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25.11.2014

17:04 Uhr

Kommentar zu Ferguson

Tod aus der Polizeiwaffe

VonNils Rüdel

Notwehr oder Gewalt-Exzess? Der Fall des Polizisten Darren Wilson aus Ferguson zeigt, wie groß die Angst auf Amerikas Straßen ist – bei Bürgern wie auch bei Ordnungshütern. Volk und Staat liefern sich ein Wettrüsten.

Polizist mit Dienstwaffe: „berechtigte Angst angesichts der Feuerkraft, mit der sie jeden Tag konfrontiert werden“. Getty Images

Polizist mit Dienstwaffe: „berechtigte Angst angesichts der Feuerkraft, mit der sie jeden Tag konfrontiert werden“.

DüsseldorfWer in den USA Auto fährt und von einem Polizisten angehalten wird, sollte dringend ein paar Dinge beachten. Erstens, die Hände gut sichtbar aufs Lenkrad legen. Zweitens: keine hektischen Bewegungen machen. Drittens: bloß nicht aussteigen, es sei denn, der Officer verlangt danach. Sonst wird es gefährlich – zumal dann, wenn man schwarze Hautfarbe hat und schon deshalb als verdächtiger gilt als andere.

Amerikanische Polizisten fackeln nicht lange, von ihrer Waffe Gebrauch zu machen. Das hat auch der farbige Jugendliche Michael Brown mit dem Leben bezahlt, der im August in Ferguson von dem weißen Polizisten Darren Wilson mit mehreren Schüssen getötet wurde. Brown war unbewaffnet gewesen. Die Entscheidung einer Grand Jury, Wilson nicht anzuklagen, hat nun erneut eine Welle gewaltsamer Proteste ausgelöst. Auch der 12-jährige Tamir Rice aus Cleveland starb am Wochenende durch eine Polizeiwaffe, nachdem er mit einer echt aussehenden Spielzeugpistole herumgefuchtelt hatte. Ob in beiden Fällen vermeintliche Notwehr oder Überreaktion – diese Frage müssten Gerichte klären.

Unabhängig davon zeigen die Fälle Brown und Rice aber, mit welchen – tatsächlichen oder angenommenen – Gefahren es Bürger wie Ordnungshüter täglich auf Amerikas Straßen zu tun haben. Dort ist eine Spirale der Aufrüstung im Gange, und allzu leicht gerät man in die Schusslinie.

Nils Rüdel

Nils Rüdel ist Ressortleiter Politik bei Handelsblatt Online. Zuvor war er USA-Korrespondent in Washington und New York.

Wer als Polizist, Wachmann oder Kaufhausdetektiv einen Verdächtigen zur Rede stellt, muss stets damit rechnen, als nächstes in die Mündung einer Schusswaffe zu blicken. Deshalb ist es auch nicht ungewöhnlich, wenn selbst der Türsteher in einer Strandbar eine Neun-Millimeter um die Badehose geschnallt hat. Sturmgewehre für Hobbykrieger, Revolver für die Damenhandtasche oder das rosa Minigewehr für Kinder: Geschätzte 300 Millionen Feuerwaffen sind in den USA in Privathand – fast so viele, wie es Bürger gibt. Natürlich ist die übergroße Mehrheit der Waffenbesitzer gesetzestreu. Aber rund 30.000 Tote durch Schusswaffen jedes Jahr sprechen ihre eigene Sprache.

