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16.04.2011

08:45 Uhr

Kommentar

Elfenbeinküste - tief gespalten aber nicht verloren

VonWolfgang Drechsler

Abidjan, die einst so lebensfrohe und tolerante Wirtschaftsmetropole der Elfenbeinküste ist in ethnische Blöcke geteilt. Die alte Kolonialmacht Frankreich hat den Bürgerkrieg dort zwar gestoppt, aber die Spaltung bleibt.

Wer in diesen Tagen auf Abidjan schaut, sieht in das Antlitz einer hässlichen Stadt – und eines tief zerrütteten Landes. Die einst so lebensfrohe, tolerante Wirtschaftsmetropole der Elfenbeinküste ist in ethnische Blöcke geteilt, in denen die verschiedenen Volksgruppen des Landes nun strikt getrennt voneinander leben – und sich belauern. Mehr als eine Million Menschen sind vor dem erbitterten Machtkampf zwischen dem international anerkannten Präsidenten Alasanne Ouattara und seinem Gegner Laurent Gbagbo geflohen; jenem Mann, der das Land zehn Jahre regiert hat – und große Schuld an seinem Niedergang trägt.

Erst das Eingreifen der alten Kolonialmacht Frankreich hat den Bürgerkrieg beendet. Es wäre unfair, der Regierung in Paris in diesem Zusammenhang Machtgelüste oder wirtschaftliche Interessen – die Elfenbeinküste ist der weltweit größte Kakao-Exporteur – zu unterstellen. Im Gegenteil: Es ging eher darum zu beweisen, dass die Europäer sich nicht nur in Ölländern wie Libyen engagieren, wenn es gilt, ein Blutvergießen zu stoppen.

Der blutige Kampf gab jenen Skeptikern recht, die seit langem darauf hinweisen, dass eine liberale Demokratie westlichen Zuschnitts nicht einfach auf Afrika übertragbar und gegenwärtig auch untauglich ist, um seine ethnisch oft tief zerklüfteten Krisenländer zu befrieden. Pluralismus und Einparteienstaaten sind eben schwer vereinbar. Fast immer reißt in Afrika der Gewinner einer Wahl alle Macht an sich – und erstickt anschließend die als bedrohlich empfundene Opposition.

Unterstützt wird das noch durch die Apathie der Afrikanischen Union und den Widerwillen ihrer Führer, gegen aufsässige Wahlverlierer vorzugehen. Simbabwe, Kenia, der Kongo oder Angola sind nur einige Beispiele dafür, dass die vom Westen in Afrika eingeforderten Wahlen dort nicht automatisch eine Demokratie schaffen, sondern – ganz im Gegenteil – die Gesellschaften oft nur weiter destabilisieren. Erfreuliche Beispiele wie Ghana bleiben dagegen die Ausnahme.

Die vom Urnengang im November neu aufgerissenen Narben haben die Spaltung der Elfenbeinküste nur noch vertieft. Verschärft wird die ethnisch-religiöse Kluft dort durch starke soziale Unterschiede zwischen den Einheimischen und Millionen von Zugewanderten aus den nördlichen Sahelstaaten, die sich seit langem als Bürger zweiter Klasse fühlen – und seit 2002 gewaltsam gegen die von ihnen empfundene Diskriminierung rebellieren.

Sicher ist, dass Ouattara einer mächtigen oppositionellen Front im Süden gegenübersteht. Schlimmer noch: Seine Legitimation hat durch das Eingreifen der Uno und der Franzosen zu seinen Gunsten schwer gelitten. Im Süden des Landes dürften die Menschen dies als weiteren Beweis dafür empfinden, dass Gbagbo und ihr Land tatsächlich das Opfer einer internationalen Verschwörung sind. Nur wenn es dem neuen Präsidenten gelingt, die Opposition glaubwürdig in den politischen Prozess zu integrieren, und er den Großmut findet, das tief gespaltene Land auszusöhnen, kann die Elfenbeinküste vielleicht noch eine Spaltung nach dem Vorbild des Sudans vermeiden.

Trotz allem ist es ein gutes Zeichen, dass der lange schwelende Konflikt zunächst einmal gestoppt wurde. Denn je länger der Kampf in der Elfenbeinküste währte, desto größer wurde das Risiko, dass andere Staaten wie Liberia oder Ghana in seinen Sog geraten. Dies wäre schon deshalb fatal, weil in Afrika in den nächsten 18 Monaten 20 Wahlen anstehen – die nächste in Nigeria, der zweitgrößten Volkswirtschaft des Kontinents.

Der Autor ist Korrespondent in Kapstadt. Sie erreichen ihn unter: drechsler@handelsblatt.com


Kommentare (2)

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Account gelöscht!

17.04.2011, 08:19 Uhr

Wie auch in Deutschland lassen sich viele politische und wirtschaftliche Probleme mit dem gesunden Menschenverstand, physikalischen Gesetzen oder der Prozentrechnung erklären und lösen.

Um den Einstieg in die Problemlösung zu finden hier mein Tipp der Lesson 1 zur Prozentrechenung.

Der Link: www.schockwellenreiter.de/blog/2011/04/11/realsatire-oder-%C2%BBpeters-woche-zur-prozentrechnung%C2%AB/

1-Gaou

17.04.2011, 11:11 Uhr

"Sicher ist, dass Ouattara einer mächtigen oppositionellen Front im Süden gegenübersteht. Schlimmer noch: Seine Legitimation hat durch das Eingreifen der Uno und der Franzosen zu seinen Gunsten schwer gelitten." - Nicht nur das! Nach den Massakern an der Zivilbevölkerung im ganzen Land durch seine Rebellen hat er jede Legitimation verloren!

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