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17.12.2011

11:54 Uhr

Kommentar

Die Kapitalismuskritik übersieht den gierigen Staat

VonJosef Joffe

In Deutschland wird zu viel Hegel und zu wenig Hobbes gelesen. Der Staat ist nicht der Inbegriff der Vernunft, wie die Antikapitalisten wähnen. Er ist oft dumm und gierig. Und das im Namen sozialer Gerechtigkeit.

Ein symbolischer Grabstein mit der Aufschrift: „Hier ruht in Frieden die Profitgier“ vor dem Gebäude der EZB. dpa

Ein symbolischer Grabstein mit der Aufschrift: „Hier ruht in Frieden die Profitgier“ vor dem Gebäude der EZB.

"Erkaltet", schreibt Gabor Steingart im Handelsblatt, sei die "einst lodernde Beziehung der Deutschen" zur Marktwirtschaft. Richtiger ist, dass die nie sehr warm war. Viel anheimelnder ist das Verhältnis der Deutschen zum Staat - und nicht erst seit dem Lehman-Crash.

Es muss mit Hegel begonnen haben, der den Staat als gottgleiches Wesen in den Himmel gehoben hat. Und dort schwebt er auch in der deutschen Vorstellung. Auf Erden toben die Selbstsucht, die Gier, die Dummheit. Da oben aber herrscht der "alles vereinende Staat" als "Verkörperung der Vernunft". Er steht für das Allgemeinwohl; er sorgt dafür, dass das "Interesse der Einzelnen" nicht der "letzte Zweck" sei.

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Wie anders der angelsächsische Liberalismus mit seinem skeptischen Menschen- und Staatsbild! Für Locke, Smith und Jefferson war der Staat nicht göttlich, sondern gefährlich, ein schlummerndes Raubtier, das von den Bürgern zum Schutz ihrer Freiheiten an die kürzeste Kette gelegt werden müsse. Dass der Staat seine eigenen Interessen haben könnte, dazu eine vom Staat getragene Klasse, die ständig ihre Macht auszudehnen sucht - dieser Gedanke ist in Deutschland, ja in Kontinentaleuropa kaum zu finden.

Es herrsche, so "FAZ"-Herausgeber Schirrmacher, der "Machtkampf zwischen dem Primat des Ökonomischen und dem Primat des Politischen". Der Markt gewinnt, der Staat verliert, die Demokratie verkommt zum "Ramsch". Deren Erstgeburtsrecht hätten ihr "Ratingagenturen und Analysten" abgeluchst. Habermas beklagt eine "von den Märkten kujonierte politische Klasse", deren Vertreter "an den Drähten der Finanzindustrie zappeln".

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So ähnlich hat schon Marx doziert: der Staat als Erfüllungsgehilfe der Bourgeoisie. So ist es in der ideologischen DNA der Deutschen verankert. Die Wirtschaft ist der Kampf zwischen "schaffendem und raffendem Kapital", zwischen den braven Erzeugern und den Wucherern, die Werte weder haben noch erbringen (als ob kein Bauer sich für seinen Pflug Geld leihen müsste). Der Investor ist "Spekulant", Profitstreben ist "Gier". Das läuft von weit rechts bis weit links. Zwar haben die Finanzakrobaten märchenhaften Reichtum abgeschöpft. Der Denkfehler der Antikapitalisten ist bloß, dass sie an den Drähten Hegels zappeln.

Kommentare (125)

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Account gelöscht!

15.11.2011, 16:16 Uhr

Dieser deutliche Kommentar wurde langsam aber auch Zeit! Wider die dicken Gabriels und GröWaZ' - die Politiker sind diejenigen, die die Staaten in Schieflage gebracht haben. Die Banken waren und sind nur ihre Drogen!
Die Politiker und somit der Staat tragen die Verantwortung! Sie sind diejenigen, die die Kredite aufgenommen haben. Die Banken haben sie nur bereitgestellt. Aber niemand hat die Politiker gezwungen, sich bei den Banken zu verschulden. NIEMAND!
Es ist also eine dümmliche und durchschaubare Dolchstoßlegende seitens der Politiker, die von ihrer eigenen Verantwortung für die kommende Katastrophe ablenken wollen.

dumbo

15.11.2011, 16:18 Uhr

der Witz bei der ganzen Sache bleibt:
es gibt gar keinen Kapitalismus.
ich mag ja doofe - aber wählen muß ich das nicht auch noch.

Account gelöscht!

15.11.2011, 16:21 Uhr

Ich schätze Herrn Joffe sehr und wie meistens, bringt er es auf den Punkt.
Das Dilemma der Deutschen in den letzten 20 bis 30 Jahren, seit der Einheit übrigens besonders schlimm, ist die enorme Staatsgläubigkeit "wenn die da oben das sagen, wird es schon stimmen"
und leider auch die Obrigtkeitshörigkeit.
Ich dachte immer, dies hätten wir nach dem 2. WK überwunden, aber leider ist dem nicht so
Hinzu kommt, dass in der Ära Brandt das gelegt wurde worunter unser Land heute leidet: die ausufernde Sozialhilfe für jedermann, so dass wir heute diese Sozialhilfe-Dynastien haben.
Es wurde damit den Menschen jegliche Eigenvrantwortunggenommen.Heute gehen schon Schulabgägner mit dr größten Selbstverständlich zum Amt, die Eltern kassieren Kidnergeld, aber Verantwortung für ihren Nachwuchs wälzen sie auf uns ab.
Leider macht Merkel jetzt genau das weiter. DDR-Politik eben. Sich das Volk mit Geld untertan machen, ein so abhängiges Volk muckt nicht auf.
Das ist das Problem was wir haben, deswegen wird jeder, der was dagegen sagt, sofort als Populist und sogar als Rechtspopulist beschimpft.
Unsere derzeitge Kasper-Politiker haben sich eingerichtet, gut alimentiert vom Steuerzahler, warum sollten sie was ändern? Sie können ja auch nichts ändern, denn all diese Damen und Herren im Bundestag würden auf dem freien Arbeitsmarkt ja keine Jobs finden, es bleibt ihnen nur die Politik.
So wie die BW zur Unterschichtarmee wird, ist dr Bundestag längst ein Abnsammlung von unterstem Mittelmaß
Übrigens, auch das hat Hegel gesagt:
Was die Erfahrung aber und die Geschichte lehren, ist dieses, dass Völker und Regierungen niemals etwas aus der Geschichte gelernt und nach Lehren, die aus derselben zu ziehen gewesen wären, gehandelt haben.

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