Eine Stadt im Ausnahmezustand

Verstörende Bilder: Die Nacht in Ferguson

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Auf der anderen Seite: 48 im Dienst getötete Beamte im Jahr 2012. Und so rüstet auch die Staatsmacht auf: Police Departments übernehmen Panzer, Helikopter, Truppentransporter und anderes Kriegsgerät von der Armee, SWAT-Spezialkommandos rücken zunehmend zu Routineeinsätzen aus, die Polizei darf verdachtslos Bürger stoppen und durchsuchen („Stop and frisk“). Selbst Anti-Gewalt-Aktivisten wie Ladd Everitt von der Coalition to Stop Gun Violence sagen: „Polizisten haben berechtigte Angst angesichts der Feuerkraft, mit der sie jeden Tag konfrontiert werden.“

Kommentare (10)

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Herr garry Auspa

25.11.2014, 17:23 Uhr

Das sehe ich auch so wie der Autor.
Wer da alles bei uns mit Waffen rumfuchtelt ist schon erschreckend.
Da gehen 12jaehrige mit ihrem Vater auf die Hirsch Jagd, da kommen in Suedchicago dutzende von jungen Leuten durch Schießereien um.
Da werden unschuldige Kinder von einem Verrueckten erschossen.
Eine Reaktion auf lange Zeit erfolgt nicht.
In den USA geht es mit Waffen Umgang wie in Deutschland mit der Geschwindigkeit Begrenzung.
Es wird geredet und nichts getan.
Wie das Problem zu lösen ist,weiß keiner oder will keiner wissen.
Man beruft sich auf das zweite Amendment der Verfassung.
Die Politiker die dagegen sind werden defamiert
oder als schlechte Amerikaner dargestellt,die die Verfassung und die sogenannte Freiheit des Individuums missachten.
Eine traurige Geschichte,in einem Land mit vielen Ignoranten.

Herr Torsten Steinberg

25.11.2014, 17:34 Uhr

"Volk und Staat liefern sich ein Wettrüsten."
Das Recht auf Waffenbesitz ist in den USA ein Fetisch. Die Privathaushalt sind durchschnittlich in einem Maße mit Schusswaffen ausgestattet, wie es hier glücklicherweise nicht vorstellbar ist. Es gibt dafür verschiedene Ursachen, aber bestimmt nicht die, dass man glaubt, gegen die staatliche Ordnungsgewalt gerüstet sein zu müssen. Die Behauptung eines Wettrüstens zwischen Volk und Staat ist reine Idiotie!

"Ob in beiden Fällen vermeintliche Notwehr oder Überreaktion..."
Nach nur wenigen Zeilen der zweite Faux-pas des Verfassers. Da will man schon nicht mehr weiterlesen. Im Sinne der Pauschalisierung werden hier zwei Fälle in einen Topf geworfen, die nicht miteinander vergleichbar sind. In einem Fall war der Täter bewaffnet (Wer soll wissen, ob es sich um eine Spielzeugpistole handelt?) und soll auch nach dieser Waffe gegtriffen haben. Im anderen Fall war der Täter unbewaffnet und hat angeblich auch keine Anstalten gemacht, Widerstand zu leisten. Allein daraus, dass beide Opfer schwarzer Hautfarbe sind, kann man kein System konstruieren.

Wirklich schlimm ist aber, dass das Verhalten des Fergusson-Polizisten nicht einmal eine juristische Untersuchung erfahren soll. Eine Jury, die so mit dem Feuer berechtigter, öffentlicher Empörung spielt, wirft den Verdacht auf, vom Gedankengut des Klu-Klux-Clans infiziert zu sein.

Herr Peter T. Kroeger

25.11.2014, 18:01 Uhr

Ich würde weder in den USA noch heutzutage hier Polizist sein.
Da stehen am Ende immer die Falschen im Regen.
Gleichwohl habe ich für überreagierendes Abschießen Jugendlicher oder Kinder ebensowenig Verständnis wie für Gerichte oder Jurys bzw. Grandjurys, die obendrein wenig nachvollziehbar frei sprechen oder die Anklage erst gar nicht zulassen.
Auch in den USA lernen Polizisten neben tödlichen auch schlicht verwundende Schüsse, etwa in Arm oder Bein.
Das dürfte - jedenfalls bei Einzelkonfrontation - als letztes Mittel, denn davor dürfte zwingend der Warnschuss liegen müssen - regelmäßig ausreichen.

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