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05.04.2011

00:00 Uhr

Kommentar

China zeigt sein hässliches Gesicht

VonFrank Sieren

Im Schatten der Revolten in Nordafrika verschärfen die chinesischen Hardliner die Unterdrückung, die Verhaftung des Künstlers Ai Weiwei ist der nächste Schlag. Dabei haben sie das gar nicht nötig.

Die Verhaftung des Künstlers Ai Weiwei am vergangenen Sonntag ist mehr als nur ein weiterer Menschenrechtsfall. Zusammen mit den jüngsten Festnahmen und Urteilen macht die Regierung ihre Haltung deutlicher denn je. Warum zeigt die Pekinger Führung nun wieder so unverhohlen ihr hässliches Gesicht? Sie hat in den vergangenen Jahrzehnten viel mehr erreicht, als die Menschen in China und der Welt ihr zugetraut hätten.

Kaum jemand glaubt heute ernsthaft, dass China im Chaos versinken würde, wenn die Bürger die Ideen der Dissidenten in der Zeitung lesen oder im Fernsehen darüber diskutieren könnten. Ihre Forderungen werden vom Mainstream der chinesischen Städter zur Kenntnis genommen, spielen aber keine zentrale Rolle. Das liegt nicht nur an der Zensur, die schon lange nicht mehr so strikt ist, wie man im Westen oft annimmt. Vielmehr wollen die Menschen erst einmal Wohlstand. Und im Augenblick stehen die Signale auf Wachstum. Also begehren sie nicht auf. Das bedeutet allerdings auch: Die Angst der Führung ist übertrieben, ein pervertiertes "Wehret den Anfängen".

Immerhin sind nicht mehr alle in der Führung der Überzeugung, dass Andersdenkende ins Gefängnis gehören. Die Reformer kämpfen schon länger dafür, Dissidenten nur noch mit Hausarrest oder einer Ausweisung zu bestrafen. Das Unverständnis gegenüber härteren Strafen wächst, selbst bei eher unpolitischen Städtern. Warum sperrt man einen Intellektuellen ein wie einen Mörder? Insofern könnte die harte Hand der Falken auch gefährlich werden für die vielbeschworene Harmonie in der Gesellschaft. Dass nun auch Ai Weiwei im Gefängnis sitzt, dessen Kritik seit Jahren geduldet wurde, ist ein herber Rückschlag für alle, die auf eine behutsame Öffnung aus sind. Doch warum setzen sich die Hardliner gegenwärtig offensichtlich durch?

Sie sind durch die Ereignisse in Nordafrika in die Vorderhand gelangt. Psychologen erklären dies mit kollektiven historischen Erfahrungen, der Angst vor einem Bürgerkriegszustand wie nach dem Zerfall des Kaiserreichs oder während der Kulturrevolution, die die Generation der heute Fünfzigjährigen noch miterlebt hat.

Doch warum psychologisieren? Es gibt einen alltäglichen Begriff, der die Einstellung der Führung treffend beschreibt. Im Umgang mit Dissidenten brennen bei der chinesischen Regierung die Sicherungen durch - nicht nur an unseren westlichen Maßstäben gemessen, sondern auch an ihren eigenen.

Der Bestsellerautor Frank Sieren ("Der China-Schock") gilt als einer der führenden China-Kenner.

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