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14.09.2011

14:31 Uhr

Kommentar

Untergangspropheten im Blindflug

VonFlorian Kolf

Unter höchstem Zeitdruck will die Regierung den Euro-Rettungsschirm durch den Bundestag bringen. Horrorszenarien sollen übertünchen, dass über Milliardensummen entschieden wird, obwohl wesentliche Informationen fehlen.

Zerstritten über die Euro-Rettung: Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP). dpa

Zerstritten über die Euro-Rettung: Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP).

Es war eine Nacht- und Nebel-Aktion. Am 9. Mai 2010 drückte die Phalanx der selbsternannten Euro-Retter gegen alle Bedenken den europäischen Rettungsfonds durch – damals noch als provisorischer EFSF konzipiert, bald als Dauerlösung ESM. Auf zögernde deutsche Parlamentarier wurde mit einem Horrorszenario Druck gemacht. Vor kollabierenden Märkten wie nach der Pleite von Lehman Brothers wurde gewarnt, vor einem Griechenland-Virus, der alle anderen europäischen Länder mit sich reißt.

Jetzt läuft das gleiche Muster erneut ab. Wieder drängt die Regierung die Abgeordneten zu einer raschen Entscheidung. Wieder werden die Bedenkenträger, zu denen diesmal sogar FDP-Chef Philipp Rösler gehört, mit Untergangsvisionen erschreckt. Alternativen wie eine Staatspleite von Griechenland oder einen Ausschluss des Landes wischt Kanzlerin Angela Merkel pauschal vom Tisch. "Ich glaube, dass wir damit einen Dominoeffekt einleiten könnten, der außerordentlich gefährlich für unser Währungssystem ist", behauptet sie.

Wirklich belegen kann das keiner. Denn obwohl wir bereits seit über einem Jahr über immer größere Rettungsschirme diskutieren, gibt es so gut wie keine Modellrechnungen oder Studien, die die Wirkung von Rettungsschirmen gegenüber möglichen Alternativen wie einem Schuldenschnitt abschätzen.

„Wenn die Bedrohung wirklich so groß ist, wo ist dann der War Room der Bundesregierung oder der EU?“, fragte jüngst ein Unternehmer verständnislos. Wer die unvorstellbare Summe von 750 Milliarden Euro für einen Rettungsschirm bereitstellt, ist gut beraten, auch in ein Team von Experten zu investieren. Doch während die Behörden bei jeder mittleren Sturmflut einen Krisenstab gründen, verlässt sich die Bundesregierung bei der weit dramatischeren Euro-Rettung weitgehend auf Vermutungen. Die Einschätzungen der zahlreichen Ökonomen zur Wirkung von Rettungsschirmen, Staatspleiten und Euro-Bonds jedenfalls könnten nicht widersprüchlicher sein.

Dass jetzt gerade die Unternehmer aufbegehren, ist nachvollziehbar. Keine Firma würde Milliarden für ein Projekt bereitstellen, ohne dass Projektteams, meist unterstützt von Beratern, das Engagement vorher detailliert durchgerechnet haben. Erst wenn ein Business-Plan vorliegt, die Marktbedingungen erforscht und die Risiken abgeschätzt sind, wird die mögliche Investition überhaupt erst der Geschäftsleitung zur Entscheidung vorgelegt. Schließlich geht es um das Geld der Eigentümer oder der Aktionäre.

Kommentare (27)

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blabla

14.09.2011, 15:29 Uhr

Endlich bringt es mal ein Handelsblattredakteur auf den Punkt. 750 Mrd und alles hopplahopp in die Katastrophe.
Regierung + Opposition = Jugend forscht.
Ausnahme Frank Schäffler

RolfDLenkewitz

14.09.2011, 16:00 Uhr

Das sind genau die richtigen Fragen, die schon viel früher gestellt wurden im Internet und in den Blogforen!! Der wichtigste Hinweis ist der des Expertenteams, die Frage nach der Analyse der systemischen Krise und der Wahl der Maßnahmen.

Account gelöscht!

14.09.2011, 16:26 Uhr

Für alle EUROmantiker, EUliten, rot-grünen Gutmenschen:
Es ist doch klar, wo das hinführt, diese "Retterei": Zum Staatsbankrott Deutschlands. Mit Eurobonds spätestens in 2 Jahren. So viel Zeit muss sein. Die Dinge entwickeln sich viel schneller und dramatischer, als ich erwartet hatte - und sonderlich optimistisch war ich nicht.
Der Staatsbankrott Deutschlands durch den Euro ist nicht mehr aufzuhalten. Das ist die einfache, aber eigentlich kaum zu ertragende Wahrheit. Die Politiker versuchen nur, dieses Ereignis in die Zukunft zu schieben - in die Verantwortung der dann tätigen Politiker. Menschlich verständlich? Nein, an Perfidie nicht zu überbieten.
Wenn der einfache Michel nur begreifen würde, was die EZB mit den Staatsanleihenkäufen macht, was target-2 bei der Bundesbank im Eurosystem bedeuten, was der ESM eigentlich wirklich beeinhaltet... er würde die Augen verdrehen und ungläubig den Kopf schütteln, dass ihm das von deutschen Politiker angetan wird.
Aber das ist leider die Wahrheit.
Deutschland und die EU sind auf dem Weg in die größte soziale, wirtschaftliche und politische Katastrophe seit 1945! Gedanklich vorbereitet von Typen wie Helmut Schmidt, weitergeführt von Helmut Kohl, Hans-Dietrich Genscher... die Statthalter von heute: Merkel und Schäuble vollenden im Glauben an eine Utopie die Zerrüttung der Staatsfinanzen Deutschlands. Rot-grün belügt die Bevölkerung mit der heilenden Wirklung von Eurobonds - die allerdings machen den deutschen Staatsbankrott ABSOLUT UNAUSWEICHLICH.
Wer trägt dann die Verantwortung? Vor welchem Gericht verantworten sich die Politiker? Wer befragt das BVerfG, dass weder das deutsche Volk noch das GG geschützt hat? Das sind Fragen, die schon heute zu diskutieren sind. Und die Skeptiker werden diese Worte hoffentlich schön im Ohr behalten! Denn keiner soll sagen, er hätte es nicht wissen können!

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