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05.04.2011

06:17 Uhr

Kommentar

Athen fehlt Mut zu Befreiungsschlag

VonGerd Höhler

Eine Umschuldung für Griechenland wirkt nur, wenn dem Land auch neue Wachstumsimpulse gegeben werden. Die aber fehlen. Ein Kommentar von Gerd Höhler

Gerd Höhler ist Handelsblatt-Korrespondent in Athen. Quelle: Pablo Castagnola

Gerd Höhler ist Handelsblatt-Korrespondent in Athen.

Die Rufe nach einer Umschuldung Griechenlands werden lauter - auch wenn der Internationale Währungsfonds, die EU und die Athener Regierung das Thema öffentlich weiter tabuisieren. Immer mehr Experten sagen: Der Schuldenberg, der in diesem Jahr 150 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung erreichen wird und weiter wächst, ist einfach zu erdrückend.

Im vergangenen Jahr musste Griechenland bereits mehr als sechs Prozent seines Bruttoinlandsprodukts für Zinsen aufwenden. Wenn die Europäische Zentralbank demnächst den Leitzins anhebt, wird der Schuldendienst für die Griechen noch teurer. Die Zinslast stranguliert nicht nur den Staat, sondern auch die Banken und die Wirtschaft. Die Milliarden, die der Athener Finanzminister seinen Gläubigern überweisen muss, fehlen im Wirtschaftskreislauf. Die Liquiditätsprobleme verschärfen die Rezession und vereiteln den Schuldenabbau. Eine Restrukturierung der Schulden könnte diesen Teufelskreis durchbrechen.

Sinn macht ein solcher Schritt aber nur, wenn zugleich jene Fehlentwicklungen korrigiert werden, die das Land in den vergangenen Jahren in die Schuldenfalle geführt haben. Wird eine Umschuldung nicht von Strukturreformen begleitet, verpufft ihre Wirkung schon nach kurzer Zeit.

Noch versichert die griechische Regierung allerdings öffentlich, ohne eine Restrukturierung der Schulden auszukommen. Es gebe "überhaupt keine solche Eventualität", beteuert Finanzminister Giorgos Papakonstantinou. Auch Griechenlands Zentralbankchef Giorgos Provopoulos wehrt ab: Schon die bloße Diskussion über eine Umschuldung sei schädlich. Dahinter steht vor allem die Furcht vor den massiven Kollateralschäden, die ein Schuldenschnitt im griechischen Finanzsektor anrichten würde.

Griechische Banken und Pensionskassen halten Staatsanleihen im Nennwert von 75 Milliarden Euro. Kommt es zu einem so genannten Hair-Cut, zahlt Griechenland also zum Beispiel nur 70 Prozent seiner Schulden zurück, müssten die Geldinstitute zweistellige Milliardensummen abschreiben. Das griechische Bankensystem würde in seinen Grundfesten erschüttert. Neue Rettungsprogramme wären erforderlich, für die letztlich die europäischen Steuerzahler aufkommen müssten. Premier Giorgos Papandreou warnte jetzt sogar davor, auch deutsche Banken, die Griechen-Bonds im Nennwert von 47 Milliarden Euro halten, könnten infolge eines griechischen Schuldenschnitts zusammenbrechen.

Kommentare (5)

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Stefan-L-Eichner

05.04.2011, 10:28 Uhr

Es ist richtig, dass die Griechenland-Krise nicht verkürzt als Schuldenkrise begriffen werden kann, sondern es auf ein tragfähiges Wachstumskonzept ankommen wird. Ihre Sicht, wie Griechenland wieder auf Wachstumskurs kommen kann, teile ich indes nicht.

Schaut man in andere EU-Staaten (Ungarn, Irland, Portugal und Spanien, aber auch Großbritannien, Frankreich und Italien), so wird man feststellen, dass mehr oder weniger überall das bisher verfolgte Wachstumsmodell nicht mehr trägt oder zumindest kritisch hinterfragt werden muss.

