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02.10.2015

14:41 Uhr

Kommentar zum Amoklauf in den USA

Gebete sind nicht genug

VonTorsten Riecke

Traurig, frustriert, wütend: Noch nie hat die Welt den US-Präsidenten so aufgewühlt erlebt wie bei seiner Rede nach dem Amoklauf an einem US-College in Roseburg. Der Grund: Er ist machtlos.

Nach Amoklauf an College

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Nach Amoklauf an College: Obama: „Es ist Routine geworden“

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BerlinNoch nie hat Amerika den wohl mächtigsten Mann der Welt so machtlos gesehen wie am Donnerstagabend. Traurig, frustriert, aber vor allem wütend trat Präsident Obama nach dem Amoklauf an einem College in Roseburg im US-Bundesstaat Oregon vor die Presse. Obama war nicht nur gekommen, um den Hinterbliebenen der zehn Opfer sein Mitgefühl auszusprechen. „Unsere Gedanken und Gebete sind nicht genug“, sagte er mit bitterer Stimme. Wohl selten war Amerikas angeblich so emotionsloser Präsident so aufgebracht.

Der Grund für Obamas Wut: Zu oft hat er vor der Nation seine Trauer über solche Amokläufe an Schulen bekundet, zu wenig, viel zu wenig hat sich geändert. Obama sprach von einer schrecklichen „Routine“ von Amokläufen und forderte zu Recht die in der National Rifle Association (NRA) versammelte Waffenlobby Amerikas auf, endlich ihren Widerstand gegen strengere Waffengesetze aufzugeben. Der Präsident appellierte aber vor allem die Amerikaner, direkt Druck auf ihre Kongressabgeordneten auszuüben.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.

Der Autor

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.

Dass Obama sich direkt ans Volk wendet, zeigt, dass er nicht mehr daran glaubt, die Widerstände gegen schärfere Waffengesetz überwinden zu können. Nach dem Massaker an der Sandy Hook Grundschule in Newtown/Connecticut 2012, bei dem 22 Kinder erschossen wurden, hatte Obama noch versprochen, dem Schrecken mit einem neuen Waffengesetz ein Ende zu machen. Nicht mehr jeder Amerikaner sollte ohne weiteres an eine Waffe kommen. „Daran werden wir gemessen werden“, sagte Obama damals. Wenige Monate später wurden die neuen Waffengesetze im Kongress von Vertretern beider großer Parteien blockiert.

Offenbar glaubt die Waffenlobby immer noch, dass das beste Mitte gegen solche Amokläufe mehr Waffen sind. „Das einzige, was einen Verbrecher mit einer Waffe stoppen kann, ist ein guter Bürger mit einer Waffe“ – das ist seit Jahren das Argument der NRA und ihrer Gefolgsleute im Kongress. Sie berufen sich dabei auf den 2. Zusatzartikel der amerikanischen Verfassung, der es angeblich der Regierung verbietet, den Waffenbesitz einzuschränken. Doch das ist unter Juristen seit langem umstritten. Obama hat gestern noch einmal deutlich gemacht, dass die Verfassung keine Entschuldigung bietet.

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Nach der Schießerei an einem US-College stehen die Menschen unter Schock. Auch US-Präsident Obama wirkt fassungslos – und appelliert an sein Volk, endlich die Waffengesetze zu verschärfen.

Was hingegen unbestritten ist, sind die Statistiken des Grauens. Sie zeigen eindeutig, dass Länder mit strengeren Waffengesetzen zwar nicht vor Amokläufen gefeit sind, ihre Zahl dort jedoch deutlich geringer ist als in Amerika. In den USA kommt ohnehin bereits auf jeden Amerikaner eine Waffe in Privatbesitz. Noch mehr Waffen, wie die NRA es fordert, sind also nicht nur sinnlos, sondern gefährlich.

Obama hat den Amerikaner diese Wahrheiten jetzt ins Gesicht gesagt. Es ist nun an ihnen, den öffentlichen Druck zu verstärken. Gebete sind jedenfalls nicht mehr genug.

Kommentare (7)

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Herr Franz Paul

02.10.2015, 15:23 Uhr

Da wird immer wieder eins vergessen: Nicht Waffen töten, sondern Menschen. Welche Schusswaffen wurden bei den Twin Towers verwendet? Wie viele Opfer waren das? Der Irre oder der Verbrecher findet IMMER sein Instrument. Ihn interessieren Gesetze oder Verbote sowieso nicht. Der anständige Bürger soll sich aber nicht wehren dürfen? Wieso nicht? Und dass es in Amerika immer wieder zu solchen Massaker kommt, liegt einfach daran, dass es dort besonders viele Irre und Kriminelle gibt, und das Land mit Massakern Erfahrung hat: Indianer, Sklaven, Bürgerkrieg, Gangsterkrieg, Mord und Totschlag, seit es dieses Land gibt.

Herr Paul Kersey

02.10.2015, 16:23 Uhr

Menschen handeln meist erst dann, wenn sie perönlich betroffen sind. Das gilt auch für Politiker. Ich sage es knallhart: Ein Amoklauf mit einem Dutzend Toten im Kongress oder Senat in Washington und das Waffenrecht wird ganz schnell verschärft. Ein Amoklauf auf einer Wald- und Wiesen-Uni in einem Cowboy-Staat wie Oregon, ändert überhaupt nichts am Waffenrecht. So ist das !

Herr Paul Kersey

02.10.2015, 16:32 Uhr

@Franz Paul
Ihre Theorie stimmt im Prinzip, denn die Schweiz ist bspw. ebenfalls ein Land mit einer überdurchschnittlich hohen Waffendichte. Warum es dort nicht zu so vielen Amokläufen kommt, liegt wie Sie ja selbst ahnen, am grundsätzlichen Geisteszustand der Nation. Da in den USA anerkanntermaßen besonders viele Schwachmaten unterwegs sind, muss hier eben deshalb eine Verschärfung des Waffenrechts in Betracht gezogen werden, während dies in einem Land wie der Schweiz offensichtlich nicht notwendig ist.

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