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03.01.2007

21:16 Uhr

Kolumbien

Eine Mahlzeit und acht Schuss Munition

VonGerhard Böke

Kolumbiens Präsident Álvaro Uribe hat der Bevölkerung Sicherheit versprochen. Zwar geht die Zahl der Schwerverbrechen auch tatsächlich zurück, doch die Bandenkriminalität nimmt zu – und beschert privaten Schulen, die Sicherheitspersonal ausbilden, einen regelrechen Boom. Eine Handelsblatt-Reportage.

Präsident Uribe versprach Sicherheit - doch die Bandenkriminalität in Kolumbien nimmt zu. Foto: ap ap

Präsident Uribe versprach Sicherheit - doch die Bandenkriminalität in Kolumbien nimmt zu. Foto: ap

CALI. Eine gedrungene Gestalt huscht durch die Abenddämmerung. Mit lautlosen Schritten nähert sie sich dem Fenster einer alten Holzbaracke. Ein kurzer Griff an die Hüfte, dann ist es vorbei mit dem Frieden. Vier Revolverschüsse, abgefeuert im Sekundentakt, zerreißen die Stille.

„Gut gemacht, aber beim Zielen noch mehr in die Knie gehen.“ Die lobenden Wort stammen von Hernán Herrera, einem ehemaligen Hauptmann der kolumbianischen Streitkräfte. Als Berufssoldat hat Herrera mehrere Jahre lang den Amazonas-Urwald durchstreift. Jetzt leitet der 46-Jährige eine Privatschule für Wachleute und Leibwächter in Kolumbiens Zwei-Millionenstadt Cali.

Das Training auf dem Schießstand ist Teil eines zweiwöchigen Lehrgangs für künftige Bodyguards. „Wir bringen den Leuten bei, wie man als Team zusammenarbeitet, Gefahren erkennt und sich vor Angriffen schützt“, erzählt der ehemalige Offizier.

Herrera hat sich seine im Militärdienst erworbenen Erfahrungen zu Nutze gemacht, um in einem zukunftsträchtigen Markt mitzumischen. „Als wir 1999 angefangen haben, gab es in Cali vier solcher Schulen“, erinnert sich Herrera, „heute sind es neun.“ Experten schätzen die Zahl der landesweit beschäftigten Wachmänner und Leibwächter inzwischen auf bis zu 400 000 – das entspricht knapp einem Prozent der Bevölkerung.

Kolumbien im Januar 2007, fast ein halbes Jahr nach Beginn der zweiten Amtszeit von Präsident Álvaro Uribe: Das Geschäft mit der Sicherheit boomt. Und das trotz des um mehr nationale Sicherheit bemühten Präsidenten.

Seine Wahlversprechen für die erste Amtsperiode 2002 bis 2006 hat Uribe bis heute nur in Teilen einlösen können. Zwar ist die Bedrohung durch die Paramilitärs zurückgegangen, doch hat die Bandenkriminalität weiter zugenommen. Auch in Uribes zweiter Amtszeit steht das Thema „innere Sicherheit“ daher unverändert an der Spitze der politischen Agenda. Seit der Harvard-Jurist 2002 in das Präsidentenamt gewählt wurde, hat der kolumbianische Staat mehr in die innere Sicherheit investiert als je zuvor. In weniger als vier Jahren hat das Land die Sollstärke seiner Soldaten und Polizisten von 278 000 auf mittlerweile 373 000 erhöht.

„Indepaz“, das in Bogota ansässige Institut für Entwicklungs- und Friedensforschung, hat errechnet, dass 5,9 Prozent des Bruttoinlandsprodukts in die Landesverteidigung fließen. Gemessen daran, gehört Kolumbien weltweit zu den fünf Ländern mit den höchsten Verteidigungsausgaben.

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