Mit der Finanzmarkt- und Weltwirtschaftskrise ist das Wachstumsmodell der EU als Ganzes zusammengebrochen (siehe dazu: http://stefanleichnersblog.blogspot.com/2011/01/die-europaische-krise-teil-2-die-euro.html) und bisher gibt es keinerlei Anstrengungen, dieses Problem anzugehen. Die EU lässt Griechenland in dieser Frage allein.

Freilich muss Griechenland Korruption, Klientelwirtschaft und Steuerflucht stoppen. Aber das allein ist noch kein Wachstumskonzept. Es ist ferner fraglich, ob Deregulierung und Privatisierung – also ur-liberale politische Konzepte, die hinreichend oft gescheitert sind - für Griechenland geeignete Schritte in Richtung Wachstum darstellen. Aber so lange es kein neues, tragfähiges Wachstumsmodell für die EU gibt, kämpft Griechenland, das auf die EU-Wirtschaft angewiesen ist, gegen Windmühlen.

hellasmagazin

05.04.2011, 11:24 Uhr

Montag, Mittwoch und Samstag spielen sich in Athen folgende Szenen ab: ausländische Touristen stehen mit ihren prall gefüllten Geldbeuteln vor geschlossenen Läden und schauen ungläubig in die Schaufenster. Anstatt ihr Geld ausgeben und ins Land tragen zu können, müssen sie ihr Geld wieder mitnehmen - denn montags, mittwochs und samstags schließen in Griechenland die meisten Geschäfte spätestens um 14 Uhr für den Rest des Tages, und öffnen erst wieder am Donnerstag. Daran hat sich auch in der Krise nichts geändert. Weil die meisten griechischen Bäcker keine Lust haben, morgens um drei Uhr aufzustehen, importieren sie das Brot aus Bulgarien und schlafen lieber aus. Solange die Griechen weiterhin an dieser Mentalität festhalten, wird sich wirtschaftlich in Griechenland nichts ändern, egal wieviel Geld Europa noch zur Verfügung stellen wird!

hellasmagazin

05.04.2011, 19:14 Uhr

Berichtigung meines Kommentars oben: Statt Donnerstag muss es natürlich heißen: öffnen erst wieder am nächsten Tag. Giechenland benötigt in erster Linie Hilfe zur Selbsthilfe. Diese Hilfe muss in Volksaufklärung bestehen. Die griechischen Medien sind dazu nicht nur nicht fähig, sondern in erster Linie nicht willig. Es wird, warum auch immer, beständig der Eindruck geschürt, es gäbe gar keine Krise und die Politiker seien jederzeit in der Lage, einfach wieder Geld auf den Markt zu spucken. Das ganze sei nur eine Griechenland gegenüber feindlich gesonnene Inszenierung der Politiker, der Banken und der anderen Länder. Solange der durchschnittliche Grieche auf der Straße so denkt, wird jeder Reformversuch im Keim ersticken. Ein Paradebeispiel für den griechischen Irrweg war in den letzten Monaten im Epirus rund um die Stadt Arta zu bewundern - ein alljährliches Schauspiel! So weit das Auge reichte, sah man orange. Kilometerweit verfaulten vom Baum gefallene Orangen und Mandarinen auf den Feldern. Es findet sich niemand, der die Orangen- und Mandarinenbäume aberntet, geschweige denn das Obst aufhebt und weiterverarbeitet. Im benachbarten Umkreis steht eine Saftfabrik. Sie ist seit Jahren geschlossen und stillgelegt. In den umliegenden Dörfern sind die Kafenions den ganzen Tag voll besetzt - von all den Arbeitslosen, die
hier rund um Arta keine Arbeit finden. Die meisten Orangen, die es auf den griechischen Wochenmärkten zu kaufen gibt, werden importiert - aus Südafrika! Volksaufklärung ist in Griechenland oberstes Gebot. Sonst wird jede Finanzspritze oder Umschuldung genauso auf dem griechischen Boden vermodern wie die Orangen und Mandarinen aus Arta!

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