damit 0,47 Grad mehr als im Durchschnitt zwischen 1961 und 1990.

Anstieg des Meeresspiegels

Der Anstieg des Meeresspiegels hat sich in den vergangenen 20 Jahren beschleunigt. Laut dem IPCC-Bericht von 2007 dürfte der Meeresspiegel bis zum Endes dieses Jahrhunderts um zwischen 18 und 59 Zentimeter ansteigen. Im neuen Bericht dürfte diese Zahl angehoben werden. Studien zufolge geht der Anstieg zu rund einem Drittel darauf zurück, dass sich das Wasser bei zunehmender Wärme ausdehnt, zu einem weiteren Drittel auf das Schmelzen von Gletschern und zu etwas weniger als einem Drittel auf das Abschmelzen der Eiskappen in Grönland und der Antarktis.

Eisschmelze

Die Arktis erlebte im vergangenen Jahr eine Rekord-Eisschmelze. Laut der US-Behörde für Ozeanologie und Atmosphärenforschung (NOAA) verkleinerte sich die Eisfläche in der Arktis 2012 auf 3,41 Millionen Quadratkilometer. Das ist die kleinste Fläche seit Beginn der Satelliten-Beobachtung der Region vor 34 Jahren und 18 Prozent weniger als der bisherige Niedrigrekord aus dem Jahr 2007. Wissenschaftler gehen davon aus, dass die Gewässer rund um den Nordpol bis 2050 im Sommer eisfrei sein könnten.

Gletscherschwund

Bei Gebirgsgletschern wird weltweit eine starke Eisschmelze beobachtet, etwa im Himalaya-Gebirge oder in den südamerikanischen Anden. Die Gletscher der Pyrenäen zwischen Frankreich und Spanien könnten bis 2050 ganz verschwunden sein.

Extreme Wetterphänomene

In einem Sonderbericht hatte der Weltklimarat IPCC im November 2011 festgehalten, dass es im Zuge der Erderwärmung zu einer Zunahme extremer Wetterphänomene wie heftiger Regenfälle, Hitzewellen und Dürreperioden gekommen ist und diese Entwicklung anhalten wird. 2012 wurden laut eine Untersuchung etwa die Hälfte aller Extremwetterphänomene durch den Klimawandel verstärkt.

Artensterben

Unter einem weiteren Temperaturanstieg wird auch die Tier- und Pflanzenwelt leiden. Ein Anstieg zwischen 1,5 und 2,4 Grad im Vergleich zu den 20 letzten Jahren des 20. Jahrhunderts würde dafür sorgen, dass 20 bis 30 Prozent aller Tier- und Pflanzenarten vom Aussterben bedroht würden.

Zwei-Grad-Ziel

Internationales Ziel ist es, den Temperaturanstieg bis zum Ende dieses Jahrhunderts auf zwei Grad zu beschränken. Laut dem Umweltprogramm der Vereinten Nationen wird der Anstieg aber zwischen drei und fünf Grad betragen, wenn es bei den bisherigen Bemühungen zur Reduzierung von Treibhausgasen bleibt.

Climategate

Im November 2009 drangen Hacker in die Computer des Klimaforschungszentrums der University of East Anglia ein, stahlen mehrere tausend Dokumente und veröffentlichten sie im Internet als angebliche Belege für wissenschaftliches Fehlverhalten der Klimaforscher. Mehrere Untersuchungen unabhängiger Institutionen konnten allerdings keine Hinweise auf ein solches Fehlverhalten nachweisen.

„Kohle ist gut für die Menschheit“, so Tony Abbott im letzten Jahr beim Besuch einer Mine. Wenn es um Maßnahmen gegen den Klimawandel geht, schwimmt die Abbott-Regierung seit 2013 gegen den Rest der Welt. Departemente, die sich mit Klimaforschung beschäftigen, wurden kurz nach Amtsantritt der Konservativen gestrichen, Wissenschaftler zu Hunderten entlassen oder versetzt. „Wir verlieren eine ganze Generation von Experten – ein ,Brain Drain' von historischem Ausmaß“, klagt ein Klimaforscher am staatlichen Institut CSIRO gegenüber dem Handelsblatt.

