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02.05.2011

10:12 Uhr

Kommentar

Nach Osamas Tod bleiben viele Fragen offen

VonFlorian Kolf

Der Tod von Osama bin Laden löst weltweit Erleichterung aus. Doch die Welt ist dadurch nicht auf einen Schlag sicherer geworden. Der Kampf gegen den Terrorismus muss unvermindert weitergehen.

Florian Kolf, stellvertretender Chefredakteur Handelsblatt Online Quelle: Pablo Castagnola

Florian Kolf, stellvertretender Chefredakteur Handelsblatt Online

Die Erleichterung in den USA und der Jubel auf den amerikanischen Straßen zum Tod von Osama bin Laden sind verständlich. Die Anschläge vom 11. September und die lange vergebliche Jagd auf den wohl berühmtesten Terroristen der Welt haben ein tiefes Trauma in der amerikanischen Seele hinterlassen. Bin Laden hat der hochgerüsteten Supermacht vorgeführt, wie verwundbar sie trotz aller ihrer Waffen ist. Und dass es zehn Jahre gedauert hat, bis sie die Jagd auf bin Laden abschließen konnte, hat das Gefühl der Ohnmacht quälend werden lassen.

Osama bin Laden war die Symbolfigur des weltweiten islamistischen Terrorismus. Das macht den Erfolg der amerikanischen Terroristenjäger so wichtig. Für US-Präsident Barrack Obama war es der bedeutendste außenpolitische Erfolg seiner Amtszeit. Seine Chancen auf eine Wiederwahl dürften damit entscheidend gestiegen sein. Es ist kein Zufall, dass Obamas Vorgänger Georg W. Bush zu den ersten Gratulanten gehörte. Bush hätte diesen Erfolg gerne schon in seiner eigenen Amtszeit verbuchen können.

Doch bei allen weltweiten Gratulationsadressen darf eins nicht übersehen werden: die operative Führung von Al-Kaida hatten bereits andere übernommen. Bin Laden war zuletzt eher ein intellektueller Führer als ein Kämpfer. Und das von ihm gegründete Terrornetzwerk ist keine straff geführte Organisation, sondern funktioniert längst dezentral.

Gerade die spektakulärsten Anschläge der jüngsten Zeit wurden von regionalen Ablegern der Al-Kaida ausgeführt, die über eigene Kommandostrukturen verfügen. So wird beispielsweise das Attentat auf das Café in Marrakesch der Sektion „Al-Kaida im islamischem Maghreb“ angelastet.

Vergeltungsschläge fürchten müssen insbesondere die USA und Pakistan. Alles was bisher über den Tod von bin Laden bekannt wurde, klingt eher nach einer gezielten Exekution als nach einem zufälligen Treffer im Schusswechsel. Die Meldung, dass bin Laden durch einen Kopfschuss gestorben ist und die Leiche direkt auf See bestattet wurde, statt sie zu obduzieren, wird den Hass unter den islamischen Fundamentalisten weiter schüren.

Auch die Gefahr von Anschlägen in Deutschland dürfte kurzfristig eher steigen. Die Gewerkschaft der Polizei hat bereits vor Racheakten gewarnt und „höchste Wachsamkeit“ gefordert. Nicht zuletzt die jüngsten Festnahmen des Bundeskriminalamtes in Düsseldorf und Bochum zeigen, dass es auch in Deutschland funktionierende Terrorstrukturen gibt – weit abseits der Al-Kaida-Führer in Pakistan.

Mit dem Tod von bin Laden ist eine Schlacht gegen den Terrorismus gewonnen, aber noch lange nicht der ganze Krieg. Denn viele Fragen bleiben offen. Nicht zuletzt nach der Effizienz der internationalen Zusammenarbeit im Kampf gegen den Terror. Denn dass Bin Laden nicht in einer versteckten Höhle, sondern offenbar jahrelang unentdeckt in einer repräsentativen Villa in Pakistan leben konnte, stellt seinen Jägern kein wirklich gutes Zeugnis aus. Und die pakistanische Regierung muss sich fragen lassen, ob sie nicht jahrelang die Hand über den Top-Terroristen gehalten hat.

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