Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

31.10.2011

20:31 Uhr

Kommentar

Stunde Null in Athen

VonGerd Höhler

Der Premier fährt ein überraschendes Manöver. Jetzt werden die Karrten neu gemischt, denn ein „Ja“ der Griechen ist fraglich. Eine Zitterpartie beginnt, die im Finanzcrash enden kann.

Der Handelsblatt-Korrespondent Gerd Höhler berichtet aus Athen. Pablo Castagnola

Der Handelsblatt-Korrespondent Gerd Höhler berichtet aus Athen.

AthenGerade erst schien Griechenland gerettet – ein wenig jedenfalls: der Schuldenschnitt, auf den sich die EU-Staats- und Regierungschefs am vergangenen Mittwoch einigten, versprach dem krisengeschüttelten Land zumindest eine Atempause. Da stößt Premierminister Giorgos Papandreou plötzlich alles um: in einer Sitzung seiner sozialistischen Regierungsfraktion kündigte der Regierungschef am Montagabend völlig überraschend an, dass er die EU-Gipfelbeschlüsse, denen er selbst erst vor fünf  Tagen zugestimmt hat, nun zur Volksabstimmung stellen will.

Die Ankündigung schlug in Athen ein wie eine Bombe. Die Kommentatoren waren zunächst ratlos. Und auch Papandreous EU-Partner, die öffentlichen Gläubiger des Landes, und die Investoren, die Papandreou seit Monaten umwirbt, werden konsterniert und empört sein: Was ist das Wort des griechischen Premiers noch wert? Kann man Papandreou überhaupt noch trauen? Vieles spricht dafür, dass es das, was Papandreou zur Volksabstimmung stellen will, die Beschlüsse des EU-Gipfels der vergangenen Woche, jetzt in sich zusammenbrechen.

Unterdessen fragt man sich in Athen: Was bezweckt der Regierungschef mit diesem Manöver? Das Volk sei der Souverän, es müsse in einer „historischen Stunde“ wie dieser unmittelbar und selbst entscheiden, begründete der Premier seine Entscheidung. „Wir vertrauen den Bürgern, wir glauben an ihr Urteilsvermögen“, sagte Papandreou. Wie die Frage, auf die Griechenlands Wähler mit Ja oder Nein antworten sollen, formuliert sein soll, verriet der Premier noch nicht.

Auch den Zeitpunkt der Abstimmung ließ der Premier offen. Aber wenn es wirklich darum gehen sollte, den Schuldenschnitt vom Volk absegnen zu lassen, kann Papandreou nicht darauf hoffen, dass die Griechen zustimmen. Denn sie wissen: der Haircut wird mit neuen, noch härteren Sparmaßnahmen verbunden sein. Dabei stöhnen die Menschen jetzt unter dem Sparkurs der Regierung. Die Wirtschaft rutscht immer tiefer in die Rezession, immer mehr Jobs gehen verloren. Nach einer gestern veröffentlichten Meldung von Eurostat erreichte die Arbeitslosenquote im Juli 17,6 Prozent. In der Altersgruppe von 15 bis 24 Jahren sind schon mehr als 40 Prozent der Griechen ohne Arbeit.

Die Hoffnung, Griechenlands Wirtschaft werde im nächsten Jahr wieder zum Wachstum zurückkehren, hat sich bereits zerschlagen. Frühestens 2013 erwarten die Volkswirte ein Ende der Rezession. Sollte Papandreou wirklich erwarten, dass die Griechen unter diesen düsteren Vorzeichen dem Schuldenschnitt und weiteren Sparmaßnahmen grünes Licht geben, hätte er wohl jeden Realitätssinn verloren. Erst diesen Monat zeigte ein Meinungsumfrage: 85 Prozent sehen das Land „auf dem falschen Weg“, 92 Prozent sind mit der Regierung unzufrieden.

Kommentare (34)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Antwort

31.10.2011, 20:15 Uhr

Wie soll er denn sonst seine CDS-Millionen einlösen ?

Radek

31.10.2011, 20:21 Uhr

Die Botschaft ist klar. Griechenland ist nicht gewillt seine Souveränität zu verlieren und kehrt lieber zur Drachme zurück als sich als Protektorat der EU-Bürokratie definieren zu müssen.

Pequod

31.10.2011, 20:31 Uhr

Dafür gibt es eine ganz einfache Erklärung, Papandreou ist
die Sache ganz einfach über den Kopf gewachsen, was ei-
gentlich angesichts der hoffnungslosen Lage kein Wunder
ist. In der jetzigen Form ist Griechenland und die EU,
auch wenn Angela Merkel vielleicht noch hofft, daß alles
nur ein Buchungsfehler wie bei der Hypo Real Estate sein
könnte, ganz einfach nicht mehr finanzierbar.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×