Eine Steuer auf „Supergewinne“ von besonders energieintensiven Rohstoffunternehmen wurde von Abbott ebenfalls gestrichen. Und schließlich schaffte Australien als einziges Land der Welt ein kurz zuvor eingeführtes, gut funktionierendes Emissionshandelssystem wieder ab.

G7-Klimaziele: Die Mondmission

G7-Klimaziele

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Zwei-Grad-Ziel und der Verzicht auf klimaschädliche Energieträger: Die Klimavorgaben der G7 wirken nicht von dieser Welt und ihre Erfüllung erscheint in weiter Ferne. Dennoch sind solche Lippenbekenntnisse wichtig.

Die Folge: Neun Monate später waren die CO2-Emissionen 1,6 Prozent höher. Und jüngst reduzierte Australien sein bisheriges Ziel für die Produktion erneuerbarer Energien. Statt auf 41.000 Gigawattstunden pro Jahr soll die Produktion aus Solar-, Wind und anderen erneuerbaren Quellen bis 2020 nur noch auf 33.000 Gigawattstunden ansteigen.

Die Begründung: Selbst mit dieser Rückstufung werde die Vorgabe überschritten, bis 2020 mindestens 20 Prozent der Energie aus Erneuerbaren zu produzieren, so Umweltminister Greg Hunt.

Kommentare (7)

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Herr Herbert Friede

10.06.2015, 13:35 Uhr

Nur eine kurze Bemerkung zu folgendem Satz:
...weshalb der Antipodenstaat unter den Industrieländern regelmäßig pro Kopf der Bevölkerung am meisten Klimagase in die Atmosphäre pumpt.
"pro Kopf" der Bevölkerung. Hierzu ein kleines Gedankenexperiment. Canadas einziger Einwohner sitzt an einem Lagerfeuer und verbrennt Autoreifen und morsches Grünzeug. Vom Handelsblatt bekommt er eine E-Mail, das er diesen Unsinn gefälligst unterlassen soll, da er ein Vielfaches dessen an CO2 und sonstigen Schadstoffen in die Luft bläst als ein umweltbewußter Bundesbürger. Der Canadier löst das Problem, indem er 19 US Amerikaner einbürgert und so seinen Schadstoffausstoß pro Person auf ein 1/20 der Menge pro Kopf verringert. So werden die Canadier zu Vorbildern im Umweltschutz. Hat sich für die Umwelt wirklich etwas geändert?
Deutschland ist Weltmeister im Sauberrechnen. Der Umwelt nützt das allerdings nichts. Pro Flächeneinheit ist Deutschland das Land mit dem größten Ausstoß an Treibhausgasen.


Herr Riesener Jr.

10.06.2015, 15:09 Uhr

Man kann natürlich auf Australien schimpfen und sie politisch unter Druck setzen, weniger Kohle zu fördern. Allein wird das wahrscheinlich nicht helfen. Analog hat sich z.B. die rot-grüne(!) Regierung in NRW gegen Klimaabgaben für Braunkohle ausgesprochen, weil eben viele Arbeitsplätze daran hängen.
Eine (in Deutschland unpopuläre) Idee wäre allerdings, die Australier bei der Fördeung von Uran zu unterstützen, um so wegbrechende Einnahmen aus dem Kohlegeschäft auszugleichen. Australien ist die Nr.3 bei der Uranförderung und hat die mit Abstand größten Reserven weltweit. Ein Ausbau der (fast) CO2-freien Kernenergie würde somit doppelt Sinn machen. (natürlich nicht im Windmühlen-Fan-Land Deutschland)

G. Nampf

10.06.2015, 15:12 Uhr

Dann geht die Energiewende eben ohne Australien.

Wen interessiert´s?

Solange die bisherigen großen Bremser (USA, Japan, China, Indien) jetzt mitziehen (und dabeibleiben!), ist es einfach egal, was die Aussies tun.

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