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07.10.2011

16:08 Uhr

Kommentar

Wall-Street-Kritiker schrecken Investoren auf

VonRolf Benders

Was sich die Politiker nur ansatzweise getraut haben, erreichen nun die Demonstranten und Investoren: Sie werden die Banken zwingen, sich drastisch zu verkleinern.

Jugendlicher in Austin protestiert gegen die Macht der Banken. dapd

Jugendlicher in Austin protestiert gegen die Macht der Banken.

Demonstrationen gegen die „gierigen Banker“ der Wall Street hat es in den USA in der Vergangenheit immer mal wieder gegeben. Bislang perlten solche Proteste an den Herren in den Maßanzügen wirkungslos ab. Doch dieses Mal ist alles anders. Denn nicht nur die demonstrierenden Bürger haben das Vertrauen in die Finanzkolosse und ihre Manager verloren. Auch die Investoren glauben längst nicht mehr daran, dass Banken so groß und so komplex sein müssen wie heute und dass sie von den richtigen Leuten geführt werden. Es bewahrheitet sich derzeit ein Spruch, den man bislang nur als langweilige Zutat von Sonntagsreden wahrnahm: Ohne gesellschaftliche Akzeptanz sind Firmen und ganze Branchen langfristig dem Untergang geweiht.

Vor allem die in den USA vom Volk gewählten Staatsanwälte haben längst auf den Stimmungsumschwung der Bürger reagiert. Sie überziehen die Finanzinstitute wegen ihres unfairen Verhaltens gegenüber dem Verbraucher im Hypothekenboom vor der Krise mit milliardenschweren Klagen. Dies wiederum ruft die Investoren – meist Fondsmanager – auf den Plan, denen in diesem Fall eine überraschend wichtige gesellschaftliche Rolle zukommt. Vordergründig fürchten sie angesichts dieser Klagen um ihre eigenen Gewinne. Tatsächlich verwalten sie aber nicht ihr eigenes Geld, sondern die Rücklagen oder die Altersvorsorge jener Menschen, deren Unmut die Demonstranten derzeit Ausdruck verleihen. Im Ringen mit den Bankmanagern um die richtige Geschäftsstrategie werden sie sozusagen zum Sprachrohr der Bürger. Und ihr Urteil ist vernichtend. Die Kurse aller Bankaktien kennen derzeit nur eine Richtung: abwärts.

Es ist schwer vorstellbar, dass sich das in absehbarer Zeit ändert. Dafür ist das Vertrauen der Profianleger in die Führungskräfte der Bankenbranche zu stark angeschlagen. Auffälligster Beleg ist die öffentliche Telefonkonferenz, mit der Brian Moynihan, Chef des US-Branchenführers Bank of America, im Sommer das Vertrauen der Investoren zurückgewinnen wollte. Über 6000 Teilnehmer lauschten seinen Beteuerungen, dass seine Ergebnisprognosen ehrlich und das Institut an der Börse unterbewertet sei. Das Ergebnis: Die Aktie fiel weiter.

Gelingt es den Bankmanagern nicht, das Vertrauen in ihre Institute wiederherzustellen und für eine Erholung der Kurse zu sorgen, greifen die kalten Mechanismen des Kapitalismus. Denn die Aktien der meisten US-Großbanken notieren unter dem Liquidationswert der Firmen. Früher oder später werden Investoren fordern, Geschäftssegmente zu verkaufen und die Erlöse an die Aktionäre auszuschütten.

Mit anderen Worten: Die Akzeptanz- und Vertrauenskrise, in der die Banken stecken, wird sie zwingen, sich selbst zu zerlegen. Es passiert also genau das, was die Bankenlobby im Kampf gegen die Regulierungsgesetze bislang verhindert hat. Mit etwas Glück steht am Ende ein weniger komplexes und stabileres Finanzsystem.

Kommentare (3)

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Pendler

07.10.2011, 16:22 Uhr

Auch wenne s sich am Anfang anders anhört, aber nur vor der Stimme des volkes haben die Bankster Angst.

Sie wissen genau, dass die Stimmung detr 99% so gegen sie gerichtet ist, dass man nur nocgh einen kleinen Funken braucht und schon knüpft man sie auf.

Sehr oft hat es das in der Geschichte gegeben, dass sich die Massen gegen die Geldhaie oder Wechsler zur Wehr gesetzt haben.

Schon Jesus hat damals den Tempelvorhof von diesen "Geldwechselern" gereinigt und immer wieder hat es ganu das in der Geschichte gegeben, dass man diesen Abschaum, der sich wie Zecken vom "Blut" der 99% ernährt, abgeschüttelt hat.

Und wieder iste s soweit, dass die Illuminaten uns den Hahn abdrehen wollen. Doch die Helden in den USA setzen sich zur Wehr. Begannen hat es in der Tea-Party, die eine massive Gegenposition zur FED aufgebaut haben.

Die 99% - Bewegung ist die 2. Welle

Mal sehen, wenn die 3. Welle kommt, ob das der "Geldelite" gut bekommen wird.

dparvus

07.10.2011, 18:56 Uhr


Der Artikel ist, wie viele im Handelsblatt gerade in den letzten Wochen, neutral und sachlich. Es ist erfrischend zu sehen, daß wenigstens diese Zeitung noch einen freien, unabhängigen Journalismus pflegt. Viele der früher auch einmal kritischen und offenen Zeitungen, der früheren Standardblätter, empfinde ich heute als Staatspresse unserer Regierung, die Schritt für Schritt die Demokratie abzuschaffen sucht, keine Volksbegehren/ -befragungen, keine freie Presse, keine unabhängigen Journalisten, wir kriegen täglich von Merkel und Co. vorgebetet, was wir denken oder wollen müssen. Wir brauchen neue Parteien. dparvus

Account gelöscht!

08.10.2011, 06:38 Uhr

Zum finanziellen Untergang gehören immer zwei: Einer will auf Kredit leben, der andere gibt den Kredit.

Wenn das dann in einem Desaster endet, haben beide es zu verantworten. Ein großer Teil der 99 % wollte Konsum auf Pump, ohne an Tilgungen und Zinsen zu denken.

Davon wollen sie natürlich jetzt nichts hören; aber sie haben kräftig zu den unverantwortlichen Verhaltensweisen der Finanzinstitute beigetragen.

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