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06.12.2011

06:59 Uhr

Kommentar

Wer sitzt am längeren Hebel?

VonOliver Stock

Die Entscheidung von S&P hat den zarten Optimismus der Euro-Retter im Keim erstickt. Doch es hilft nichts: Sie müssen ihren eingeschlagenen Weg weitergehen.

Oliver Stock

Oliver Stock, stellvertretender Chefredakteur des Handelsblatts

DüsseldorfDas Muster ist immer das gleiche: Nach langem Zögern, das oft angeführt wird von Deutschlands Kanzlerin Angela Merkel, entschließen sich die Europolitiker einen nächsten Schritt zu machen, um der Schuldenkrise auf ihrem Kontinent Herr zu werden. Die Freude über den Entschluss währt dann ein paar Stunden. Länger dauert es in der Regel nicht, bis der mühsam errungene Schritt von all denen, die ihr Geld in Sicherheit bringen wollen und Marktteilnehmer genannt werden, wieder überholt wird.

Genau nach diesem Muster ist es auch jetzt gelaufen. Merkel und Sarkozy retten und verkünden am Abend, den Rettungsschirm ESM schneller in Kraft treten zu lassen. Drei Stunden später kommt die Ratingagentur S&P und verpasst den Euroländern, die bei ihr bislang noch uneingeschränkt gut dastanden, einen negativen Ausblick. Schon ist es blitzschnell vorbei mit der Herrlichkeit. Schon steckt die Politik wieder in der Defensive.

Was tun? Es bleiben theoretisch zwei Möglichkeiten: Möglichkeit Nummer eins ist, dass die Politik ihre Entscheidungen beschleunigt. Dass es ihr gelingt, sich an die Spitze der Bewegung und nicht hintenan zu stellen. Dass sie die Märkte überrascht und ihnen nicht hinterher hetzt. Das Dumme an dieser Idee ist, dass sie angesichts des Abstimmungsbedarfs unter 17 Eurostaaten, die unterschiedliche Interessen haben, kaum umzusetzen sein wird.

Bleibt die zweite Möglichkeit. Sie besteht darin, grundsätzlich klarzumachen, dass Europa am Euro festhalten wird, koste es was es wolle, und ansonsten das Votum der Marktteilnehmer, so gut es geht, zu ignorieren. Dahinter steckt die Überzeugung, dass letztlich die Politik und nicht die Finanzwelt am längeren Hebel sitzt. Merkel und die Euroretter setzen auf diese Lösung, weil sie keine andere Wahl haben. Drücken wir Ihnen die Daumen!

Die EZB-Notoperation: Gutes oder schlechtes Signal?

Der Feuerwehreinsatz

Der gemeinsame Feuerwehreinsatz der großen Notenbanken der Welt erinnert an die schlimmsten Zeiten der Finanzkrise. Zunächst reagierten die Börsen euphorisch auf die Ankündigung vom Mittwoch, die Geschäftsbanken leichter, billiger und länger mit US-Dollar zu versorgen. Doch weil die Probleme gewaltig sind - Euro-Schuldenkrise, Konjunktursorgen und fehlendes Vertrauen in die Finanzwelt - wird weiterhin mehr Einsatz vor allem von der Europäischen Zentralbank (EZB) gefordert.

Was brachten frühere Einsätze der EZB?

Bereits im August 2007 griff die EZB erstmals seit den Terroranschlägen in den USA vom 11. September 2001 zu einem drastischen Mittel und pumpte in großem Stil frische Milliarden in den Geldmarkt. Der Feuerwehreinsatz wurde zum Auftakt einer ganzen Serie solcher Hilfsaktionen rund um den Globus. Die Hoffnung, die Ausbreitung der US-Kreditkrise auf Europa im Keim zu ersticken, erfüllte sich damals nicht.

Am 8. Oktober 2008, kurz nach der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers, senkten sechs große Notenbanken gleichzeitig ihre Leitzinsen. Die Panik an den Börsen konnten sie nur kurz eindämmen, aus der Finanzkrise wurde eine weltweite Bankenkrise.

Ist das jetzige Eingreifen der Notenbanken ein positives Signal?

Einerseits zeigt der Schritt, dass die Notenbanken den Ernst der Lage erkannt haben. Die Maßnahme signalisiere „hoffentlich eine neue Phase in der wahrgenommenen Dringlichkeit, die negative Vertrauensspirale zeitnah zu stoppen“, erklärt Michael Krautzberger, Leiter des europäischen Rentenfondsteams von Blackrock. Die Zentralbanken beweisen Handlungsfähigkeit, während sich Europas Regierungen schwertun, gemeinsame Lösungen gegen die Krise umzusetzen. Anderseits belegt der überraschende Notfalleinsatz, dass die Lage an den Geldmärkten extrem angespannt ist. Viele Banken kamen zuletzt kaum noch an frisches Geld: Investoren hielten sich zurück, das Misstrauen der Institute untereinander nahm deutlich zu.

Was bringt die gemeinsame Aktion?

