Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

28.02.2017

14:58 Uhr

Kommentar zum Fall Yücel

Zurück zur Diplomatie

VonOzan Demircan

Die Inhaftierung des deutsch-türkischen Journalisten Deniz Yücel schadet dem Verhältnis von Deutschland und der Türkei. Beide Seiten riskieren, dass sich die Türkei zum Feind Europas entwickelt. Ein Kommentar.

Verhaftung von Deniz Yücel

Gabriel: „Es gibt keinen Anlass, ihm die Freiheit zu entziehen"

Verhaftung von Deniz Yücel: Gabriel: „Es gibt keinen Anlass, ihm die Freiheit zu entziehen"

Ihr Browser unterstützt leider die Anzeige dieses Videos nicht.

Kein Zweifel: Die Meinungsfreiheit fällt in der Türkei ab sofort unter den Terrorverdacht. Wer kritisch hinterfragt und andere informieren will, muss jederzeit mit Haft rechnen. So viel ist klar, nachdem ein türkischer Richter am Montagabend entschieden hatte, den deutsch-türkischen Korrespondenten der deutschen Tageszeitung „Die Welt“, Deniz Yücel, wegen Terrorverdachts und möglichen Datenmissbrauchs auf unbestimmte Zeit in Untersuchungshaft zu stecken.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hat sich zur Inhaftierung Yücels bislang noch nicht geäußert; Kanzlerin Angela Merkel wiederum ungewöhnlich scharf. Beide Seiten riskieren damit, dass sich die Türkei vom Partner Europas zum potenziellen Feind entwickelt.

Pressefreiheit in der Türkei: Die lästigen Journalisten

Pressefreiheit in der Türkei

Die lästigen Journalisten

Die Pressefreiheit in der Türkei wird seit Jahren immer weiter eingeschränkt. In keinem anderen Land sitzen so viele Journalisten im Gefängnis. Doch Staatschef Erdogan beharrt weiter auf seinem Bild der freien Medien.

Mit Blick auf das bevorstehende Referendum über eine weitreichende Verfassungsreform in der Türkei passt das Vorgehen ins Bild: Die regierende Partei AKP sowie die rechtsnationale MHP, die beide die Reform unterstützen, wollen mit markigen Worten und einer harten Hand gegen Türkei-Kritiker die Nationalisten und Konservativen auf ihre Seite bringen. Wissenschaftler, Politiker und eben Journalisten werden in Wahlkampfreden auf dieselbe Stufe gestellt wie Attentäter, IS-Kollaborateure und mutmaßliche Putschisten.

Die Justiz zieht gefällig nach. In keinem anderen Land der Welt sind so viele Journalisten im Gefängnis wie in der Türkei. Mit dem Haftbefehl für einen Korrespondenten, der neben der türkischen die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt, erreicht das Ganze jedoch eine neue Qualität.

Die Diplomatie scheint vom Parkett verschwunden, Erdogan hat die Kanzlerin stattdessen da, wo er sie haben will: beim Wortgefecht. Wenn sie sich weiter darauf einlässt, werden die Beziehungen der Türkei zu Deutschland und Europa erheblichen Schaden nehmen. Die Gefahr, dass das Nato-Mitglied Türkei sich umorientiert, ist ohnehin groß. Merkel ist im Wahlkampf, sie hatte keine Wahl, als die Inhaftierung zu verurteilen. Doch sie muss schnell wieder zum Dialog übergehen – auch wenn es schwerfällt.

Kommentare (23)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Herr Norman Fischer

28.02.2017, 15:10 Uhr

"Wir müssen unbedingt etwas tun. Am besten, wir tun besorgt."
scheint das Motto der deutschen und EU-Politik zu sein.

Da lacht Erdogan doch nur drüber.

Und jetzt soll er auch noch in Deutschland hetzen? Geht's noch ?
Wieso ist es möglich, für russische Politiker und deren Freunde Einreisesperren zu verhängen, aber nicht für türkische ?

Rainer von Horn

28.02.2017, 15:34 Uhr

Politisch ist das äusserst heikel. Gewährt die Bundeskanzlerette dem Monarchen seine Wahlkampfveranstaltung in Deutschland nicht, gehen ihr hierzulande massenhaft Wählerstimmen der Doppelpassinhaber flöten. Andererseits könnte bei den Gesprächen der EU-mitfinanzierte Mauerbau der Türkei an der syrischen Grenze zur Sprache kommen, was die Glaubwürdigkeit der hiesigen Willkommens-Politik im Vergleich zu Trump lädieren könnte. Eine echt schwierige Sitaution, in die man sich ohne Not da reinmanövriert hat.

Herr Grutte Pier

28.02.2017, 15:49 Uhr

@ Rainer von Horn 28.02.2017, 15:34 Uhr

"..... massenhaft Wählerstimmen der Doppelpassinhaber flöten."

Die von Ihnen angesprochene Klientel wird meiner Meinung nach eher SPD wählen.

Die SPD ist doch inzwischen mehr Sprachrohr dieser und anderer "Minderheiten" als Vertreter der deutschen, steuerzahlenden Arbeiterklasse. Die deutsche Arbeiterklasse benötigt diese SPD nur noch, um das Ganze dann zu finanzieren.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×