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06.05.2012

22:47 Uhr

Kommentar

Francois Hollande - der nüchterne Sieger

VonThomas Hanke

Die Ära „Merkozy“ ist zu Ende. Nicolas Sarkozy hat bis zuletzt gekämpft, doch Francois Hollande hat souverän den Sieg eingefahren. Das klare Votum der Franzosen sorgt in Europa auch für Unruhe.

Thomas Hanke

Der Autor

Thomas Hanke ist Handelsblatt-Korrespondent in Paris.

ParisIm Moment der Niederlage und des Sieges schienen die Rollen sich umzukehren: Einem lächelnden Verlierer Nicolas Sarkozy, der würdevoll seinem erfolgreichen Herausforderer gratulierte, von seinen Anhängern Abschied nahm und ankündigte, er werde "künftig ein Franzose wie alle anderen" sein, stand ein sehr ernster Wahlsieger Francois Hollande gegenüber. Schlagartig schien dem Sozialisten noch klarer zu sein, welche schwere Aufgabe auf ihn zukommt: Ein Land aus einer wirtschaftlichen, finanziellen und politischen Krise zu führen, dessen Bürger zu einem Teil den Glauben an die Zukunft verloren haben, zu einem anderen immer noch denken, wenn man die Reichen nur ordentlich melke, werde schon alles gut werden.
Von einem "Neubeginn auch für Europa" sprach Hollande auf dem Marktplatz von Tulle, der Stadt im Département Corrèze, in der er seit Jahrzehnten politisch aktiv ist und wo er gestern gewählt hatte. "Das Mandat, das ihr mir gegeben habt, wiegt schwer, es ist groß, es ist schön." Aus den Worten, die der Sozialist an seine Wähler richtete, sprechen sehr gemischte Gefühle.


Kein Triumph, sondern große Nüchternheit: Die Reaktion Hollandes wiederholte sich auch bei den anderen Mitgliedern der sozialistischen Führung. Fast schon übertrieben zurückhaltend reagierten sie auf den Wahlsieg des Mannes, der vor mehr als einem Jahr seine Bewerbung erklärt hatte und dem damals kaum jemand eine Chance gab.
Während die Wähler der Linken zu Zehntausenden auf die Place de la Bastille zogen, auf die Säule in der Mitte des Platzes kletterten, um die erste Wahl eines sozialistischen Staatspräsidenten seit 17 Jahren zu feiern, blieben die Politiker aus Hollandes Umgebung auf dem Boden. "Heute feiern wir, morgen geht es an die Arbeit, und davon gibt es viel", sagte die Parteichefin der Sozialisten Martine Aubry. Sie, die lange eine der schärfsten innerparteilichen Gegnerinnen Hollandes war, hofft jetzt, von ihm zur Premierministerin gemacht zu werden.

Der Wahlsieger hat noch nicht zu erkennen gegeben, wen er zum Regierungschef macht. Dabei spielt auch der Ausgang der Parlamentswahl im Juni eine Rolle. Die Sozialisten hoffen nun darauf, auch in der Nationalversammlung eine klare Mehrheit zu erreichen. Sie hätten dann soviel Macht wie kaum eine Partei vor ihnen: Staatspräsident, Senat, Regionen und Parlament.

Sarkozy tritt ab, seine Partei UMP steht ohne klare Führung da - trotzdem ist es keine Revolution, was sich gestern in Frankreich vollzogen hat. Der Wahlsieger Francois Hollande ist mehr Sozialdemokrat als Sozialist. In Tulle nannte er bei seiner ersten Rede zwei Prioritäten: Er wolle die Wirtschafts wieder aufrichten und das staatliche Budgetdefizit bekämpfen - zwei Aufgaben, die das Herz der harten Linken nicht eben höher schlagen lassen, die aber zeigen, dass der neue Präsident die richtigen Schwerpunkte setzen will. Die Voraussetzungen dafür, dass Deutschland auch künftig eng mit seinem wichtigsten Partner in der EU zusammenarbeiten kann, sehen also nicht schlecht aus. Hollande seinerseits sagte ausdrücklich, dass er gemeinsam mit der Bundesregierung handeln wolle.

Frankreich in Kürze

Bevölkerung

Rund 65 Millionen Menschen leben in dem stark zentralisierten Staat, der angesichts strikter Trennung von Staat und Kirche traditionell als multikulturelles Sammelbecken gilt. Frankreich, zu dem auch noch Übersee-Gebiete im Indischen Ozean, im Pazifik und in der Karibik gehören, ist mehr als eineinhalb so groß wie Deutschland. Das Land hat eine starke Landwirtschaft, ist aber zugleich eins von Europas wichtigsten Industrieländern.

Technologie

Die Atommacht hat die meisten Kernkraftwerke Europas - weltweit haben nur die USA mehr. Die Franzosen sind stolz auf technologische Spitzenleistungen wie den Superschnellzug TGV und wesentlich beteiligt an den Erfolgen des Flugzeugbauers Airbus und der Ariane-Trägerraketen.

