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11.08.2011

21:58 Uhr

Kommentar zu Krawallen

England als Fanal einer zerfallenden Gesellschaft

VonFrank Wiebe

Proteste, wie die in Großbritannien, die zu offener Gewalt ausarten, haben oft wenig mit echtem Geldmangel zu tun. Was stärker fehlt, sind soziale Bindungen. Und nicht nur das.

Folgen der Randale in London. Quelle: dpa

Folgen der Randale in London.

DüsseldorfIn englischen Städten werden Geschäfte geplündert, Häuser brennen, es gibt sogar Tote. In anderen Ländern findet weniger brutaler Protest auf der Straße statt, in Israel, in angeschlagenen Euro-Ländern wie Griechenland und Spanien. Kommt nach der Schuldenkrise die soziale Krise?

Logisch wäre das: Die Finanzkrise hat dafür gesorgt, dass die Staaten sich verschulden, nun müssen sie ihre Leistungen kappen - und die betroffenen Bürger gehen auf die Straße. In Großbritannien haben die Jugendlichen aber nicht die Lebensmittelläden geplündert, sondern sich mit Bildschirmen und Handys eingedeckt. In Israel war nicht der Brotpreis Auslöser der Proteste, sondern der teure Hüttenkäse. Und in Griechenland und Spanien gehen auch Jugendliche auf die Straße, die zu Hause noch ganz gut versorgt sind.

Geldprobleme allein erklären es nicht. Das macht die Sache noch schwieriger. Selbst ein üppig ausgestatteter Staat kann außer Geld häufig nicht viel bieten. Das ist das Elend jedes Sozialstaats: Er ist wichtig, er ist teuer - allein aber machtlos gegen den Zerfall der Gesellschaft.

Wie sieht es in Deutschland aus? Wir haben zum Glück keine Unruhen wie in England oder vor einigen Jahren in Paris. Trotzdem gibt es auch hier soziales Elend - und gleichzeitig den Eindruck, dass dabei nicht nur Geld eine Rolle spielt. Die Einkommensverteilung hat sich verschlechtert, aber der deutsche Staat verteilt sehr ausgiebig Einkommen um und schafft dadurch finanziellen Ausgleich. Trotzdem erweckt die öffentliche Diskussion oft den Eindruck, als lebten wir in einer Republik verarmter Hartz-IV-Empfänger und darbender Rentner. Geht es wirklich nur ums Geld?

Kommentare (18)

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squirrel

11.08.2011, 22:19 Uhr

Der Arbeitsmarkt ist Dank der Effizienzsteigerungen der letzten Jahre überbevölkert. Das bekommen die nachwachsenden Generationen besonders zu spüren, und was passiert wenn Diese nicht in die Arbeitswelt und damit in die Gesellschaft integriert werden sehen wir in London, Madrid, den Vororten von Paris. Und auch in Kairo.
Wenn unser Wirtschaftssystem so funktionieren soll wie es jetzt ist, dann bräuchten wir einen Bevölkerungsrückgang.
Niemand ist bereit Sein Leben weg zuwerfen. Dass sich die Verlierer zusammentun ist eine menschliche Folge. Das kann, wie man 1933 gesehen hat, gefährlich werden.

Wolf54321

11.08.2011, 22:30 Uhr

Zustände, wie in England sind hierzulande noch nicht an der Tagesordnung, weil hier höhere Schutzgeldzahlungen (Sozialtransfers) die Erpresser noch still halten. Mit den Ausschreitungen in England geben die sogenannten (hüstel) "Jugendlichen", wie bei Schutzgelderpressung üblich, zum Ausdruck, dass weitere und höhere Schutzgelder schon fällig sind, da man sonst die Sicherheit nicht mehr gewährleisten kann.

Mit höheren Schutzgeldzahlungen könnte man also für eine gewisse Zeit die "Jugendlichen" still halten - bis zu neuen Forderungen.

Da die Kassen aber leer sind, fällt diese Option bis auf Weiteres aus. Für ziemlich lange Zeit.

Ich habe leider auch überhaupt keine Idee (grübel), wie man mit Schutzgelderpressern umgehen sollte.

Vielleicht sollte man einen Fachmann (Gelbe Seiten) fragen.

speculatorius

11.08.2011, 23:31 Uhr

...das Patentrezept kommt bald - ich schreibe daran. Zusammengefasst kann man sagen, dass die Menschheit vor einer historischen Entscheidung steht. Will sie sich von diesem Planeten für immer verabschieden und dabei selbst dafür sorgen oder aber einigen wir uns auf die nächste Stufe gesellschaftlicher Entwicklung? Einer Stufe, die sich vom derzeit allgegenwärtigen Monetarismus löst, dem ständigen Zwang zum Wachstum, der sinnlosen Vergleiche und Wettbewerbe und dem derzeit allem Anschein nach einzig lohnenswerten Streben nach Macht und Reichtum. Die Menschheit muss in eine postkapitalistische Ära übertreten, in der allein das Streben nach Wissen und Fortschritt unser Sein erfüllt, in einer Gesellschaft, in der jeder Einzelne zu einem Mindestmaß zu unserem Gemeinwohl beiträgt - wobei nicht die Höhe der monetären Entlohnung, sondern die persönlich eingebrachte Zeit zählt. Damit wären sämtliche Aufgaben endlich von gleichem Wert für unsere Gesellschaft und auch der Putzfrau würde endlich der Respekt entgegengebracht werden, den sie eigentlich schon immer verdient hätte. Ein höherer Bildungsstand ist doch nur für uns selbst, nicht damit wir später einen "sauberen" Job haben und nur müde auf diejenigen herablächeln, die nicht so angesehene Tätigkeiten ausführen. Sie tun es für uns alle - oder wollen Sie in einem verdreckten Büro hocken oder ihren Müll selbst entsorgen? Alle ökonomischen Grundlagen blieben bestehen und auch das demokratische Grundprinzip, nur eben, dass nicht größtmögliche Rentabilität und Wachstum unser Antrieb ist, sondern Effizienz, Nachhaltigkeit und das Schaffen grundsätzlich sinnvoller Produkte. Kurzum: Jean Luc Picard wüsste, was ich zu erklären versuche und er würde genau so über unsere Gesellschaft den Kopf schütteln, wie Sie wahrscheinlich gerade über diesen Kommentar (sofern Sie noch zu denen gehören, die seit jeher der Auffassung waren, der Kapitalismus sei das bestmögliche System für unseren Fortbestand und weitere Entwicklung)!

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