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08.06.2012

11:56 Uhr

Kommentar

Nicht auf unsere Kosten

VonGabor Steingart

Macht Spanien auf unsere Kosten Feierabend? Wer mit dieser Frage Europa untergräbt, liegt falsch. Die europäische Idee ist intakt. Gescheitert aber ist der Glaube, der eine könne auf Kosten des anderen leben.

Gabor Steingart  Andreas Fechner für Handelsblatt

Der Autor

Gabor Steingart ist der Herausgeber des Handelsblatts.

DüsseldorfDie europäische Idee ist von allen Ideen, die dieser Kontinent in den letzten hundert Jahren hervorbrachte, die beste. Und die Krise ist von allen europäischen Krisen die harmloseste. Es gibt viele Gründe, mit dem heutigen Europa zu hadern, aber keinen einzigen Grund, die europäische Idee im Ordner der gescheiterten Visionen abzuheften. Wer sich die Fähigkeit bewahrt hat, durch den Pulverdampf der Tagesgefechte hindurch zu schauen, kann an guten Tagen die Vereinigten Staaten von Europa erkennen.

Doch Optimismus darf kein anderes Wort für Naivität sein. Die europäische Idee ist im Kern keine romantische. Das Versprechen ist das von mehr Wohlstand und mehr Freiheit. Um beide Ziele ist es derzeit nicht gut bestellt.

Im politischen Raum sind 500 Millionen Europäer zum Zuschauen degradiert. Alles kann man auswählen, seine Brotsorte, seine Fluggesellschaft, seinen Ehepartner, den Bürgermeister und den Kanzler. Nur bei der Besetzung des Brüsseler Hofstaates hat der mündige Bürger den Mund zu halten.

Die 27 Kommissare und neuerdings auch die Verantwortlichen der diversen Rettungsschirme werden berufen, aber nicht gewählt. Mit den Finanzdefiziten ist auch das "Demokratiedefizit" gewachsen, das Ralf Dahrendorf schon vor Jahrzehnten monierte.

Wir bewundern die Menschen, die in Ägypten gegen ihren scheinbar vom Schicksal entsandten Präsidenten Mubarak aufstanden. Doch unser kleiner Mubarak heißt Barroso. Eine Verlagerung von noch mehr Kompetenzen an den Brüsseler Hofstaat, wie von Kanzlerin Merkel gestern vorgeschlagen, würde unter den heutigen Bedingungen das Demokratiedefizit noch vergrößern.

Mit der Vermehrung des Wohlstands will es derzeit ebenfalls nicht so recht klappen. Wenn es nur die Staatsschulden wären! Aber zehn von 17 Euro-Staaten weisen ein Doppeldefizit aus: Die Staaten konsumieren mehr, als sie einnehmen, und die Wirtschaft importiert mehr, als sie exportiert. Beide Teile des Ganzen - Privatwirtschaft und Staatlichkeit - saugen also Wohlstand von anderswo ab, lassen sich von den Finanzmärkten und den Importeuren aushalten.

Kommentare (127)

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08.06.2012, 12:17 Uhr

dann müssen wir uns dem Schicksal hingeben, und
weiter zahlen!
aber erstmal die Fahnen ans Auto!!! jetzt ist EURO Fussball
angesagt!

EinBuerger

08.06.2012, 12:17 Uhr

Was heißt "auf Kosten der anderen leben" - das was jetzt in Europa stattfindet ist lediglich eine neue Variante der Kriegführung:

Krieg hat traditionell den Zweck Resourcen und Arbeitskraft des Gegners für sich arbeiten zu lassen.

Genau dasselbe ist jetzt im Gange - nicht mehr militärisch sondern wirtschaftlich. Und das was früher "Gegner" hieß heißt jetzt "Freund der Solidarität fordert". Das Ziel ist aber unverändert - den anderen, in diesem Falle Deutschland für sich arbeiten zu lassen, zu eigenen Gunsten auszubeuten.

Und außerdem treten die Banken jetzt auch als eigenständiger Kriegsteilnehmer auf, der ganz einfach die "kleinen Bürger" für ihre Boni bluten lassen will.

Und Kollaborateure hat es auch schon immer gegeben.
Und wahnsinnige Visionäre die nur ihren Dogmen folgen ebenfalls.

hallowach

08.06.2012, 12:20 Uhr

Danke Herr Steingart für Ihren Artikel, ich habe ihn aufmerksam gelesen und stimme Ihnen zu 100% zu, nur wenn stört Ihre und unsere Empörung.
Wie sie schon oben erwähnen haben wir in erster Linie ein Demokratiedefizit.

Noch nie war eine Regierung so weit weg vom Wille des Volkes und von den Expertenmeinungen.

Merkel wird - und darauf mache ich jede Wette mit Ihnen - einbrechen und den Weg frei machen zu einer endgültigen Schuldenunion.

Barosos Werdegang sollte bitte mal genau recherchiert werden, einiges ist bekannt über den Versager aber es bedarf eines investigativen Journalisten, der die Maske von diesen Satan runterreisst und die Hintermänner aufdeckt.

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