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10.03.2011

10:48 Uhr

Kommentar

Zu viel Klimaschutz bedroht die Industrie

VonKlaus Stratmann

Solange verbindliche Klimaziele nur in Europa vorgegeben werden, bergen sie hohe Risiken für die Wirtschaft. Jetzt die Schraube weiter anzuziehen hätte für Deutschland fatale Folgen.

Quelle: Pablo Castagnola

Der Streit über eine Verschärfung der EU-Klimaziele ist noch nicht entschieden. Umweltpolitiker wollen die CO2-Emissionen nicht nur um 20, sondern sogar um 25 oder 30 Prozent reduzieren. Bergen strengere Klimaschutzziele mehr Chancen als Risiken?

Im Moment scheinen die Risiken zu überwiegen. Die Meinungen darüber gehen aber weit auseinander, auch innerhalb der Bundesregierung. Erst Ende Februar präsentierte das Bundesumweltministerium in Brüssel eine Studie, in der die grüne Zukunft in schillernden Farben ausgemalt wird. Eine Anhebung des EU-Klimaziels von 20 auf 30 Prozent eröffnet demnach den Weg zu höherem Wachstum und steigenden Beschäftigtenzahlen. Die Autoren, darunter neben dem Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung vier weitere renommierte Forschungseinrichtungen, sagen voraus, dass strengerer Klimaschutz die Wachstumsrate in Europa um bis zu 0,6 Prozentpunkte pro Jahr erhöht und bis zu sechs Millionen zusätzliche Jobs schafft. Dagegen kommt eine jetzt veröffentlichte Prognos-Studie, verfasst im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums, zu gegenteiligen Ergebnissen: Strengere EU-Klimaschutzziele würden Jobverluste und Wachstumseinbußen nach sich ziehen, Deutschland würde darunter besonders stark leiden.

Was stimmt? Wer sich ein Urteil bilden will, sollte die Details beachten, die in der schönen Welt der Klimaschutzpolitik leider nur am Rande beachtet werden. Zu diesen Details zählen die Regeln, die für den Emissionshandel ab 2013 gelten sollen. Bislang war das Handelssystem ein großes Experimentierfeld. Es bescherte den Energiekonzernen zunächst schnelle Gewinne und stellte die Industrie vor Kostenbelastungen, die sich aber als verkraftbar herausstellten. Jetzt wird der Hebel umgelegt: Es tritt der Ernstfall ein.

Seit Ende 2010 ist für die betroffenen Unternehmen absehbar, was auf sie zukommt. Die EU-Mitgliedstaaten stimmten im Dezember den Plänen der Kommission über die Zuteilung von Emissionszertifikaten zu. Einige der betroffenen Branchen sind entsetzt. Sie werden künftig gezwungen sein, für ihre Produktionsprozesse Zertifikate in großem Umfang zu kaufen. Das gilt selbst dann, wenn ihre Anlagen auf dem neuesten Stand sind. Das allein widerspricht der Zusage der Politik, im weltweiten Wettbewerb stehenden Branchen dürften keine zusätzlichen Kosten durch den Emissionshandel entstehen – zumindest dann nicht, wenn sie effizient arbeiten.

Hinzu kommt eine weitere Belastung: Weil die Energiekonzerne im Gegensatz zur Industrie keine Gratiszuteilungen bekommen, sondern für sämtliche Zertifikate, die sie benötigen, den vollen Preis zahlen müssen, werden die Strompreise kräftig steigen. Auch das trifft einzelne Industriebranchen mit hohem Stromverbrauch hart. Die Bundesregierung hatte dafür Kompensationen in Aussicht gestellt. Ob es sie jemals geben wird, steht allerdings in den Sternen.

Kommentare (2)

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Dehning

10.03.2011, 11:19 Uhr

Diesen Kommentar kann man nur abgeben, wenn man in den wirtschaftspolitischen Vorstellungen der 70er und 80er Jahre des letzten Jahrhunderts lebt: In der Bilanz tauchen die Kosten für Umweltschäden, mangelnde Nachhaltigkeit etc. einfach nicht auf. Entstehen werden sie trotzdem, nämlich brutal für die nächste Generation!

Account gelöscht!

10.03.2011, 18:45 Uhr

Man sollte sich den Titel dieses Artikels mal genau auf der Zunge zergehen lassen und über den Sinn bzw. Unsinn der Bedeutung mal nachdenken.
Hier werden also Interessen der Industrie über die Interessen der Menschheit und ihrer Existenz der nächsten Jahrzehnte gestellt. Interessant.

Das hier eine Gegenkalkulation und Gegenstudie, welche mit kräftigen Finanzmitteln der Industrie- und Energielobby gesponsert wurde, präsentiert wird, überrascht in keinster Weise. Man kann für jeden Dreck eine entsprechende Studie "kaufen", die die nötigen Argumente, Statistiken und Kalkulationen enthält.

Nur sollte der Mensch sich generell mal die Frage stellen, wie lange der Wirtschaftswachstum noch mit den aktuellen Mitteln betrieben werden kann und wie lange es dauern wird, bis der Ast, auf dem wir sitzen, von uns selber komplett abgesägt ist. Über Klimaschutz scheiden sich vielleicht die Geister, doch in Zukunft werden sich die Geister darüber streiten, wie die Existenz der Menschheit noch zu retten ist. Denn dass der radikale Raubbau der Natur, die Zerstörung von wertvollem Leben und Ressourcen sowie die Vergiftung und Verpestung von Wasser, Boden und Luft auch ihre Grenzen hat, sollte wohl auch den dümmsten Menschen einleuchten.

Abgesehen davon sollte die "Industrie-Lobby" eins nicht ausser acht lassen. Die finanziellen Schäden verursacht durch den Klimwandel lassen sich auch schon heute gut beziffern. So hat nicht nur die Versicherungsbranche mit den sich häufenden und immer stärkeren Naturkatastrophen und Wetteranomalien zu kämpfen. Auch die Wirtschaftsleistung geht bei Überflutungen, Hitzeperioden, Schneechaos und anderen extremen Wettererscheinungen zurück.

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