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06.08.2011

12:07 Uhr

Kommentar

Die Herabstufung der USA durch S&P ist nur konsequent

VonOliver Stock

Nach dem Schuldenkompromiss hatte die Ratingangentur Standard & Poor's einige Tage still gehalten. Jetzt hat sie die Kreditwürdigkeit der USA wie von den meisten Beobachtern erwartet herabgestuft. Und das ist gut so.

Oliver Stock

Oliver Stock, stellvertretender Chefredakteur des Handelsblatts

Im Jahr 1941 brannte die Welt. Die USA waren mittendrin und kämpften einen Krieg an vielen Fronten. Das Ende war alles andere als gewiss. In jenem Jahr setzten die Ratingagenturen hinter die Bonität der Vereinigten Staaten von Amerika ein Fragezeichen. Heute Nacht hat Standard & Poor's, eine der drei großen Bonitätswächter dieser Welt, es wieder getan. Aus ihrer Sicht ist Amerika kein Kandidat mehr, der uneingeschränkte Kreditwürdigkeit besitzt. Brennt die Welt erneut?

Sie glimmt. Das allerdings macht sie mit einer erschreckenden Ausdauer. Die durch ungehemmte Spekulation der Banken entstandene Finanzkrise hat gigantische Ausgabe der Staaten nach sich gezogen, die mit Konjunkturprogrammen und Rettungsaktionen das schlimmste verhindern halfen. Nur leisten konnten sich die Staaten, deren Finanzen alles andere als solide waren, diese Aktionen nicht. Die Folgen sind jetzt zu besichtigen: Ein Land nach dem anderen rauscht in die Schuldenfalle. Die Hoffnung, dass die Konjunkturprogramme so stark greifen, dass eine boomende Wirtschaft hilft, die Schulden zu bezahlen, hat sich in vielen Euro-Ländern und in den USA nicht erfüllt. Wir in Deutschland reiben uns darüber vielleicht verwundert die Augen. Das aber liegt nur daran, dass die Rechnung bei uns besser aufgegangen ist als anderswo.

Fragen und Antworten zur Entwicklung auf den Märkten

Wie geht es weiter an den Börsen?

Politiker verunsichern durch ihre Uneinigkeit die Märkte immer aufs Neue. Gestern schlug EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso vor, den Krisenfonds EFSF aufzustocken. Das Bundesfinanzministerium wies den Vorschlag postwendend zurück. Derartige Debatten sind Gift für Aktien.

Wieso fällt die Rendite von Bundesanleihen?

Angesichts der unsicheren Situation flüchten Anleger in sichere Häfen wie Bundesanleihen. Deutschland wird große Stabilität zugetraut, da die größte Volkswirtschaft Europas robust wächst. Der Bonitäts-Tüv, die Ratingagenturen, bewerten Deutschland weiterhin mit der Bestnote „AAA“. Das kann in unruhigen Zeiten gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Anleger befürchten, dass Italien und Spanien von der Schuldenkrise überrollt werden. Inzwischen liegt die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe bei 2,28 Prozent. Zieht man die Teuerung ab, liegt die Real-Verzinsung erstmals seit 54 Jahren wieder bei null Prozent.

Wie reagieren Anleger?

Anleger trauen den Maßnahmen nicht, die zur Lösung der Schuldenkrisen in den USA und Europa ergriffen wurden. Sie fordern den Abbau der Schulden etwa durch höhere Steuern. Außerdem geht die Angst vor einer Wirtschaftskrise um. Gerade in den USA fielen zuletzt wichtige Konjunkturkennzahlen wie der Einkaufsmanagerindex schlecht aus. In dieser Situation verkaufen Anleger alles, was ihnen riskant erscheint. Dazu zählen insbesondere Aktien.

Wie sollten sich Privatanleger jetzt verhalten?

Ganz sicher sollten Privatanleger sich nicht von der allgemeinen Panik anstecken lassen. Nachdem der Dax in sieben Handelstagen rund Punkte 1000 gefallen ist, wären sie mit einem Verkauf ohnehin zu spät dran. Stattdessen empfehlen die meisten Experten, noch einige Tage oder gar Wochen abzuwarten und dann gezielt nach soliden Einzelaktien zu schauen, die zu sehr gelitten haben. Insgesamt sagen die meisten Banken bis zum Jahresende wieder steigende Kurse voraus.

Was verstärkt den Abwärtstrend?

Es sind unter anderem die Segnungen des modernen Computerhandels. In der jetzigen Zeit, da viele Anleger in Urlaub sind, haben sie zur Absicherung sogenannte Stop-Loss-Limits eingezogen. Das heißt, diese Verkaufsorders werden automatisch ausgelöst, wenn bestimmte Kursschwellen unterschritten werden. Das verstärkt den Abwärtstrend, da zu den vorhandenen Verkaufsorders ständig weitere dazukommen. Werden damit wieder Marken nach unten durchbrochen, kommen automatisch noch einmal Verkaufsorders dazu. So wird aus einem zunächst übersichtlichen Abwärtstrend im Extremfall ein massiver Kurseinbruch.