Die Küche

Die französische Küchenkultur schaffte es sogar auf die Liste des immateriellen Weltkulturerbes der Uno-Organisation Unesco.

Konjunktur

Frankreichs Bruttoinlandsprodukt (BIP) wuchs 2010 um 1,5 Prozent und 2011 um 1,3 Prozent. Zum Vergleich: Die deutsche Konjunktur legte 2010 um 3,7 Prozent und 2011 um 3 Prozent zu.

Die Schulden

Bei Frankreichs Staatsschulden sieht es problematisch aus: 2011 hatte Frankreich 1,72 Billionen Euro Schulden. Die Neuverschuldung lag bei 5,2 Prozent des BIP. Deutschland war mit 2,09 Billionen Euro verschuldet, das Defizit lag bei 1,0 Prozent.

Allein mit der Ablösung von Sarkozy durch Hollande ist für Frankreich noch nichts gewonnen. Unser Nachbar ist ein gespaltenes und teils desorientiertes Land. Immer wieder hat der neue Präsident als Kandidat darauf hingewiesen, dass er sammeln, Spaltungen überwinden wolle. Doch die Erwartungen, die sich jetzt an ihn richten, sind sehr unterschiedlich: Viele wollen sofort ein Ende der Austerität, mehr Umverteilung. Andere hoffen, dass er Frankreich vor allem wieder wirtschaftliche Stärke und finanzielle Spielräume verleiht. Doch so häufig Hollande auch gesagt hat, er woll das Defizit beseitigen, und auch wenn er es gestern Abend noch einmal wiederholte: Dies in die Tat umzusetzen, ohne sofort die Unterstützung seiner Wähler zu verlieren, wird neben ökonomischem Sachverstand auch große politische Kunstfertigkeit erfordern. Ersteren hat er, schon durch seine ökonomische Ausbildung und seine beruflichen Erfahrungen. Dass er die Rolle des Staatschefs beherrscht, muss er jetzt noch beweisen. Die direkte Wahl durch das Volk gibt ihm eine Machtfülle, von der ein deutscher Kanzler nur träumen kann. Nun muss er sie mit Geschick nutzen. Behindern könnte ihn dabei, dass er sich kein Mandat für einen entschlossenen Wandel im Sinne von strukturellen Reformen hat geben lassen.

Porträt Hollande: Der nüchterne Herausforderer

Porträt Hollande

Der nüchterne Herausforderer

François Hollande arbeitete sich vom Provinzpolitiker zum Präsidentschaftkandidaten hoch. Im Gegensatz zu Sarkozy gilt der Sozialist als bodenständig und ausgeglichen. Doch gegenüber Europa will er keine Schwäche zeigen.

Was er in den nächsten Wochen und Monaten tun wird, um Frankreichs unter hohen Kosten ächzende Wirtschaft zu stärken, steht noch nicht fest. Sicher ist nur, dass er Steuern erhöhen, eine neue Investitionsbank gründen und mehr Lehrer einstellen will. Damit kann er seine Anhänger beeindrucken, aber nicht die Finanzmärkte, von denen das Land wegen seines Doppeldefizits – Haushalt und Außenhandel – so abhängt. Zudem geht die handfeste politische Arbeit schon deshalb nicht richtig los, weil erst am 17.Juni das Parlament neu gewählt sein wird und dann die endgültige Regierung gebildet werden kann.

Das Netzwerk des François Hollande

André Vallini

Gehört ebenfalls zu denen, auf die Hollande sich verlässt. Heißer Anwärter auf den Posten des Justizministers.

Arnaud Montebourg

Beliebter Globalisierungsgegner mit Vorliebe für griffige Polemiken. Wäre fast über seine deutschlandfeindlichen Äußerungen gestolpert.

Jean-Marc Ayrault

Ruhig, professionell und seit 15 Jahren ein Vertrauter des Kandidaten. Der Deutschland-Kenner hat beste Chancen, nach der Wahl Premierminister zu werden.

Laurent Fabius

War Premier unter Francois Mitterrand und ist ein alter Gegner Hollandes. Spekuliert trotzdem auf das Außenministerium.

Manuel Valls

Kommunikationschef von Hollandes Kampagne. Extrem ehrgeizig, aber nicht immer mit dem richtigen Fingerspitzengefühl gesegnet.

Marisol Touraine

Expertin für Sozial- und Arbeitsmarktpolitik. Könnte Arbeitsministerin werden.

Martine Aubry

Die Parteivorsitzende war eine scharfe Kritikerin Hollandes. Doch nach der Wahl würde sie gerne Premierministerin  werden .

Michel Sapin

Der Autor von Hollandes Wahlprogramm ist einer seiner ältesten Freunde. Er war bereits Finanzminister - und könnte es wieder werden.

Pierre Moscovici

War früher Europaminister - und würde es gerne wieder. Oder noch mehr.

