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28.10.2011

11:19 Uhr

Kommentar

Wenn ich ein Grieche wäre

VonGabor Steingart

Den Schuldenschlamassel hat Griechenland selbst zu verantworten. Die Depression dieser Tage aber ist aus Brüssel, Berlin und Paris importiert. Ein Kommentar von Gabor Steingart.

Handelsblatt-Chefredakteur Gabor Steingart. Uta Wagner für Handelsblatt www.uta-wagner.com

Handelsblatt-Chefredakteur Gabor Steingart.

DüsseldorfWer zu Gast bei Freunden war, will hinterher sagen können: Es war schön. Man habe sich wohlgefühlt und sei beeindruckt gewesen von dem, was man gehört und gesehen habe. Im Falle der Recherchereise nach Griechenland, die ein zwanzigköpfiges Handelsblatt-Team in dieser Woche unternahm um sich im Epizentrum der Krise zu informieren, ist ein solch wohliger Rückblick leider nicht möglich.

Sicher: Wir haben in den vergangenen Tagen mutige Unternehmer getroffen, die sich gegen die Krise stemmen. Eine Krise, die stärker ist als sie selbst. Wir haben tapfere Beamten in ihren zerschlissenen Büros besucht. Sie versuchen dem Anarchischen eine Ordnung zu geben. Wir sprachen mit Politikern, die sich der historischen Stunde bewusst sind, in die sie vom Schicksal hineingestellt wurden.

Aber der vorherrschende Eindruck war ein anderer: Wir haben ein erschöpftes Land vorgefunden. Ein Land, das doppelt leidet: Am selbstverschuldeten Schuldenschlamassel und an jener europäischen Rettungspolitik, die alles noch schlimmer macht. Die Bilanz der Helfer könnte trostloser kaum sein: Die Wirtschaftsleistung sinkt, die Arbeitslosigkeit steigt, die jungen Leute träumen von einem Leben im Ausland. Und: Das Staatsdefizit schießt durch die Decke als sei nichts gewesen.

Solche Schuldenberge wird man nicht durch Schrumpfung der Wirtschaftskraft los. Obwohl das Land das härteste Sparpaket in Gang setzte, das sich je ein westliches Land außerhalb von Kriegszeiten zumutete, stieg die Verschuldung seit Ende 2009 um 55 Milliarden Euro; gemessen an der Wirtschaftskraft legte sie von zuvor 127 Prozent der Wirtschaftskraft auf nunmehr 167 Prozent zu. Man kann sich keine Muskeln anhungern.

Wenn ich Grieche wäre, ich würde meinen Helfer wegen vorsätzlicher Körperverletzung verklagen. Und bei Einbruch der Dämmerung stünde ich mit den anderen auf dem Syntagma-Platz vor dem Parlament, um mein Missfallen über eine Krisenpolitik kundzutun, die krisenverschärfend wirkt.

Die Abwärtsspirale dreht sich immer schneller. Der Schuldenschnitt, der gestern Nacht in Brüssel verabredet wurde, wird den Verfall Griechenlands bremsen, aber nicht stoppen. Er kommt vor allem anderthalb Jahre zu spät. Wenn man die Schulden damals halbiert hätte, würde das Defizit heute unter 100 Prozent der Wirtschaftskraft liegen. So aber bleibt Griechenland der Zutritt zum Kapitalmarkt auf absehbare Zeit versperrt.

Kommentare (64)

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Danke_Beckmann

28.10.2011, 11:13 Uhr

Gestern gab es die beste Sendung seit langem zum Thema bei Beckmann.
Kann man sich über die erste.de Mediathek nochmals ansehen.

Und hier ein hervorragender Kommentar zur Sendung in der faz.de:
http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/f-a-z-fruehkritik-beckmann-sich-verfluessigender-boden-11509065.html

Von Prof. Franz Hörmann würde ich gerne mal mehr hören.
Gegen sein brillantes Fachwissen sah Wirtschaftsminster Rösler wie ein dummer Schuljunge aus!

petr

28.10.2011, 11:19 Uhr

Dem Kommentar von Herrn Gabor Steingart ist nichts und gar nichts mehr hinzuzufügen.
Danke Herr Steingard

Kurt

28.10.2011, 11:20 Uhr

So wie in Griechenland sieht es auch bald bei uns aus !
Und schlimmer
Die korrupten und Politiker, Vasallen der Hochfinanz haben den Auftrag uns in die Armut und Abhängigkeit zu treiben.
Und das Volk schläft weiter.......

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