Wer ist besonders betroffen?

Alle Aktien leiden. Rund 100 Milliarden Euro hat der Dax in den vergangenen Tagen an Börsenwert verloren. Gerade die zyklischen Werte, die in konjunkturellen Boomphasen zuletzt stark gefragt waren, leiden besonders stark.

Ein Paradebeispiel

Die Aktie des Halbleiterproduzenten Infineon steigt stets am stärksten von allen 30 Werten, wenn es mit der Konjunktur bergauf geht. Und sie fällt dann als erste, wenn der Wendepunkt erreicht ist. Das ist auch dieses Mal so. Sieben Prozent lag die Aktie gestern im Minus. Aber auch andere Zykliker wie die Auto-, Bau- und Industriewerte geraten unter Druck. Unter den Bankaktien hat es besonders die Commerzbank getroffen. Rund 20 Prozent betrug der Verlust in den vergangenen sieben Handelstagen, fast 60 Prozent sind es seit Anfang März.

Dies sind die bekannten Fakten. Die Ratingagenturen können sie nicht ignorieren. Sie dürfen es nicht, wenn sie ihre in der Finanzkrise verlorene Glaubwürdigkeit wiedergewinnen wollen. Damals hatten sie viel zu lange stillgehalten, als die Banken bei der Kreditvergabe über die Stränge schlugen. Sie hatten die Krise aktiv befördert, in dem sie Kreditpaketen Bestnoten verpassten, die sie niemals hätten bekommen dürfen. All diejenigen, die jetzt über die Entscheidung von Standard & Poor's zu den USA fluchen, sollten sich fragen, was sie eigentlich wollen: eine Polizei, die rechtzeitig eingreift, oder eine die mit denen, über sie wacht, gemeinsame Sache macht.

Und Standard & Poor's musste handeln: Die Ratingagentur hatte Einnahmeerhöhungen und Ausgabekürzungen von vier Billionen Doller errechnet, die die USA leisten müssten, um ihre Kreditwürdigkeit zu behalten. Republikaner und Demokraten konnten sich aber nach einem unwürdigen Ringen am vergangenen Montag nur auf rund die Hälfte einigen. Dieser müde Kompromiss reicht nicht, ist die konsequente Botschaft der Ratingagentur.

Sie geht heute als weiteres Alarmzeichen um die Welt. Sie zeigt, dass die Lage brandgefährlich ist. Aber sie kommt, bevor der Brand wirklich ausgebrochen ist. Noch ist Zeit, schlimmeres zu verhindern.

Kommentare (4)

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glscm

06.08.2011, 12:30 Uhr

Prinzipiell guter Kommentar, nur glaube ich nicht ernsthaft, dass noch irgendetwas zu retten ist. Das Fazit sollte eher lauten: Die Glut wurde entfacht und jetzt wird die Welt brennen.

Rainer_J

06.08.2011, 12:47 Uhr

Ein weiterer Sargnagel für die Fehlkonstruktion Eurozone und die Schnapsidee "illegaler Rettungsschirm". Denn viele europäische Banken und Versicherungen haben US-Anleihen und am kommenden Montag Milliardenverluste! Soll der deutsche Steuerzahler jetzt auch für Amerika einspringen und die Zinsen zahlen? Langsam wird es irrational.

Account gelöscht!

06.08.2011, 13:02 Uhr

Also ich weiss nicht ob die Ratingargenturen viel zu lange still gehalten haben, als der US-Immobilienmarkt boomte. Greenspan von der FED reduzierte die Zinsen und sprach staendig von der Wohlstandsvermehrung fuer das US-Volk. Zu der Zeit war es wohl fuer jeden Idioten ersichtlich, dass es den Knall geben wird - auf jedem Flecken wurden Immobilien errichtet, die TVs waren voll von Immobilien-Anlage-Sendungen. Greenspan war im Erfolgsrausch, wurde gar als das absolute Genie gehandelt (hinterher wurde nur gesagt - bitte keinen Fingerzeig auf die Schuldigen (Anm. Beguenstigten) - dies hilft nicht).

Greenspan hat kein Problem - er hat seine Pension. Bernanke, sein noch unfaehigerer Nachfolger, lacht und druckt und raubt das Vermoegen der Sparer mit 0 % Zinsen bei doch hoher Inflation (wobei ja auch diese Berechnungsbasis angepasst wurde...).

Ein erster guter Schritt waere endlich die FED zu beseitigen. Dann Neuwahlen.

Ansonsten China! Koennte ja nicht mehr schlimmer werden - oder?

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