Ségolène Royal

Die sozialistische Kandidatin von 2007 hat sich 2006 von Hollande getrennt. Ihre politische Feindschaft haben die beiden inzwischen begraben.

Stéphane Le Foll

Auch er zählt zu den engsten Getreuen. Der Bretone ist als Europa- oder Landwirtschaftsminister im Gespräch.

Valérie Trierweiler

Die Lebensgefährtin Hollandes war Journalistin - bis sie begonnen hat, im Wahlkampf auch öffentlich als Frau an seiner Seite in Erscheinung zu treten.

Delphine Batho

Hollande-Sprecherin, Expertin für innere Sicherheit und frühere Vertraute von Ségolène Royal. Abgeordnete der Nationalversammlung.

Henri de Castris

Axa-Chef, Hollande-Freund. Hat mit ihm zusammen die Eliteschule ENA absolviert.

Gérard Mestrallet

Leitet den Energie-Multi GDF Suez. Wichtiger Gesprächspartner von Hollande.

Jean-Pierre Jouyet

Der Sozialist leitet die Finanzaufsicht AMF. Eng mit Hollande befreundet und wichtiger Ratgeber für Fragen der Finanzmärkte.

Emmanuel Macron

Partner von Rothschild & Cie. Hat an Hollandes Wirtschaftsprogramm mitgewirkt und könnte eventuell mit in die Leitung des Präsidialamtes berufen werden.  

Mathieu Pigasse

Europa-Vizechef der Bank Lazard. Aktionär von Le Monde und Anhänger von Hollande.

Nicht nur in Frankreich wundert man sich immer noch, dass Hollande es tatsächlich geschafft hat. Als er im März 2011 seine Bewerbung bekannt gab, glaubten ernsthaft nur fünf, sechs Getreue an ihn. Viel hat er dem Glück zu verdanken: Hätte der sexbesessene Dominique-Strauss-Kahn sich nicht selber aus dem Rennen geworfen, wäre der wohl Kandidat der Sozialisten geworden - und von Sarkozy besiegt worden, nachdem Woche für Woche neue unappetitliche Einzelheiten die politische Karriere von DSK knicken.

Doch Hollande hat auch gezeigt, dass ein Außenseiter eine Chance hat, wenn er nur hart genug für den Erfolg arbeitet. Was Hollande ungemein geholfen hat, war die Urwahl des sozialistischen Kandidaten, an der sich alle beteiligten konnten, die sich zur Linken zählen, nicht nur die Parteimitglieder. Sie hat ihn im ganzen Land bekannt gemacht und hat ihm Auftrieb verliehen, sie hat die Anhänger der Sozialisten mobilisiert. Die SPD wird wohl nun verschärft darüber nachdenken, ob sie dieses Modell nachvollziehen will. Schon deshalb, weil die Bundesrepublik das einzige europäische Land ist, in dem die Opposition nicht von der Krise profitiert und die Partei der Regierungschefin unangefochten vone liegt.

Valérie Trierweiler: Von der Journalistin zur First Lady?

Valérie Trierweiler

Von der Journalistin zur First Lady?

Jahrelang berichtete Valerie Trierweiler über die französische Spitzenpolitik, bald könnte sie selbst zu diesem Kreis gehören. Doch eine typische First Lady wird die Frau an Francois Hollandes Seite wohl nicht werden.

Die Krise erklärt zu einem großen Teil Sarkozys Niederlage. Seine Bilanz ist schlecht, was die wirtschaftliche Lage des Landes, die Arbeitslosigkeit und die Chancen der Jugendlichen angeht. Doch er hat relativ knapp verloren, was zeigt, dass er tatsächlich ein beeindruckend guter Wahlkämpfer ist und viele Franzosen trotz seiner manchmal schwer erträglichen Gespreizheit schätzen, was er in den vergangenen Jahren geleistet hat.

Hollande wäre klug, wenn er nicht alles zurückdrehte, was Sarkozy an - begrenzten - Reformen geschafft hat. Er muss eigentlich das Tempo eher erhöhen als bremsen. Zugleich kann er nicht allein wie ein technokratischer Reformer à la Mario Monti agieren. Er ist für fünf Jahre gewählt und muss in dieser Zeitspanne das Land wirtschaftlich grundsanieren und gleichzeitig die Franzosen von den einfachen Lösungen der Populisten und Extremen abbringen.

Kommentare (10)

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ahmet.oeztop

06.05.2012, 23:25 Uhr

Salut Hollande!

Rapid

06.05.2012, 23:34 Uhr

Hollande und die "Realität". Es wird spannend.

Euroland

06.05.2012, 23:34 Uhr

Wir sind dabei . Hollande Mach aus dem Euroland ein Europa .
Egal welche Leistung es fordert , es wird es Wert sein .
Sonst läuft die Welt an uns vorbei . Der Geist Merkels ist immer in der DDR geblieben . Europa brauch mehr als diese Egoistenpartei , Eitelkeiten und Kneipenredner .

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