Die Notenbanken kaufen Zeit. Banken, die in Finanznöte zu rutschen drohten oder schon Engpässe haben, verschafft die Dollar- Flut eine Atempause. Das könnte auch die Lage auf dem Kreditmarkt entspannen: Zuletzt war die Sorge größer geworden, die Banken würden den Kredithahn zudrehen, weil sie wegen neuer Regeln eigene Kapitalpuffer um Milliarden aufstocken müssen und zugleich immer schwerer an frisches Geld kommen. Die EZB kommt in einer aktuellen Befragung von mehr als 8300 kleinen und mittleren Unternehmen im Euro-Raum zu dem Ergebnis, von April bis September 2011 habe sich „der Zugang zu Bankkrediten verschlechtert“. Zudem seien „die Erfolgsquoten bei der Beantragung von Bankkrediten etwas gesunken“.

Konnten die Notenbanken die Lage entspannen?

An den Börsen kam die Aktion der weltweit wichtigsten Notenbanken gegen eine Kreditklemme gut an. In vielen Euro-Ländern gingen die Risikoaufschläge für Staatspapiere zurück. Dagegen nahmen die Spannungen im europäischen Bankensystem zu: Erstmals seit fast eineinhalb Jahren parkten die Institute mehr als 300 Milliarden Euro bei der EZB. Normalerweise leihen sich Banken solches Geld untereinander, weil sie für kurzfristige Einlagen bei der Notenbank kaum Zinsen bekommen. Dass die „Übernacht-Einlagen“ bei der EZB nun auf den höchsten Stand seit Ende Juni 2010 gestiegen sind, zeigt, wie sehr sich die europäischen Banken mittlerweile wieder misstrauen.

Was muss noch passieren, um die europäische Schuldenkrise zu lösen?

Mancher Volkswirt unterstützt inzwischen Forderungen etwa der französischen Politik, die EZB müsse noch aggressiver gegen die Krise vorgehen: Die Notenbank müsse endlich klar machen, dass sie bereit ist, notfalls unbegrenzt Staatsanleihen zu kaufen. Nur so könne verhindert werden, dass mit Italien die drittgrößte Volkswirtschaft der Euro-Zone stürze - und den Euro insgesamt mit in den Abgrund reiße. Die EZB pocht auf Unabhängigkeit, ihr Präsident Mario Draghi bekräftigte am Donnerstag, die EZB könne Schuldenstaaten nur in begrenztem Umfang mit dem Kauf von Staatsanleihen helfen: „Die Regierungen müssen - einzeln und gemeinschaftlich - ihre Glaubwürdigkeit gegenüber den Finanzmärkten wiederherstellen.“

Was ist die Kehrseite solcher Interventionen von Notenbanken?

Kritiker warnen vor allem vor ausufernder Inflation infolge der Geldflut. „Wenn so viel Liquidität zusätzlich in Umlauf gesetzt wird, dann wird zwar nicht in den nächsten ein, zwei Jahren Inflation ausbrechen, aber danach muss man deutlich damit rechnen“, sagte Wim Kösters, Vorstand beim Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung, am Donnerstag im Deutschlandfunk. Das Geld der Zentralbanken sei „eine weitere Eskalation der Krise“. Befürworter weit geöffneter Geldschleusen halten dem entgegen, ein Großteil der Rettungsmilliarden komme nicht in der Wirtschaft an, weil die Banken vieles davon wegen der Krise derzeit nicht verliehen. Die EZB müsse nur rechtzeitig überschüssige Liquidität wieder aus dem Markt ziehen.


Kommentare (33)

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06.12.2011, 07:17 Uhr

Herr Stock, Politik gegen die Märkte wird immer scheitern. IMMER! Das ist sogar wissenschaftlich belegt.
Also wird es in einer Katastrophe enden! Auch gut! Jeder sollte das ins Kalkül ziehen - alles Anderes ist grob fahrlässig. Also der deutsche Staatsbankrott mit allen sich darauf ergebenden Problemen: sozial, wirtschaftlich, politisch!

Account gelöscht!

06.12.2011, 07:28 Uhr

Wenn wir die Demokratie behalten wollen, müssen wir darum kämpfen:
Gegen die Märkte, gegen die absolute Macht des Geldes.

@ Miss_Trauen
Im Rahmen dieses gescheiterten marktwirtschaftlichen Systems habe sie recht, aber wie heißt es auch: Der Krug geht zu Brunnen, bis er bricht. Und diese philosophische Binsenweisheit von Qualität und Quantität haben schlaue Köpfe weit vor Marktwirtschaft und Co. erkannt.

Account gelöscht!

06.12.2011, 07:31 Uhr

Sehr geehrter Herr Chefredakteur, kein Wort zur Rolle der Ratingagenturen? Sie reden bei ihrer zweiten Handlungsalternative davon, dass die Politik versuchen könnte, sich dem Votum der Marktteilnehmer zu widersetzen.

Handelt es sich dabei tatsächlich um die Ansicht der Märkte oder nicht etwa um die Meinung einer Privatfirma, der man vertrauenderweise in früherer Zeit eine viel zu große Macht eingeräumt hat?

Mir fehlt die kritische Betrachtung dieser Fehlkonstruktion des Finanzsystems. Erkennen Sie diesen Konstruktionsfehler nicht oder wollen/dürfen Sie nicht?

Werden Sie ihrer Verantwortung endlich gerecht und klären Sie ihre Leser auf. Bisher kann ich nur erkennen, dass Sie ein willfähriges Werkzeug in den Händen der Finanzindustrie sind.

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